Torheit verursacht Todesfahrt

Weiter Deutsche unter den Vermissten nach dem Schiffsunglück vor Giglio. Von Guido Horst

Der von einem Felsen zerstörte Rumpf des Kreuzfahrtschiffes „Costa Concordia“: Eine Aufnahme von Tauchern, die dort nach möglichen Überlebenden in den Räumlichkeiten suchten, die unter Wasser liegen. Gestern mussten sie wegen schweren Seegangs die Tauchgänge zum Teil einstellen. Foto: dpa
Der von einem Felsen zerstörte Rumpf des Kreuzfahrtschiffes „Costa Concordia“: Eine Aufnahme von Tauchern, die dort nach... Foto: dpa

Rom (DT) Offenbar befinden sich sieben Deutsche unter den Vermissten nach dem Schiffsunglück vor der toskanischen Küste. Bis gestern waren es immer noch sechzehn Passagiere des gekenterten Meeresriesen, nach denen Taucher, Küstenwache und Rettungskräfte suchen, wobei nicht ausgeschlossen werden kann, dass vermeintliche Opfer der Katastrophe im Durcheinander der Nacht von Freitag auf Samstag nicht erfasst wurden und irgendwo unterwegs oder erst gar nicht an Bord gegangen sind. Am Sonntag haben Helfer ein sechstes Todesopfer im Wrack der „Costa Concordia“ geborgen, die mit über viertausend Passagieren in Civitavecchia ausgelaufen war, den Hafen von Savona erreichen sollte, dann aber an der Küste der kleinen Insel Giglio auf einen Felsen auffuhr. Bei den vermissten Deutschen soll es sich laut Polizeiangaben um ein Ehepaar, zwei Schwestern und einen Mann aus Hessen sowie zwei Frauen aus Baden-Württemberg handeln.

Der 52 Jahre alte Kapitän des Kreuzfahrtschiffs, der aus einer italienischen Reederfamilie stammende Francesco Schettino, wurde noch in der Unglücksnacht festgenommen und sitzt in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft erhebt schwerste Vorwürfe gegen den Mann. Völlig unklar ist, warum Schettino mit dem gewaltigen Schiff von 290 Metern Länge bis auf hundertfünfzig Meter an die Küste herangefahren ist. Zudem hat der Kapitän eine Stunde gewartet, bis er das SOS durchgab – und dann die „Costa Concordia“ verlassen, als noch Hunderte von Passagieren an Bord waren und auf Rettung warteten. Es gibt Vermutungen, dass Schettino Touristen am Hafen von Giglio oder die eigenen Passagiere beziehungsweise Besatzungsmitglieder mit der riskanten Fahrt direkt an der Küste entlang beeindrucken wollte. Die Kreuzfahrtgesellschaft teilte am Sonntag mit, dass der Kapitän „Beurteilungsfehler“ gemacht hat, die „schwerste Folgen“ gehabt hätten. Die Anklage gegen den Mann lautet auf fahrlässige Tötung, Verursachung eines Schiffbruchs und vorzeitiges Verlassen seines Postens. Mit einem Neigungswinkel von achtzig Grad liegt die „Costa Concordia“ direkt vor der Küste der Insel und ist inzwischen gesichert.

Das Unglück hat in Italien alle anderen Nachrichten in den Schatten gestellt. Die Medien verglichen die Katastrophe immer wieder mit dem Untergang der Titanic und anderen, schweren Seeunfällen der vergangenen Jahrzehnte. Während man am Samstagmorgen bei den rund um die Uhr berichtenden Fernsehsendern den massiven Felsbrocken sehen konnte, der sich wie eine Faust in die unter Wasser liegende Eisenwand des Schiffs hineingedrückt hatte, wurden im Laufe des Samstags und Sonntags zunehmend auch Handyaufnahmen gesendet, die Passagiere gemacht hatten. Sie zeigen, dass es beim Einsteigen in die Rettungsboote zu teilweise panikartigen Augenblicken kam.

Gilt der Kapitän als der große Schuldige, so gibt es auch einen Helden: Trotz einer schweren Verletzung an den Beinen harrte der Offizier Marrico Giampetroni 36 Stunden in einem teilweise gefluteten Teil des Schiffes aus, nachdem er zahlreichen Passagieren geholfen hatte.