Nach dem Tod ein Juwel

Im November werden wieder die Gräber gepflegt: Alte und neue Bestattungsformen im Überblick. Von Barbara Stühlmeyer

Tot und dann?
Tot und dann? Während bei Egon Schiele (oben) einfach bestattet wurde, lässt man sich heute auch zu Diamant verarbeiten. Foto: dpa
Tot und dann?
Tot und dann? Während bei Egon Schiele (oben) einfach bestattet wurde, lässt man sich heute auch zu Diamant verarbeiten. Foto: dpa

Der Umgang mit dem Tod nimmt heute mitunter skurrile Formen an. Auf der einen Seite werden schon kleine Kinder via Fernsehen oder Computer mit Bildern grausam Ermordeter konfrontiert, andererseits ist es heute normal, dass viele 50-Jährige noch nie einen Toten gesehen haben. Der Umgang mit Sterbenden wird an Fachleute delegiert. Tragende Rituale wie die gemeinsame Totenwache sind längst in wenige Randbereiche gewandert. Trauerkleidung tragen nur noch wenige und feste Termine für das gemeinsame Gedenken und die Bewältigung der Trauer wie das Sechswochenamt oder Jahresamt sind für viele Fremdwörter. Zugleich entstehen in demselben Maße, in dem Familien individualisierte Bestattungsformen wählen, bei denen der eine die Seebestattung, der andere die Luft- oder gar Weltraumbestattung, und der nächste den Friedwald präferiert, vielerorts neue Formen der „letzten Ruhe“.

Die Entwicklungen in der Bestattungskultur sind vielfältig und widersprüchlich, vor allem aber extrem individualisiert. Dort, wo es einst normal war, sein ganzes Leben inmitten seiner Familie an einem Ort zu verbringen, leben viele Familien heute weit verstreut. Grabpflege und Totengedenken werden deshalb schon aus rein praktischen Gründen anders praktiziert als in einer Dorfgemeinschaft, wo man auf jedem Weg zur Kirche am Familiengrab vorbeischauen kann.

Manch neue Bestattungsform setzte sich in den letzten Jahren erst langsam gegen gesetzliche Widerstände durch. Die Friedwälder, die seit 2001 in vielen Bundesländern entstehen, knüpfen an eine mittelalterliche Tradition an. Denn die alten Kirchhöfe waren keineswegs ruhige Orte, idyllisch gelegen mit einer Kirche in der Mitte, um die herum malerisch angelegte und sorgfältig bepflanzte Gräber angeordnet sind. Sie waren vielmehr Orte der Begegnung, auf denen Waren gehandelt und Geschäfte vereinbart wurden, auf denen die Buden der Händler standen, zwischen denen die Gaukler ihre Späße machten.

Neben diesem sehr lebendigen Teil des Kirchhofes gab es den Begräbnisplatz, auf dem die Toten zur letzten Ruhe gebettet wurden. Ihre Gräber waren auch nicht in Reih und Glied angeordnet, ein neues Grab wurde vielmehr dort ausgehoben, wo gerade Platz war. Da die Gräber weder besonders gestaltet noch voneinander abgegrenzt waren, kann man sich unter dem Begräbnisbereich des Kirchhofes eher eine unordentliche Wiese vorstellen, auf der Pfarrer und Messner auch gerne Schafe weideten und Obstbäume anpflanzten, um ihren oft kargen Verdienst aufzubessern.

Dennoch war der Kirchhof ein guter Ort für die Verstorbenen, denn hier waren sie den Heiligen, deren Gebeine im Altar der Kirche geborgen waren, besonders nahe. Man stellte sich vor, dass die Strahlkraft der Reliquien eine bestimmte Reichweite hatte und den Radius des Kirchhofs bestimmte. Nicht auf dem Kirchhof begraben zu werden, war eine schlimme Strafe. Sie wurde gegen Selbstmörder, Ketzer, Sektierer oder Schwerverbrecher verhängt. Für viele Jahrhunderte blieb der Kirchhof der zentrale christliche Bestattungsort.

Im Zuge der Reformation lockerte sich die enge Bindung an die Kirche, da die Reformatoren nicht an die heilbringende Strahlkraft der Reliquien glaubten und deshalb die Anlage von Friedhöfen auch unabhängig von Kirchen oder sogar außerhalb der Städte befürworteten. Dort, wo die Friedhöfe an die Kirchen gekoppelt blieben, entging man der Raumnot, indem man die Bestatteten nach einigen Jahren ausgrub und ihre Überreste, zum Teil liebevoll beschriftet und verziert, in Beinhäusern aufbewahrte.

Heute stehen demgegenüber Themen wie Naturnähe, umweltfreundliche Entsorgung, und die Frage: Wie löse ich mich in Nichts auf? Oder im Gegenteil: Wie verwandle ich das, was von mir übrig bleibt, in etwas wirklich dauerhaftes? Einer der Trends auf dem Bestattungsmarkt ist von der schwedischen Biologin Susanne Wiigh-Mäsak entwickelt worden und bedient sich ökologisch korrekt des Gefriertrocknens und Granulierens des Verstorbenen, der anschließend umweltverträglich in einem kompostierbaren Sarg erdbestattet werden kann. Die Methode wurde 2002 bereits in 36 Ländern patentiert und steht seit 2005 auch in Teilen Deutschlands zur Verfügung.

