Seelisch verwundeten Bundeswehrsoldaten helfen

Erlebte Gräuel und Stress bei Auslandseinsätzen führen zunehmend zu sogenannten posttraumatischen Belastungsstörungen

Würzburg/Berlin (DT) Afghanistan, Kosovo, Bosnien – mit dem Einsatz deutscher Soldatinnen und Soldaten wird die deutsche Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren wieder öfter mit den Gräueln des Krieges konfrontiert. Dabei taucht immer wieder der Begriff PTBS auf: Soldaten, die bei ihrer Rückkehr psychisch krank sind, Menschen in den Einsatzgebieten, die dem Krieg nicht allein körperlich, sondern seelisch verletzt entfliehen. Ein Krieg kann zwei Reaktionen bei denen zur Folge haben, die ihn erleben: eine – normale – akute und eine – behandlungsbedürftige – sogenannte posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), die früher unter der Bezeichnung psychisches Belastungssyndrom zusammengefasst wurden.

Albträume, Herzrasen, Schlaflosigkeit, Zittern – die äußeren Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung sind vielfältig, ebenso ihre Ursachen. Posttraumatisch heißt, dass die Krankheit erst Wochen, Monate oder sogar Jahre nach dem nicht verarbeiteten Schockerlebnis ausbrechen kann. Dadurch werden Behandlung und Heilung oft zu einem langen und schwierigen Prozess.

Auslandseinsätze, wie etwa in Afghanistan, konfrontieren die Bundeswehrsoldaten häufig mit Herausforderungen, die mit militärischen Mitteln nicht zu meistern sind. Sie erleben Armut und Elend in der Bevölkerung. Sie müssen mit einer ständigen Bedrohungs- und Gefährdungslage umgehen können. Sie können selbst Opfer von Anschlägen werden oder müssen erleben, wie es ihre Kameraden trifft. Das alles sind Stresssituationen, die Körper und Seele gleichermaßen angreifen.

Bisher rund 480 Soldaten wegen eines Posttraumas behandelt

Seit 1996 wurden über tausend Bundeswehrsoldaten nach Auslandseinsätzen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung behandelt. 477 von ihnen wurden zwischen 2006 und 2008 in den Bundeswehrkrankenhäusern betreut. In diesem Zeitraum verdreifachte sich auch die Zahl der Betroffenen: 2006 lag sie bei 83 Soldaten, 2007 waren es 149 und ein Jahr später 245. Einen deutlichen Anstieg gab es insbesondere mit dem ISAF-Einsatz in Afghanistan. Von 3 500 Soldaten wurden vor drei Jahren 55 Afghanistan-Rückkehrer mit einer PTBS behandelt, ein Jahr später 130 und 2008 schließlich 226. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus, weil Betroffene aus Scham und Furcht vor Ausgrenzung nicht zum Arzt gingen.

Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde die Posttraumatische Belastungsstörung durch das Filmdrama „Willkommen zuhause“. Der Film löste nach der Ausstrahlung in der ARD am 2. Februar Betroffenheit und eine breite Diskussion über traumatisierte Soldaten der Bundeswehr nach Auslandseinsätzen aus. Intensiv und realistisch thematisiert das Drama die Überforderung eines jungen Soldaten, dessen Seele mit den Erlebnissen aus dem Krisengebiet nicht fertig wird. Zudem kommt die Überforderung seiner heimatlichen Umgebung, die in ihrer friedlichen Alltäglichkeit nicht damit rechnet, sich mit Kriegsfolgen auseinandersetzen zu müssen. Fast 62 000 Soldaten waren in den vergangenen drei Jahren bei Auslandsmissionen auf dem Balkan und in Afghanistan eingesetzt.

„Seelische Verwundungen sind genauso ernst zu nehmen wie körperliche Verwundungen“, erklärte vergangene Woche Verteidigungsminister Franz-Josef Jung vor den Abgeordneten des Deutschen Bundestages. Die Bundeswehr habe die Bedeutung der Posttraumatischen Belastungsstörung seit langem erkannt und handele dementsprechend. Wichtig sei vor allem schnelle und gezielte Hilfe. Diese leistet die Bundeswehr derzeit mit einem dreifachen Ansatz: „Traumapsychologie“ ist ein fester Bestandteil der einsatzvorbereitenden Ausbildung. Während des Einsatzes stehen die psychologische Stabilisierung der Soldatinnen und Soldaten im Vordergrund. Und wenn die Soldaten heimkehren, steht ihnen ein psychosoziales Netzwerk, bestehend aus Sanitätsdienst, Psychologischem Dienst, Sozialdienst, Militärseelsorge und weiteren Einrichtungen auf Standortebene zur Seite.

Künftig sollen nach einem im Bundestag eingebrachten interfraktionellen Antrag die Betreuungs- und Behandlungsmöglichkeiten für die Soldatinnen und Soldaten verbessert werden. In dem Antrag wird unter anderem gefordert, „die vorhandenen und gegebenenfalls neuen Einrichtungen der Bundeswehr zu einem Kompetenz- und Forschungszentrum zur Behandlung von PTBS in der Bundeswehr zusammenzufassen“. Außerdem sollen innerhalb der Bundeswehr psychosoziale Beratungsangebote eingerichtet werden, die von PTBS-Betroffenen und ihren Angehörigen auch anonym und telefonisch in Anspruch genommen werden können. Darüber hinaus soll die Unterstützung für bereits aus der Bundeswehr ausgeschiedene ehemalige Soldaten verbessert werden. Denn es kann Monate oder Jahre dauern, bis sich nicht verarbeitete Emotionen einen Weg an die Oberfläche bahnen und Symptome auftreten: Dem heimgekehrten Soldaten geht es äußerlich gut, doch wenn er beispielsweise beim Grillen verbranntes Fleisch riecht oder einen lauten Knall, ähnlich einem Schuss, hört, werden Erinnerungen an das schreckliche Erlebte ausgelöst.

Bundeswehr richtet eine Stelle „Psychische Gesundheit“ ein

Auf den Internetseiten des Verteidigungsministeriums wird gemeldet, dass ab Mitte 2009 am Institut für Medizinischen Arbeits- und Umweltschutz der Bundeswehr in Berlin der Arbeitsbereich „Psychische Gesundheit“ eingerichtet werden soll. Ob ein „Arbeitsbereich“ schon das angekündigte und geforderte „Kompetenz- und Forschungszentrum zur Behandlung von PTBS“ sein kann, ist offen. Um die Hilfe weiter auszubauen, kündigte Jung eine Telefon-Hotline an, bei der sich Betroffene anonym beraten lassen können. Das senke die Hemmschwelle. Denn wichtig sei es, dass sich die Soldaten in ärztliche Behandlung begäben: „Je schneller, desto besser.“

Wie groß der Ruf nach Hilfe und Information ist, zeigte die Resonanz auf einen Chatroom der Internetinitiative „Angriff auf die Seele“, den Hauptfeldwebel Frank Eggen vom Katholischen Militärbischofsamt in Berlin unmittelbar nach Ausstrahlung des ARD-Films „Willkommen zuhause“ angeboten hatte. Innerhalb einer Stunde gab es 160 Besucher. Der überwiegende Teil der Teilnehmer waren Angehörige von Soldaten, aktive Soldaten, Reservisten und Betroffene, die nach ihrem Einsatz an traumatischen Erlebnissen leiden und darüber berichteten.