Restauration mit Missklängen

Die Nonnen des Klosters Santa Inés in Sevilla wollten ihre Orgel renovieren – nun droht ihnen ein Bußgeld. Von Andrea Schultz

Instrument des Anstoßes: Die Orgel Santa Inés
Instrument des Anstoßes: Schon E.T.A. Hoffmann inspirierte die Orgel Santa Inés. Foto: IN

In seiner Prosalegende „Der Organist Meister Pérez“ („Maese Pérez, el organista“) erzählt Gustav Adolfo Bécquer (1836–1870) eine dieser unerklärlichen, ja ins Geheimnisvolle wechselnden Geschichten, die den spanischen Dichter zusammen etwa mit E.T.A. Hoffmann zu einem Vorläufer der phantastischen Literatur werden lassen. Nach dem Tod des begnadeten Organisten Meister Pérez erklingt die Orgel der Kirche Santa Inés von Sevilla weiterhin genauso herrlich wie vorher, ob nun ein mediokrer Organist oder auch die Tochter von Meister Pérez an den Registern sitzt, ja sogar wenn niemand zu spielen scheint. „Da spukt es“, heißt es zuletzt, und „der Spuk war die Seele des Meister Pérez“.

Die durch Bécquers Erzählung berühmte Orgel steht seit einigen Wochen in den Schlagzeilen, seitdem die Landesregierung Andalusiens und die Klarissen-Nonnen vom Kloster Santa Inés um die Restaurierung der historischen Orgel aus dem 18. Jahrhundert streiten. Alles begann Anfang des Jahres, als die neugegründete Stiftung „Alqvimia Musicae“ den schlechten Zustand des mit einem in Gold und Silber verzierten Orgelgehäuse geschützten Instruments feststellte. „Von den 600 Pfeifen funktionierten kaum noch 60“, hieß es seitens der Stiftung. Wie so oft etwa im Bereich der Malerei, war auch hier eine mangelhafte Restaurierung größtenteils für den desolaten Zustand der Orgel verantwortlich. Denn 1903 wurde die Originalklaviatur ersetzt. Außerdem wurde die linke Seite des Orgelgehäuses zerstört, um die Orgel mit weiteren Pfeifen zu ergänzen. Etwa dreißig Prozent des Farbauftrages war vor Beginn der jetzigen Restaurierung verschwunden.

Nachdem sich die Stiftung „Alqvimia Musicae“ bereit erklärte, 75 Prozent der Kosten zu übernehmen, und die Restaurierung einem Team unter der Leitung von Abraham Martínez anzuvertrauen, konnten die Restaurierungsarbeiten beginnen. Das Team um Abraham Martínez hatte bereits für die Diözese Sevilla und für das Nationale Archäologische Museum Madrid gearbeitet. Anhand der Orgel in der Pfarrei Alcalá del Río, die es selbst 2011 restauriert hatte, konnte das Team die Originalgestaltung der Orgel von Santa Inés rekonstruieren. Die Orgel wurde auseinandergenommen und in eine Spezialwerkstatt gebracht.

Die Probleme mit der Landesverwaltung begannen, als am 17. Oktober zwei Sachverständige des andalusischen Kulturministeriums im Kloster Bauarbeiten zu beaufsichtigen hatten. Sie stellten fest, dass die Orgel entfernt worden war. Dies hätte nur nach Mitteilung an die Generaldirektion für das Kulturerbe des genannten Landesministeriums getan werden dürfen. Was die Beamten auch den Schwestern aus dem Kloster Santa Inés erklärten. Gegen sie wurde ein Bußgeldverfahren eingeleitet.

Am 11. November verhängte denn auch das Landesministerium für Kultur, Tourismus und Sport von Andalusien ein Bußgeld in Höhe von 170 000 Euro gegen das Kloster – 20 000 Euro wegen unerlaubten Entfernens eines Kulturgutes aus seinem angestammten Ort sowie 150 000 Euro wegen Restaurierung ohne vorherige Genehmigung. Sollte das Kloster freiwillig das Bußgeld bezahlen, so würde der Betrag auf 102 000 Euro herabgesetzt. Der im Geldbußbescheid enthaltene Grund: Das Kloster sei 1983 von der andalusischen Landesregierung zum „öffentlichen Kulturgut“ („Bien de Interés Cultural“, BIC) erklärt worden. Da die Orgel zum Inventar des Klosters gehöre, sei sie ebenfalls als Kulturgut anzusehen. Das Verfahren ist allerdings noch nicht abgeschlossen, da der Rechtsanwalt des Klosters, Joaquín G. Moeckel, gegen die „ungerechte und übertriebene“ Strafe Einspruch eingelegt hat.

Die Bevölkerung unterstützt die Nonnen

Die Entscheidung der Landesverwaltung hat für einigen Aufruhr gesorgt. Gegen die Entscheidung wurden mehr als 60 000 Unterschriften gesammelt und mehrere Demonstrationen veranstaltet. Die Unterstützung der Bevölkerung schlägt sich in den sozialen Netzwerken sowie in Leserkommentaren nieder. So schrieb beispielsweise ein Leser in einer spanischen Zeitung: „Die Nonnen bekommen die Unterstützung einer Stiftung, um die Orgel restaurieren zu lassen. Was die Landesregierung bislang nicht getan hatte, obwohl sie ein Kulturgut ist. Und die Landesregierung bestraft sie auch noch dafür!“

Das Kloster ist sehr bekannt wegen der beliebten Süßigkeiten, die von den Nonnen hergestellt und verkauft werden – ihre einzige Einnahmequelle. „Nach dem Verhängen des Bußgeldes ist sogar der Verkauf der Süßigkeiten in die Höhe geschossen“, erklärt Rechtsanwalt Moeckel.

Joaquín G. Moeckel weiter: „Die Restaurierungsarbeiten sind inzwischen fortgeschritten. In den nächsten Wochen wird die Orgel in der Kirche zurücksein“. Inzwischen hat eine Untersuchungskommission die Restaurierungsarbeiten bewertet. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass „die Restaurierung den allgemeinen Richtlinien entspricht. Sie ist ausreichend dokumentiert und einwandfrei in Untersuchung und Diagnose sowie sachgemäß in den eingesetzten Materialien und Verfahren.“

Dass die Restaurierung sachgemäß und einwandfrei ist, bedeutet jedoch nicht, dass der Bußgeldbescheid aufgehoben ist. Das Verfahren steht nach dem Einspruch des Klosters gegen den Bußgeldbescheid allerdings noch offen.