Die Bezeichnung Promession für das Schockfrosten und anschließende Granulieren ist ein Kunstwort, dass sich an den englischen Begriff promise für Verheißung, Versprechen und Hoffnung anlehnt. Konkret funktioniert das kryotechnische Verfahren vermittels der Einlagerung der Leiche in einen auf -18 Grad vorgekühlten sogenannten Promator, in dem sie dann mit flüssigem Stickstoff auf eine Temperatur von -196 Grad gebracht wird. Dadurch werden Gewebe und Knochen so spröde, dass sie allein durch Vibration zu Granulat zerfallen. Entzieht man dieser körnigen Masse durch Gefriertrocknung den verbliebenen Wasseranteil, reduziert sich die ursprüngliche Körpermasse auf 30 Prozent ihres Gewichtes. Was dann noch übrig bleibt, wird innerhalb von 6 bis 12 Monaten in Humus verwandelt.

Resomation oder alkalische Hydrolyse nennt man eine Bestattungsform, die an mittelalterliche Gepflogenheiten anknüpft, diese aber entscheidend verändert. Während man beispielsweise die Leiche des Landgrafen Ludwig von Thüringen nach seinem Ableben auf dem Weg zum Kreuzzug auskochte, um dessen Knochen in die Heimat überführen zu können, beschränkt sich die alkalische Hydrolyse, die in den USA bereits in sechs Bundesstaaten zugelassen ist und darüber hinaus in Großbritannien, Kanada und Australien angewendet wird, nicht auf ein Zerkochen des Körpergewebes. Bei der Resomation wird die Leiche vielmehr komplett zersetzt, sodass sie laut Herstellerangaben unbedenklich im Abfluss entsorgt werden kann. Die Methode wird als besonders umweltfreundlich angepriesen und ist mit 600 US Dollar zudem sehr preisgünstig. Kritik an der Methode erhebt sich vor allem von Seiten der katholischen Kirche. Ihre Vertreter sind, wie Patrick McGee von der Diözese Manchester im Bundesstaat New Hampshire betont, überzeugt, dass die Entsorgung eines Verstorbenen im Abflussrohr der unantastbaren Würde des Menschen nicht gerecht wird.

Als fragwürdig gilt auch die Diamantbestattung. Dass Diamanten aus Kohlenstoff entstehen, hatte sich irgendwann zu jenem findigen Menschen herumgesprochen, der auf die Idee kam, die anorganische Asche eines kremierten Verstorbenen zu einem Erinnerungsdiamanten zu veredeln. Hierzu muss die Verbrennung bei 800 bis 950 Grad erfolgen, denn die sonst übliche Nachverbrennung bei 1 200 Grad würde auch den amorphen oder hexagonalen Kohlenstoff vernichten, der das Ausgangsmaterial für den glänzenden Stein bildet, dessen Entstehung dem natürlichen Verfahren nachempfunden ist. Der Kohlenstoff kristallisiert bei einem Druck von 50 000 bis 60 000 bar und bis zu 2 000 Kelvin, wobei ein Katalysator, zumeist Eisencarbonyl, zugeführt wird. Aus dieser Gemengelage wächst dann in einigen Wochen ein Rohdiamant von 0,4 bis 1 Karat, also ungefähr so groß wie der Kopf eines Streichholzes.

Wie jeder andere Diamant kann auch dieser poliert und geschliffen werden. In Deutschland ist es derzeit noch kompliziert, Erinnerungsdiamanten herzustellen, da hierzulande (noch) der sogenannte Bestattungszwang besteht, die Asche des Kremierten also beerdigt werden muss und nicht ohne weiteres weiterverarbeitet werden darf. Die Verwandlung von Verwandten in Diamanten wird aber dennoch geduldet, sofern die Hinterbliebenen nachweisen können, dass der Verstorbene wirklich den Wunsch nach einem derart glänzenden Ende geäußert hat.

Da Haare aufgrund des in ihnen enthaltenen Keratin ebenfalls ein geeigneter Grundstoff zur Züchtung von Diamanten sind, gehen einige Fans von Erinnerungsdiamanten inzwischen dazu über, diese aus der Körpersubstanz lebender Personen herstellen zu lassen.

Eine weitere Alternative für die Herstellung von edlen Erinnerungssteinen ist die zeitweise Lagerung eines zuvor ausgewählten Edelsteins in der Asche des kremierten Verstorbenen. Gläubige Esoteriker sind davon überzeugt, dass der Stein auf diese Weise die energetischen Schwingungen der Verstorbenen aufnimmt. Das zugrunde liegende Prinzip ähnelt der katholischen Tradition der Herstellung von Berührungsreliquien, Gegenständen wir Rosenkränzen, Kreuzen oder auch Stoffstücken, die mit den Gebeinen eines Verstorbenen in Kontakt gebracht wurden und so dessen heilende oder heiligende Kraft aufgenommen haben.