Reichsfürstentum ohne Reich

Liechtenstein feiert sein 300-Jahr-Jubiläum. Von Stephan Baier

Nationalfeiertag - Fürstentum Liechtenstein
Blicken auf 300 Jahre reichsfürstlicher Tradition: Fürst Hans-Adam II. (links) mit Gattin Marie, Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein mit Frau Sophie. Foto: dpa
Nationalfeiertag - Fürstentum Liechtenstein
Blicken auf 300 Jahre reichsfürstlicher Tradition: Fürst Hans-Adam II. (links) mit Gattin Marie, Erbprinz Alois von und ... Foto: dpa

Ach, die Habsburger! Herrschen 650 Jahre, und am Ende besitzen sie nicht einmal eine Bank.“ Wenn einer, der Liechtenstein heißt, einem Mitarbeiter des Chefs des Hauses Habsburg solches grinsend ins Ohr raunt, dann ist das sehr böse. Aber treffend.

Die Liechtensteiner haben aus ziemlich wenig ziemlich viel gemacht. Auch früher schon, lange bevor der regierende Fürst vormittags transkontinental agierender Unternehmer war, um sich – nach eigener Aussage – nachmittags das Regieren leisten zu können. Sein Vorfahr Johann Adam Andreas von Liechtenstein erwarb 1699 die unscheinbare Herrschaft Schellenberg, 13 Jahre später auch die Grafschaft Vaduz. Am 23. Januar 1719, vor genau 300 Jahren also, wurden diese beiden Ländereien vereinigt und von Kaiser Karl VI. zum Reichsfürstentum Liechtenstein erhoben.

Damit hatten die Liechtensteins, deren stattliche Besitzungen anderswo lagen, als Reichsfürsten Sitz und Stimme im Reichstag zu Regensburg. Dem Hause Habsburg treuer ergeben als es das Zitat oben suggerieren mag, unterzeichnete der damalige Reichsfürst von Liechtenstein, Johann I., die Rheinbundakte nicht, und doch gehörte sein Land dem 1806 von Napoleon erzwungenen Rheinbund an. Der Wiener Kongress wiederum bestätigte 1815 die Souveränität des kleinen Landes. Das war für die Fürsten noch lange kein Grund, in der dörflichen Idylle zu leben. Sie residierten lieber in dem prachtvollen Wiener Palais, das bis heute ihren Namen trägt.

1918 zerbrach mit der Donaumonarchie das habsburgische Erbe des alten Reiches, und das souveräne Liechtenstein verblieb als letzter Rest des längst verblichenen Heiligen Römischen Reichs. Während Österreich-Ungarns letzter regierender Monarch, Karl I., 1919 gedemütigt in die Schweiz ausreiste, wandten sich auch die Liechtensteins von Österreich ab – und schrittweise der Schweiz zu. An die Stelle des alten Zollvertrags mit Österreich, der einst die wirtschaftliche Isolation des Landes beendet hatte, trat nun ein neuer Zollvertrag mit der Schweiz.

1921 trat die Verfassung in Kraft, 1924 wurde der Schweizer Franken Landeswährung. Und wie die Schweizer, hielten auch die katholischen Reichsfürsten in Vaduz ihr Land erfolgreich aus dem Zweiten Weltkrieg heraus. Dass die Tschechoslowakei danach das Fürstenhaus ebenso enteignete wie Millionen Sudetendeutscher, ficht der Fürst bis heute energisch an. Mit der auch rechtshistorisch schlüssigen Begründung, er sei Liechtensteiner, also kein Deutscher. Selbst Bismarck hatte das respektiert.

Doch auch abseits ihrer widerrechtlich sozialisierten böhmischen und mährischen Besitzungen sind die Liechtensteins keine Hungerleider. Dass die Familie ein Händchen für die Wirtschaft hat, ist schwer zu bestreiten. Der rasante wirtschaftliche Aufschwung des kleinen Fürstentums seit Kriegsende wird von Beobachtern mit der langen Regentschaft des ab 1938 tatsächlich im Lande residierenden Fürsten Franz Josef II. in Verbindung gebracht, hält aber durchaus an. Die Arbeitslosigkeit lag zuletzt klar unter zwei Prozent, die Inflation bei 0,5 Prozent. Der Staatshaushalt weist Jahr um Jahr einen Überschuss aus. Die im Frühjahr 2018 vorgestellte Jahresrechnung schloss mit einem Gewinn von 170 Millionen Schweizer Franken, besser als der Haushaltsplan prognostiziert hatte.

