Nur biblische Bilder für die Grabkammer

In den Katakomben von Santa Thekla in Rom haben Archäologen die wohl älteste Darstellung des Apostels Paulus gefunden

Rom (DT) „Ich habe euch das nicht von Anfang an gesagt, weil ich bei euch war,“ schreibt der Apostel Johannes im Evangelium. „Eine kleine Weile und ihr seht mich nicht mehr. Und wieder eine kleine Weile, und ihr werdet mich sehen.“ Es scheint, als hätte Johannes gewusst, dass die jetzt freigelegten Bildnisse für lange Zeit verdeckt sein würden. In den Katakomben von Santa Thekla in Rom sind diese Woche die vermutlich ältesten bildlichen Darstellungen der Apostel entdeckt worden. Bereits im Paulusjahr 2009 fand ein Archäologen-Team die Darstellungen des Apostels Paulus.

Verschiedene Wertvorstellungen

Die Leiterin der Renovierungsarbeiten, Barbara Mazzei, und Erzbischof Gianfranco Ravasi, Präsident der päpstlichen Kommission für sakrale Archäologie, sprechen von bedeutenden Funden in der Geschichte der Ursprünge des Christentums. Für die Archäologinnen und Archäologen grenze der Fund an ein Wunder, heißt es. Nach Mitteilung der päpstlichen Kommission stammen die Fresken aus der Zeit um 400 nach Christus, sie befinden sich auf einer gewölbten Decke. Mit Hilfe von Lasern wurden die Fresken von Lehm- und Kalkschichten befreit. Die Katakomben liegen unter einem Gebäude aus dem Jahr 1950. Die Forschungsarbeiten dauerten ungefähr zwei Jahre. Die Bildnisse zeigen die Apostel mit den bekannten Eigenschaften, Petrus mit langem Haar und weißem Bart, den ungestümen und machtvollen Andreas, den zarten und jugendlichen Johannes. Spiegel Online spricht bei der Darstellung von einen Mann mit Heiligenschein, Stirnglatze und spitzem Bart. Sie ziere die „Decke der Grabkammer einer edlen Dame aus dem späten Römischen Reich. Nur biblische Themen sollten auf den Fresken zu sehen sein, so hatte die Herrin die Dekorationen in Auftrag gegeben. Insgesamt vier Bildnisse prangen an der römischen Decke: von den Aposteln Paulus, Petrus, Andreas und Johannes.“

Von den spätantiken Christen ist bekannt, dass sie sich dem römischen Kaiserkult verweigerten. Der Grund ist im unterschiedlichen Welt- und Menschenbild zu sehen: die Römer setzen den Sklaven- und Ausbeuterstaat fort, während die Christinnen und Christen für Humanität und Nächstenliebe eingetreten sind.

Die Frescotechnik stammt bereits aus der Antike. Frescomalerei ist eine Weise von Wandmalerei, bei der die Farben auf den frischen Putz aufgetragen werden. In einer chemischen Reaktion verkieseln die Farben mit dem Putz und verbinden sich unlöslich mit dem Untergrund. Kalkechte Farbpigmente werden – damals wie heute – in Wasser angerührt und auf den noch frischen Kalkputz (Intonaco) aufgetragen. Beim Trocknen entsteht eine homogene Kalkputzschicht mit eingearbeiteten Farbpigmenten. In der Würzburger Residenz befindet sich das größte Fresko der Welt (677 Quadratmeter), es wurde 1752/53 von dem venezianischen Maler Giovanni Battista Tiepolo (1696–1770) gemalt. Im Mittelalter malte Giotto di Bordone (1266–1337) mit einer Mischung aus fresco und secco, beispielsweise die Capella degli Scrovegni in Padua und die Basilika San Francesco in Assisi. Bei einem Erdbeben wurde diese am 26. September 1997 schwerst beschädigt und mit enormem Aufwand wiederhergestellt. Aus der Sicht kunsthistorischer Forschung sind die Porträts als besonders wertvoll anzuerkennen. Neu sei, so Fabrizio Bisconti, Chefarchäologe der Katakomben Santa Thekla, dass „bereits Ende des vierten Jahrhunderts die Gesichtszüge der Apostel mit diesen Charakteristiken definiert waren.“

