Les Epesses

Pathos und Tradition

„Le Puy du Fou“: Ein katholisches Spektakel der Extraklasse im Herzen der Vendée.

cavalier médiéval
Historische Schlachten: Im Themenpark Puy du Fou ist die Vergangenheit lebendig zu erleben. Foto: Foto:

Fumez la Vendée!“, donnert der bittere Befehl durch den riesigen Saal. In einem gut halbstündigen Spektakel wird das Schicksal der Katholiken in der Vendée so eindrücklich dargestellt, dass jeder, der bis dahin in der Französischen Revolution die größte Errungenschaft des aufgeklärten Europas sah, nur noch betreten zu Boden blicken kann.

Als im Jahr 1790 die Nationalversammlung die Kirche dem Staat unterwarf und der gesamte Klerus gezwungen wurde, einen Eid auf die Verfassung zu leisten, wurde schnell offensichtlich, dass nirgendwo die Revolution so offenherzig und kampfbereit abgelehnt würde wie in der Vendée.

Kein Eid auf die Verfassung

Fünf von sechs Priestern verweigerten hier den Eid und nirgendwo sollten so viele Katholiken für ihren Glauben ihr Leben lassen wie in dieser Gegend im westlichen Frankreich, die damals als die katholischste des Landes galt. Der fundamentale Angriff auf die Kirche bedeutete für die Gläubigen einen grundstürzenden Angriff auf ihre gesamte Existenz. Die Vendeer lebten für und mit Gott, sie liebten seine Kirche und ihre Priester. Spätestens als die systematische Verfolgung der „Eidverweigerer“ begann, formierte sich in der Vendée massiver Widerstand. Insbesondere die Landbevölkerung beschützte ihre Priester, versteckte sie, feierte im Verborgenen mit ihnen die Heilige Messe. Die Kirchen der „konstitutionellen Priester“ indes blieben leer.

Als 1793 die Männer der Vendée in den Krieg eingezogen werden sollten und die Revolution bereits allüberall ihren erklärten Idealen Hohn gespottet hatte, war der bewaffnete Widerstand für Altar und Krone, für Gott und den König nicht mehr aufzuhalten. Es folgten erbitterte Schlachten, und als die Vendée militärisch längst besiegt war, erging in Paris der Marschbefehl zur endgültigen Vernichtung: Zerstört die Vendée, brennt alles nieder! Guillotine und Gewehre wurden zu langsam, die Schergen gingen dazu über, unschuldige Männer, Frauen und Kinder zu Tausenden ins Wasser zu jagen und sie unter lautem Gegröle ertrinken zu lassen.

700-jährige Geschichte einer Familie

Dem tiefen Glauben der Vendée und ihren mutigen Kriegern, von denen nach den Darstellungen verschiedener Historiker Zigtausende den Märtyrertod gestorben sind, ein Denkmal zu setzen, ist eines der Anliegen des Puy du Fou. 1977 entdeckte der damalige Student Philippe de Villiers in Les Epesses ein altes Schloss. Mit Laienschaustellern aus der Umgebung inszenierte er dort die 700-jährige Geschichte einer Familie aus der Vendée. Was als kleines, zunächst wenig erfolgreiches Naturtheater begann, ist mittlerweile mit über 2 000 Schauspielern und über 20 000 Kostümen, Hunderten von Pferden und Feuerwerkskörpern zur größten Nachtshow der Welt geworden – und zu einem Mythos. 2014 wurde „La Cinéscénie“ zum „besten europäischen Event“ gekürt.