Sollte es noch eines Beweises bedurft haben, dass ein kleiner, gut vernetzter, geschickt kooperierender Staat lebensfähiger sein kann als so manches Großreich – Liechtenstein hat ihn erbracht. Aber schon Aristoteles wusste: „Der ideale Staat ist die Vereinigung von mehreren Dörfern.“ Im vorliegenden Fall hat der Modellcharakter jedoch gewiss mit dem regierenden Haus zu tun, denn dieses ist in vielerlei Hinsicht interessant. Das wusste auch der Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt, der 1960 in New York einen Vortrag hielt, worin er ein Loblied Liechtensteins sang: Dürrenmatt ersann einen hypothetischen Liechtensteiner Schriftsteller, der „aus Vaduz ein Babylon und aus einem Fürsten einen Nebukadnezar“ mache. Diesen Schriftsteller werde man „nicht nur in Sankt Gallen spielen, er wird international werden, weil die Welt sich in einem erfundenen Liechtenstein widerspiegelt“.

Nun, ein Nebukadnezar ist Fürst Hans-Adam II. sicher nicht, auch wenn die Staatsgewalt in dem nur 160 Quadratkilometer kleinen Land vom Volk und zugleich vom Fürsten ausgeht. Auch sein Sohn, Erbprinz Alois, dem der Fürst 2004 die Amtsgeschäfte übertrug, erinnert in rein gar nichts an die von Dürrenmatt genannten babylonischen Könige. Beide sind Aristokraten im besten Sinn des Wortes, und das nicht nur, weil sich ihre Ahnen in die Zeit der Babenberger zurückverfolgen lassen.

Erst 1984 führte die demokratische Monarchie das Frauenstimmrecht ein, erst 1990 wurde sie in die Vereinten Nationen aufgenommen. Und 1992 trat sie – in Abwendung von der Schweiz – dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) bei.

1997 löste der Heilige Stuhl Liechtenstein aus dem Bistum Chur und erhob Vaduz zum Erzbistum. Gleichzeitig wurde der bisherige Churer Bischof Wolfgang Haas – in der Schweiz heftigst angefeindet – zum Erzbischof von Vaduz ernannt. Allerdings hatte man in Rom vergessen, das katholische Fürstenhaus im Vorfeld zu konsultieren, worüber man in Vaduz „not amused“ war. Zumal Fürst und Fürstin sich Papst Johannes Paul II. sehr eng verbunden fühlten. Der Freund und Papst-Vertraute Tadeusz Styczen zählte in Vaduz fast zu den Hausgeistlichen. Das fürstliche Willkommen für den neuen Erzbischof mag eher kühl gewesen sein, der Bewunderung für Johannes Paul II. tat der vatikanische Fauxpas keinen Abbruch.

Römische Erinnerungen fürstlicher Zeitzeugen

Davon konnte sich der Autor am Vortag der Seligsprechung Johannes Pauls II. 2011 in Rom überzeugen. Über der Spanischen Treppe, unmittelbar neben der Kirche Trinitá dei Monti empfingen mich Fürstin Marie und Fürst Hans-Adam II. zum Interview. Die Fürstin, voll leidenschaftlicher Herzlichkeit, wusste Dutzende lustiger Anekdoten von persönlichen Begegnungen mit Johannes Paul II. zu erzählen, schwärmte mit leuchtenden Augen von der spürbaren Liebe des Heiligen Vaters zum Herrn wie zu den Menschen. Der Fürst, seiner Frau fein schmunzelnd lauschend, analysierte nüchtern und sachlich, warum er bereits 1978 überzeugt war, dass dieser Papst den Kommunismus zu Fall bringen werde.

Und noch ein kleines fürstliches Geheimnis verrieten die Hoheiten im „Tagespost“-Interview damals: Nach dem Tod des polnischen Papstes habe, so erzählte Fürstin Marie, der gemeinsame Freund Styczen ihr zugeraunt: „Beten wir für das Konklave: Ratzinger, Ratzinger!“ Ob der sterbende Papst mit Styczen über seinen Nachfolger gesprochen habe? „Sonst hätte Styczen das nicht so gesagt, denn die beiden waren sehr eng“, insistierte Fürst Hans-Adam. Und beide schienen mit dem päpstlichen Wunschnachfolger überaus zufrieden.