Man wird sich erneut die Frage zu stellen haben, inwieweit das Mittelalter als statisch zu bezeichnen ist und ab wann dynamisch. Diese Fresken könnten ein erster Schritt sein, den dynamischen Ausdruck menschlicher Kreativität schon um die Zeit des Augustinus und Hieronymus anzusetzen, statt, wie bisher angenommen, erst am Beginn der Renaissance und insbesondere im Manierismus. Gewinnt man hier eine völlig neue Sicht auf die Geschichte der Kunst? Interpretiert man die Fresken als symbolische Formen, wie Ernst Cassirer (1874–1945) möglicherweise vorschlagen würde, geht es um den gesamten Ausdrucksgehalt dieser Kunstwerke. Die symbolische Form der Kunst geht über die kunsthistorischen Indizien einer Wiedererkennung der gemeinten Apostel weit hin-aus. Cassirer schreibt in seiner „Philosophie der symbolischen Formen“ (Band 2) folgendes: „Und solche sakralen Anschauungen sind es, die sich überall mit der Gesamtauffassung des Raumes und mit der Auffassung bestimmter Grenzen in ihm verbinden (...). Das Zeichen muss mit der Dingwelt in irgendeiner Weise verschmelzen, muss ihr selbst gleichartig werden, wenn es als Ausdruck für sie fungieren soll. Auch der religiöse Ausdruck ist in der Gestalt, in der er zu erst heraustritt, durch diese seine Nähe zum unmittelbaren Dasein gekennzeichnet.“

Die Katakomben der frühen Christinnen und Christen sind unterirdische Krypten, die tausende Gebeine beherbergen. Die päpstliche Kommission verwaltet alle 120 Katakomben Roms. Bisconti erklärt: „Zu Ende des vierten Jahrhunderts entstanden in Rom unter den Adeligen eine Reihe von kulturellen Zirkeln. Diese hatten sich der Askese und dem Denken des Kirchenvaters Hieronymus verschrieben. Die Adeligen folgten Hieronymus bis ins Heilige Land, zur Wiege des Christentums und der Apostel.“ Hieronymus (342–420) studierte die philosophischen Werke des Cicero und des Platon, fühlte sich von der Bibel hingezogen. Ein Engelstraum führte zu seiner Bekehrung, 366 wurde er getauft, 379 zum Priester geweiht und 382 kehrte er nach langen Reisen nach Rom zurück, wo er Sekretär des Bischofs Damasus I. wurde. Michelangelo Caravaggio malte um 1606 „Hieronymus in der Höhle,“ zu sehen in der Galleria Borghese in Rom.

Es sei ein sehr emotionaler Moment gewesen, sagte Barbara Mazzei in einem Interview, normalerweise seien die Gemälde, die sie in Katakomben finden würden, verblasst und fast weiß. Die Porträts der vier Apostel seien von einer außerordentlichen Farbenpracht. Der Laserstrahl würde mit einem chromatischen Auswahlverfahren arbeiten, er entferne vorsichtig die erste Farbschicht, die er findet und stoppt vor der nächsten. Cassirer notierte: „Das erste Problem, das uns in der Analyse der Sprache, der Kunst, des Mythos entgegentritt, besteht in der Frage, wie überhaupt ein bestimmter sinnlicher Einzelinhalt zum Träger einer allgemeinen geistigen ,Bedeutung‘ gemacht werden kann (...). Aber nun begibt sich das Wunder, dass diese einfache sinnliche Materie durch die Art, in der sie betrachtet wird, ein neues und vielgestaltiges geistiges Leben gewinnt.“

Die Santa Thekla Katakomben befinden sich in der Nähe der Sankt Paulus Basilika und können nach vorheriger Anmeldung in einer Führung besichtigt werden.