Erinnerungen an Zeiten des mutigen Bekenntnisses

Um das Schloss herum ist in den letzten 40 Jahren auf rund 50 Hektar der große Park Puy du Fou entstanden. In über 20 Aufführungen wird die Geschichte des katholischen Frankreichs erzählt. Römische Soldaten betreten eine riesige Arena, auf der gegenüberliegenden Tribüne brüllt der Plebs, da ziehen die verurteilten Christen in den Circus ein. Sie zeichnen einen großen Fisch in die Sandbahn, die wilden Tiere, darunter ein weißer Löwe, werden aus den Käfigen gelassen. Ein Römer, durch die Liebe zu einer Christin bekehrt, rettet die Gefangenen. Einem Wunder gleich bleiben alle unversehrt, und die Tiere ziehen sich zurück. Mit höchstem technischen Aufwand, einer riesigen Drehbühne und beeindruckenden Kulissen wird die Geschichte eines französischen Marineoffiziers erzählt, der als Held aus dem amerikanischen Bürgerkrieg zurückkehrt und zum militärischen Führer des katholischen Widerstandes im Kampf gegen die revolutionären Truppen wird. Diese Szenerie „le dernier panache“ wurde 2016 zur „Weltbesten Kreation“ gewählt.

Einen Riesenspektakel bietet die Geschichte von einem Angriff auf eine Festung um das Jahr 1 000. Das Dorf feiert friedlich Hochzeit, es wird getanzt und gesungen. Da erscheint mit einer Flutwelle ein Wikingerschiff und geht vor Anker. Die Krieger aus dem Norden überfallen das Dorf, brennen Häuser nieder, plündern und räubern. Zuletzt erscheint der Heilige Philibert, die Wikinger werden bekehrt. Die idyllische Kulisse wird in einer unglaublichen Darbietung und innerhalb kürzester Zeit dem Erdboden gleichgemacht – und steht wenige Stunden später vollständig wiederhergestellt dem nächsten Besucheransturm zur Verfügung.

Abgründe des ersten Weltkriegs

Eine Vogelschau mit Hunderten von Raubvögeln zieht auch denjenigen in Bann, der bislang nur wenig Begeisterung für diese Spezies aufbringen konnte. Ein Schützengraben von Verdun lässt die Besucher eintauchen in die düsteren Abgründe des ersten Weltkrieges; in kurzen Abständen ein lautes Beben, Staub rieselt von den Decken, es ist beklemmend, immer wieder schleppen sich uniformierte Soldaten wortlos an einem vorbei, an den Seiten Verwundete, Sterbende, schon wieder der nächste Angriff, am Ende des Grabens eine Christmette, die allem Verderben des Krieges zum Trotz den Glauben an den menschgewordenen Gottessohn hochhält.

Eine Darstellung überbietet die andere, es fehlen nicht Mantel- und Degengefechte, Merlin und Arthus und Musketiere; dazu nachgebildete Dörfer und mittelalterliches Kunsthandwerk, in diesem Jahr kam neu dazu ein Schauspiel über den jungen König des Frankenreiches Chlodwig I.

Der Park wurde mehrfach ausgezeichnet

„Freizeitpark“, „Erlebnispark“, „Themenpark“ – keine der Vokabeln reicht wirklich aus, um zu beschreiben, was der  Puy du Fou  zu bieten hat. „Wir erzählen vom Licht der französischen Geschichte, nicht vom Schatten. Wir zeigen Frauen und Männer, die bewundernswert sind und vorbildhaft“ – erklärt der Sohn des Erfinders Nicolas de Villiers das Erfolgsrezept des Unternehmens. Es nimmt nicht Wunder, dass der Park mehrfach international preisgekrönt ist und über zwei Millionen Besucher pro Jahr zählt. 2012 wurde er in Los Angeles als „Bester Themenpark der Welt“ ausgezeichnet. Dort, wo vor über 200 Jahren Tausende von Katholiken lieber in den Tod gegangen sind, als ihrem Glauben abzuschwören, ist wahrlich eine Welt aus vergangenen Zeiten entstanden. Ja, der Park ist voller Pathos und Tradition, voller Leidenschaft und Heldenmut, er schaut zurück und das mit lautem Kawumm, und er ist vermutlich eines der lebendigsten und „theatralischsten“ Zeugnisse des katholischen Glaubens, das Europa zu bieten hat.

Wer im Puy du Fou moderne Gleichmacherei aller Religionen und aller selbstdefinierten politischen Ideale sucht, wird entweder enttäuscht werden – oder bekehrt.

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