Tränen der Trauer

Ein Nachruf auf die verstorbene Tanzkünstlerin Pina Bausch

Wuppertal (DT) Ihr Erkennungszeichen war die große Diagonale. Was immer auch vorher geschah – und es geschah viel –, wie heftig, bösartig und gewalttätig, wie erregend, zärtlich und sanftmütig die rituellen Kämpfe zwischen den Geschlechtern auf der Bühne auch gewesen sein mögen, am Ende eines langen Abends Reise durch den Tanz formierten sich alle ihre hinreißend schönen Mädchen und alle ihre in Machoposen geübten Männer ganz langsam zu einem Gang quer über die leere Bühne. Und wenn sie von rechts kommend in der linken Gasse verschwunden waren, hoffte jeder im Zuschauerraum, sie würden noch einmal zurückkehren und erneut wippend und wiegend, begleitet von einer immer seltsamen und wellenartig sich fortpflanzenden Bewegungslinie, die an einen Zug prachtvoll seltener Vögel gemahnte, vor unseren Augen dahinziehen.

Vielleicht werden alle ihre getreuen Zuschauer – und das sind auf der ganzen Welt sehr, sehr viele – die Diagonale auf einer Tournee des Wuppertaler Tanztheaters in Tokio oder New York, in Rio oder Rom, in Moskau, London, Paris, Madrid oder Berlin noch einmal erleben. Aber alle werden weinen dabei. Doch diesmal nicht wie sonst gerührt über die Kunst, die Wahrheit des Lebens im Tanz zu zeigen. Diesmal werden es Tränen der Trauer sein. Pina Bausch ist tot. Das Herz dieser Tanzkompanie schlägt nicht mehr. Sie ist am 30. Juni 2009 gestorben. Die Schmale, Grazile, Feinnervige mit dem immer und überall leicht wiederzuerkennenden Charakterkopf einer Frau, die ganz genau weiß, was sie will, wird sich nie wieder vor ihren Zuschauern verbeugen.

Was 1973 in der Stadt mit der Schwebebahn begann und tatsächlich wie schwebend die Tanzwelt auf allen fünf Kontinenten erobern konnte, ist also Geschichte geworden. „Komm tanz mit mir“, „Keuschheitslegende“, „Kontakthof“, „Cafe Müller“ oder „Er nimmt sie an der Hand und führt sie in das Schloss, die anderen folgen“: So heißen die Stücke, die Pina Bausch berühmt gemacht haben. Es war, als würde sie im siebten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts das an Innovationen wahrlich nicht arme moderne Ballett tatsächlich noch einmal neu erfinden. Was ihr gelang, war einzigartig und ist es bis zum heutigen Tag geblieben. Wenn das gegenwärtig oft bis zur Sinnlosigkeit strapazierte Wort Tanztheater tatsächlich einen wirklichen Sinn gehabt hat, dann in den Piecen dieser bedeutenden Künstlerin.

Im Laufe der dreieinhalb Jahrzehnte ist aus der strengen Choreografin mit dem pessimistischen Blick auf die Liebe, das Leben und den Tod eine zuletzt sogar heitere und entspannte Erzählerin geworden. Auch wenn der melancholische Grundton niemals verblasste. Die weltberühmte Pina war als Philippine Bausch am 27. Juli 1940 zur Welt gekommen. Schon mit Fünfzehn studierte sie bei Kurt Joos an der Folkwang Schule in Essen. Man kann also mit Fug und Recht sagen, dass sie ihr Leben vollständig dem Tanz gewidmet hat. Es ist ein großes Glück für den Tanz, für das Theater, für das Tanztheater, dass das so gewesen ist.