„Normal“ statt „asozial“

Verband kinderreicher Familien stellt sich und seine Ziele vor. Von Stefan Rehder

Das gab es schon einmal: 1999 lud der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber zum Empfang für kinderreiche Familien nach Bad Neustadt. Foto: dpa
Das gab es schon einmal: 1999 lud der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber zum Empfang für kinderreiche ... Foto: dpa

Berlin (DT) Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Vorstandssprecher zum Auftakt einer Pressekonferenz den versammelten Journalisten mitteilt, einer ihrer Kollegen habe heute bereits seinen fünften Zahn verloren. Geschieht solches aber einmal doch, dann findet die Pressekonferenz entweder in einem Land statt, das von „lupenreinen Demokraten“ regiert wird oder aber im Berliner Café „Zimt und Zucker“, wo in dieser Woche der „Verband kinderreicher Familien Deutschland e.V.“ (KRFD) seine Gründung bekannt gab und einige mit Buntstiften bewaffnete Nachwuchsreporter die Gelegenheit nutzen, sich unter ihre gestandenen Kollegen zu mischen.

Als „kinderreich“ definiert der frisch gegründete Verband Familien mit mindestens drei Kindern. Solche Familien hätten in Deutschland bislang keine adäquate Interessenvertretung. Dabei ist diese Gruppe gar nicht so klein. Zwar haben nur noch 14 Prozent der Familien in Deutschland heute noch drei und mehr Kinder. Zum Vergleich: In Irland sind das 35, in Norwegen 25 und in Frankreich 21 Prozent. Doch leben in den 1,2 Millionen Großfamilien in Deutschland immer noch mehr als sechs Millionen Menschen.

„Wir wollen dafür kämpfen, dass Großfamilien in Zukunft weder als phänomenal noch als asozial angesehen werden, sondern einfach als normal“, bringt die Vorsitzende Elisabeth Müller das Anliegen des Verbandes auf den Punkt. Die Mutter von sechs Kindern beklagt, dass die Debatte über die Familienfreundlichkeit in Deutschland nahezu ausschließlich um Finanzen und Betreuungsangebote kreise. „Das ist definitiv der falsche Ansatz. Niemand bekommt Kinder aus ökonomischen Erwägungen“, so Müller. Bei der Kinderbetreuung will sich der Verband nicht in die Grabenkämpfe zwischen Krippenbefürwortern und –gegner begeben. Dem KRFD gehe es darum, Eltern Wahlfreiheit zu ermöglichen – und die gebe es bislang nicht. Auch wende sich der Verband gegen die zunehmende Diskriminierung des Lebensmodells kinderreicher Familien und wolle Eltern „Mut machen“, sich für weitere Kinder zu entscheiden.

Dass niemand Kinder aus ökonomischen Gründen bekomme, heißt freilich nicht, dass dem KRFD die finanzielle Behandlung von Familien unwichtig sei. Es gehe natürlich auch um „Gleichberechtigung“ sagte Müller. „Wir laufen aber nicht mit dem Klingelbeutel durch die Gegend und rufen ständig mehr Geld, mehr Geld, mehr Geld“, stellte Thomas Franke, Sprecher des Vorstandes und Vater von vier Kindern klar. Bislang seien kinderreiche Familien politisch ein „Non-Thema. Das wollen wir ändern“, so Franke.

Für den Anfang will der ehrenamtlich organisierte Verband besonders familienfreundliche Unternehmen auszeichnen und besonders familienfeindliche anprangern, etwa durch die Verleihung einer „Zitrone des Jahres“. Geplant sei auch die Umsetzung der Aktion „Familie 3 +“. In deren Rahmen will der KRFD seinen Mitgliedern in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft Rabatte auf „echte Familienautos“ oder beim Besuch von öffentlichen Einrichtungen wie Schwimmbäder bieten. „Familienkarten“ seien heute meist nur auf Eltern mit zwei Kindern ausgelegt. Wenn sie mit ihrer gesamten Familie schwimmen gehen wolle, hätten zwei Kinder Platz auf der Familienkarte. „Die vier anderen müssen wir dann extra zahlen“, illustrierte Müller die derzeitige Lage.

Auch politisch hat sich der Verband einiges vorgenommen. Ein „kinderfreundliches und kinderreiches Deutschland“ könne nur entstehen, wenn die Schwellen abgebaut würden, die Paare davon abhielten, sich ihren Wunsch nach einer kinderreichen Familie zu erfüllen und die gesellschaftliche Akzeptanz kinderreicher Familien erhöht werde. Deutschland sei ein kinderarmes Land, weil Paare sich vor der Doppelbelastung von Beruf und Familie fürchten, Nachteile im Beruf erwarteten und angesichts der finanziellen Mehrbelastungen Angst vor einem sozialen Abstieg besäßen. Auch bekämen Eltern die ersten Kinder heute immer später. Zum Abbau dieser Schwellen wolle der Verband der Politik mit Rat und Tat zur Seite stehen.

„Wir sind erst am Anfang unserer Arbeit und wollen noch nicht an jeder Stelle provokante Forderungen an die Politik stellen“, erklärte der stellvertretende Vorsitzende Andreas Konrad, Vater von drei Kindern. „Für uns ist jedoch von Beginn an klar, dass solche Dinge wie Familiensplitting, die Anrechnung von Betreuungszeiten auf die Rentenansprüche sowie die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum steuerfreien Existenzminimum entschieden angefasst werden müssen.“ Dabei sei der Verband, der in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zur Schaffung familienfreundlicher Rahmenbedingungen beitragen will, „nicht auf Krawall gebürstet“, sagt Franke.