Sommer ade

Beim Balderschwanger Almabtrieb im Allgäu geht es noch ganz traditionell und beschaulich zu. Von Karl-Heinz Wiedner

Haben einen anstrengenden, aber schönen Almsommer hinter sich: Senner führen ihre Rinder in den heimatlichen Stall. Foto: Mechthild Wiedner
Haben einen anstrengenden, aber schönen Almsommer hinter sich: Senner führen ihre Rinder in den heimatlichen Stall. Foto: Mechthild Wiedner

Zwischen dem 11. und 20. September herrscht Hochsaison in rund dreißig Orten des Allgäuer Voralpenlandes. Jedes Jahr bereiten sich viele Hirten nach einem Sommer auf den Alpen für den Abtrieb der ihnen von den Bauern anvertrauten Tiere ins Tal vor.

„Ein Vierteljahr hindurch sömmerten hoch droben auf den saftigen Allgäuer Alpwiesen bis zum Tag des Viehscheids insgesamt etwa 30 000 Jungtiere“, erzählt ein Bauer, der auf dem Traktor mit Hänger einen der Scheidplätze im Tal ansteuert, wo sein Vieh durch den Hirten „geschieden“, ihm also wieder aus der Menge der „Sommerfrischler“ zugeteilt wird. „Außerdem zahlreiche typische braune Allgäuer Milchkühe auf mehr als 650 Weideplätzen in verschiedenen Höhenlagen“, fährt er fort. „Alle konnten sich den Sommer über oft in mehr als 1 200 m Höhe an den sattgrünen Wiesen mit Kräutern und saftigen Gräsern laben.“

Erste Planungen und Vorbereitungen rund um den Alpabtrieb zum Viehscheid beginnen bereits Anfang Juni zur Zeit des Auftriebs der Jungrinder in allen teilnehmenden Gemeinden, um historisches Volksbrauchtum zu pflegen. So auch in Balderschwang, das unmittelbar an Österreich grenzt. „Alles muss auch bei uns frühzeitig organisiert werden“, betont Sepp Steurer, der Scheidmeister in Balderschwang. Sepp ist ein alteingesessener Allgäuer, der aus reichem Erfahrungsschatz schöpfen kann. Er ist stolz auf den weit über die Grenzen hinaus bekannten Urlaubsort Balderschwang, „der höchstgelegenen, selbstständigen Gemeinde Deutschlands in 1 044 Meter Höhe“ wie er sagt.

Steurer kann sich das ganze Jahr hindurch nicht über zu wenig Arbeit beklagen. Er ist einer von nur noch drei übrig gebliebenen aktiven Landwirten im Ort, stellt in eigener Käserei Butter und verschiedene Bergkäsesorten her. Er bietet zusammen mit seiner Frau Urlaub auf dem Bauernhof an und wird dank beständigem Schneereichtum im Winter zum Skilehrer. Mitte September ist er für den Ablauf des Viehscheids im Ort zuständig. „Vor 19 Jahren“, so erinnert sich Sepp, „riefen drei engagierte Einheimische aus Balderschwang diesen besonderen Viehscheid ins Leben, so dass wir heuer sein zwanzigstes Jubiläum feiern können.“

Die vier Alpen Gelbhansekopf, Oberbalderschwang, Schwarzenberg und Wilhelmine sind die Ausgangspunkte für den im Stundentakt festgelegten Einzug der Viehherden von vier Seiten her zum Scheidplatz im Tal beim Feuerwehrhaus, „wie es uraltem Brauch entspricht, heutzutage aber anderswo gern als reine Touristenattraktion vermarktet wird“, was Sepp doch bedauert und Hirten sowie Bauern kritisch reagieren lässt. Doch die Touristen werden gebraucht. Und wenn endlich zum Ende des Bergsommers das weithin hörbare Geläut unzähliger Schellen des überwiegend braunen Allgäuer Jungviehs und der Glocken vieler Kühe im Balderschwanger Tal das Eintreffen der Tierherden ankündigt, säumen viele Zuschauer Plätze und Straßen, worüber sich dann doch alle freuen.

Oben auf der Alp wird noch eine Herde geschmückt. „Verlief der Aufenthalt ohne Unfall oder Verlust eines Tieres, wählt der Hirte ein Leittier als Kranzkuh aus. Deren Kopf ziert er mit einer sorgfältig gebundenen Krone aus Naturmaterial: Bergblumen, Gräser, Kräuter und Tannenzweige“, erklärt Sepp. Ein eingeflochtenes Kreuz versinnbildlicht den Dank für den Beistand der Muttergottes und des heiligen Wendelin als Schutzpatron.“ Auch ein Spiegel verbirgt sich nach alter Sitte häufig im Kranz, der nach überliefertem Volksbrauchtum beim Blick hinein die „bösen Geister“ erschrecken und abwehren soll. Bekommt das Vieh schließlich eine Glocke um den Hals gehängt, macht sich die Herde bald ungestüm auf den Weg zum Scheidplatz in der Ortsmitte. Dort regelt der Hirte in der Bedeutung des Wortes „Viehscheid“ die Trennung der Herde und die Zuteilung der einzelnen Tiere an ihren jeweiligen Besitzer.

Warten die Einheimischen und die Touristen am Feuerwehrhaus gespannt auf das Eintreffen der von den Älplern stolz geführten Herden, geht derweil der Gaumenschmaus unter Musikbegleitung an Biertischen und Bänken mit Getränken, Allgäuer Schmankerln sowie selbstgebackenen Kuchen der Balderschwanger Frauen weiter. Die Hirten, die nach der anstrengenden und aufregenden Zeit auf der Alpe den Winter über ihren heimischen Tätigkeiten im Tal nachgehen werden, widmen sich erst einmal dem Schellenauswürfeln.

Das Leben als Hirte scheint zumindest in dieser Region nahe dem Bregenzerwald sehr begehrt zu sein, obwohl jeder Hirte wie auch die ganze Älplerfamilie hoch droben einhundert lange und anstrengende Arbeitstage von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang verleben. „Die Balderschwanger Hirten stammen alle aus der nächsten Umgebung und melden sich oft schon als Kinder mit zwölf Jahren als „Kleinhirten“ an, die ganz verrückt nach dieser Tätigkeit am Berg sind, auch wenn man die Aufgaben erst von älteren Hirten lernen muss“, sagt der Scheidmeister. „Ob der Hirtenalltag idealisiert wird oder nicht: Hauptsächlich steht das Schaffen im Vordergrund des Tagesablaufs, der auch die Betreuung sowie Überwachung der Viecher beinhaltet, bis jeder irgendwann zur Nachtruhe erschöpft seine Schlafgelegenheit in der Hütte aufsucht“, sagt er.

Einzig der Viehscheid wird zum Schluss des Bergsommers vor dem ersten Schneefall für alle noch einmal zu einem feierlichen Höhepunkt, an dem die Älplerfamilien in ihrem „besten Gewand“, der dem Bregenzerwald entlehnten Balderschwanger Kleidung, zu bestaunen sind. Daneben fallen viele Leute in einfacher Lederhose mit bestickten Edelweißhosenträgern auf, die nicht nur aus Balderschwang stammen, sondern von anderen Viehscheidorten vorbeischauen und bei urlaubenden Touristen den Eindruck hinterlassen, dass das Leben als Hirte auf der Alpe vielleicht doch recht romantisch sein könnte.