Südtirol will sich nicht mit Italien freuen

Landeshauptmann Luis Durnwalder nimmt nicht an Einheitsfeiern teil Von Stephan Baier

Bozen (DT) Am 17. März wird ganz Italien seine vor 150 Jahren errungene Einheit feiern. Ganz Italien? Nein! Eine von unbeugsamen Tirolern bevölkerte Region hört nicht auf, auf ihre eigene Identität zu pochen. So könnte man in Abwandlung des Vorworts zu allen Asterix-Heften wohl formulieren, denn Südtirols Landeshauptmann Luis Durnwalder von der schon immer regierenden „Südtiroler Volkspartei“ (SVP) hat in dieser Woche klargestellt, dass sein Land sich nicht an den italienischen Einheitsfeiern beteiligen werde. „Für die deutsche und ladinische Volksgruppe ist alles, was mit der Einheit Italiens zu tun hat, kein Grund zum Feiern“, so der seit 1989 amtierende Landeshauptmann. An dem einmalig gefeierten Staatsfeiertag am 17. März in Turin wird der Regierungschef Südtirols nicht teilnehmen. Und er lässt sich auch nicht durch einen Landesrat (Minister) vertreten. Wenn sich in Rom am 17. März alle Regionen Italiens präsentieren, um ein buntes, vielfältiges Bild des Staates zu bieten, wird Südtirol fehlen.

In der Landesregierung in Bozen soll darüber lange und heftig debattiert worden sein, heißt es. Doch Durnwalder setzte seine Linie durch. Bei den Feiern gehe es nicht nur um den 17. März 1861, an dem König Vittorio Emanuele in Turin das Königreich Italien ausrief, „sondern auch um den Ersten Weltkrieg, um die Abtrennung Südtirols von Österreich, um Faschismus und Nationalsozialismus und die folgenden schweren Jahre für Südtirol“, so der Landeshauptmann. Sein Fazit: „Jeder wird verstehen, dass wir nicht feiern können, dass wir von Österreich getrennt wurden, dass man uns das Selbstbestimmungsrecht verweigert hat und dass das erste Autonomiestatut bewusst falsch ausgelegt worden ist.“ Doch nein, nicht jeder versteht das: Viele italienische Politiker aus Südtirol und Trentino sind enttäuscht oder empört. „Unglaublich!“, poltert der Unitalia-Landtagsabgeordnete Donato Seppi, der darauf hinweist, dass der Landeshauptmann die gesamte Provinz, also auch die in Südtirol lebende italienische Volksgruppe zu vertreten habe.

Auch der deklarierteste Österreich-Freund unter den Christdemokraten Italiens, Ex-Minister und Parlamentsvizepräsident Rocco Buttiglione, hat sich enttäuscht zu Wort gemeldet: „Wird der Radetzkymarsch gespielt, so bin ich bereit, in die Hände zu klatschen, auch wenn für uns Italiener manche traurige Erinnerung damit verbunden ist. Warum sollten Sie, Herr Landeshauptmann, die Einheit Italiens mit uns nicht feiern und ein Glas Wein zum Wohle Italiens, Österreichs und Südtirols leeren?“, schreibt Buttiglione in einem offenen Brief. Der in Südtirol tief verwurzelten geschichtlichen Nostalgie streut er Rosen: „Das habsburgische Kaiserreich war kein nationaler Staat. Es war eher eine Familie von Nationen – nicht ganz unähnlich jener, die wir heute als Europäische Union aufbauen wollen.“ Der Kompromiss, den Italiener, Südtiroler und Österreicher nach dem Zweiten Weltkrieg besiegelten, „gilt heute in Europa als Modell“. Gemeint ist wohl nicht das Erste Autonomiestatut von 1948, sondern das 1972 in Kraft getretene Zweite Autonomiestatut, das Südtirol tatsächlich zu einem europaweit beachteten Modell für Volksgruppenrechte machte.

Südtirol habe wichtigere Themen als diese Feiern, meint nun der SVP-Jugendreferent Manuel Raffin. Auch er insistiert darauf, dass niemand von der deutschen und ladinischen Volksgruppe Südtirols verlangen könne, die italienische Einheit zu feiern. Ein eigenes Argument steuerte dazu die stellvertretende SVP-Vorsitzende Martha Stocker bei, dass nämlich „Südtirol noch nicht lange Teil des italienischen Staates ist“. Dass die südliche Seite Tirols „sowohl nach dem Ersten als auch nach dem Zweiten Weltkrieg gegen den Willen der angestammten Bevölkerung Italien einverleibt wurde“, das würde heute wohl niemand mehr ernsthaft bestreiten.