Schnarchmaske und heiliges Feuer

In Deutschland gibt es insgesamt 170 Museen zur Geschichte des Heilens. Von Michael Gregory

Blick in ein altes Krankenzimmer: Im Museum des Klinikums Dritter Orden. Foto: Gregory
Blick in ein altes Krankenzimmer: Im Museum des Klinikums Dritter Orden. Foto: Gregory

Zu Neujahr hat sie jeder wieder gehört, die guten Vorsätze und Wünsche. „Hauptsache gesund“ sagen dann viele, oder „Das Wichtigste ist doch Gesundheit“. Keine Frage: Gesundheit ist für viele ein hohes, wenn nicht das höchste Gut. Das kann manchmal sogar übers „gesunde“ Maß hinausgehen. Jedenfalls kommt die Rede vom „Gesundheitswahn“ nicht von ungefähr in Zeiten, die via Werbung, Medien und oft auch den Sport das Bild ewiger Jugend und Leistungsfähigkeit suggerieren.

Gesundheit erhalten, Krankheit heilen, Leben verlängern – dies ist ein uralter Menschheitstraum und Teil unserer Geschichte. Jesus selbst ist seinen Zeitgenossen als Heiler vorangegangen. Doch die Menschen hatten es bereits selbst versucht, wobei anfangs noch viel Zauberkraft im Spiel war, etwa in Form böser Dämonen. Spezielle Kenntnisse entwickelten sich aber rasch, etwa im Alten Ägypten. In der Antike ging es dann richtig los. Man denke an die Asklepiosmedizin. Später trat Hippokrates hinzu und viele mehr. Das Heilen, und damit die zentralen Heilberufe (Medizin und Pharmazie), sind tragende Säulen unserer kulturellen Entwicklung, die sie auf wunderbare Weise mitgeformt haben, auch wenn es fürchterliche Irrwege gab.

Darum überrascht es, dass erst jetzt ein Buch erschienen ist, das alle Museen in einem Werk bündelt und bespricht, die es in Deutschland zur Medizin, Pharmazie und zur Kunst des Heilens ganz allgemein gibt. Es trägt den augenzwinkernden Titel „Besuchen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ (S. Hirzel Verlag) und umfasst zwei Bände, jeweils einen für Nord- und Süddeutschland. Mehrere Jahre haben sich die beiden Autoren, der renommierte Medizinjournalist Eckart Roloff und die Biologin Karin Henke-Wendt, auf die Suche begeben und Erkundungen angestellt, sind kreuz und quer durch die Republik gereist, um sich ein Bild vom Umfang und der Qualität jener Orte zu machen, die sie präsentieren. Herausgekommen ist ein 523 Seiten starkes Kompendium mit 170 Museen und Sammlungen – alle öffentlich zugänglich, mal mehr, mal weniger umfangreich und technisch auf der Höhe der Zeit, mitunter auch verstaubt und nicht immer ganz leicht zu finden. 170 Museen, viele davon in kirchlicher Trägerschaft oder christlich inspiriert – diese Zahl überrascht auch deshalb, weil es mit der Medizin und der Pharmazie im Kern eben nur zwei Disziplinen sind, die im engeren Sinne als Heilberufe gelten.

Auf jeden Fall lohnt ein Besuch in jeder einzelnen dieser Schauen, denn unter ihren Dächern verbirgt sich viel Spannendes, oft Überraschendes und manchmal auch Spektakuläres. Schon etwas vom Schnarchmuseum gehört? Es befindet sich in der südniedersächsischen Stadt Alfeld an der Leine und liefert alles Wissenswerte über „Ronchopathie“, womit kräftiges Schnarchen gemeint ist. 60 Prozent der Männer, 40 Prozent der Frauen und zehn Prozent der Kinder haben es. Betrieben wird das Haus von den Mitgliedern der Alfelder Schlafapnoe-Gesellschaft, die sich selbst als „gefährliche Schnarcher“ bezeichnen. Mag sein, dass sie zugleich gefährlich sind, auf jeden Fall sind sie gefährdet, denn Atemaussetzer können böse Folgen haben. Man sollte, so Museumsgründer Josef Wirth, „dieses Haus mit einem Lächeln betreten und belehrt wieder verlassen“. Tatsächlich werden viele erstaunliche Objekte gezeigt: Nasenklemmen, Mundprothesen, Schnarchstopper und Rückenwesten aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Manches erinnert an die Utensilien mittelalterlicher Folterkammern. Vielleicht ist es gerade dies, was die Schau so interessant macht.

Beide Bände sind nach Bundesländern gegliedert. So wird der Stoff übersichtlich präsentiert und schon die Lektüre des Inhaltsverzeichnisses sorgt für spannende Erkenntnisse. So hat jede Region Deutschlands ihre eigenen, oft eng mit ihrer Geschichte verwobenen Schwerpunkte in Sachen Medizin und Pharmazie. Was sich wie ein roter Faden durch alle Gegenden zieht, sind die zahlreichen DRK-Museen und Apothekenmuseen.

Auch manch christlich geführtes Haus wird vorgestellt, hat die „Caritas“ als Motiv doch die Entwicklung der medizinischen und pharmazeutischen Versorgung hierzulande wie in ganz vielen anderen Teilen der Welt entscheidend vorangebracht. Ein besonders anrührendes Beispiel: Das Wirken der Antoniter in Memmingen/Allgäu. Es zeigt, welch ungeheure positiven Kräfte durch die Verbindung von Glauben und Heilen frei werden können. Dort, in Memmingen, wandten sich die Ordensbrüder der Antoniter ab dem 15. Jahrhundert Menschen zu, die an Mutterkornbrand, auch ignis sacer, Heiliges Feuer oder Antoniusfeuer, erkrankt waren. Es wurde durch giftige Pilze an Roggenähren ausgelöst. Wer von befallenem Brot aß, wurde „verzehrt“ vom „heiligen Feuer“ und „verfaulte an zerfressenen Gliedern, die schwarz wie Kohle wurden“, so ein Chronist. Der Orden, dessen Brüder bewusst mit den Kranken an einem Ort lebten, kümmerten sich um die Wunden der Leidenden, die auch mit dem Kräutertrunk „Antoniuswein“ versorgt wurden. Am Originalschauplatz ist heute ein Museum untergebracht, dessen Bilder offenbaren, wie entstellt die Menschen waren und wie die Brüder halfen, deren Orden sich einzig der Hilfe bei ignis sacer verschrieben hatte. Soweit möglich wurde auf Hygiene und gesündere Ernährung geachtet. Half alles nichts, kam die Knochensäge zum Einsatz. Das Ganze ohne Narkose. Doch hat man die Wahl, wenn Gefahr droht, bei lebendigem Leib zu verfaulen? Auch dazu gibt es Bilder.

Die Liste christlich-altruistischer Motive in der Medizingeschichte ließe sich beliebig fortsetzen. „Besuchen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ nennt viele weitere Häuser, etwa das Krankenhausmuseum Klinikum Dritter Orden in München oder die Historische Sammlung der Bethel-Heilanstalten in Bielefeld, die ein Schlaglicht auf die teils sehr bedrückende Psychiatriegeschichte in diesem Land wirft. Gerade auf diesem Feld des Heilens gab es manch niederschmetternden Irrweg. Hochinteressant auch die Entwicklung der Medizintechnik. Ein wichtiger Standort dazu: die Röntgengedächtnisstätte in Würzburg, nur fünf Minuten Fußweg vom Hauptbahnhof entfernt, oder die Sammlung historischer Klammernahtgeräte, ebenfalls in der prachtvollen Bischofs- und Universitätsstadt Würzburg. „Besuchen Sie ihren Arzt oder Apotheker“ stellt sie vor. Aber niemand muss Sorge haben, dass es sich um ein schwer verständliches medizinisches Fachbuch handelt. Alle Texte fesseln mit einer lebendigen, journalistischen Sprache, leicht zu lesen ohne dass es inhaltlich abflacht.