Mullbinden, Medikamente und Marzipan

Der internationale Missionsflugdienst MAF verbindet Christen weltweit – und gewinnt neue hinzu. Von Benedikt Vallendar

Propellermaschinen bringen Hilfsgüter und Glaube auch in entlegene Gebiete wie hier im Kongo. Foto: pd
Propellermaschinen bringen Hilfsgüter und Glaube auch in entlegene Gebiete wie hier im Kongo. Foto: pd

Das war knapp. Erleichtert schiebt Martin Köhler den Knüppel nach vorne. Und lässt die Cessna im Leerlauf über das kurz geschnittene Gras rollen. Wir sind im Hochland von Papua Neuguinea, in einem Bergdorf, das kaum Kontakt zur Außenwelt hat. Hätte die Maschine nur zwei Meter vorher aufgesetzt, wäre es zum Crash gekommen. Dorfbewohner haben die Landepiste in zweijähriger Arbeit aus dem Urwald geschlagen und halten sie seither in Schuss.

Köhler ist Buschpilot und stammt aus Nürnberg. Seit zwei Jahren fliegt der studierte Ingenieur Menschen in Papua Neuguinea von Küste zu Küste, und vom Tiefland in die Berge, je nachdem, wo gerade Not am Mann ist. Papua Neuguinea gilt für Piloten als gefährliches Terrain, zum einen wegen des Wetters, zum anderen wegen der Topographie und kaum vorhandener Infrastruktur. Köhler arbeitet für den christlichen internationalen Missionsflugdienst MAF. Die Abkürzung steht für Mission Aviation Fellowship und geht zurück auf die Initiative dreier US-Piloten im Zweiten Weltkrieg, die ihr fliegerisches Können in den Dienst des Evangeliums stellten. Sie begannen 1943 mit den ersten Flügen, als in Europa der Krieg tobte. Heute ist der MAF unter anderem in Brasilien, Mexiko, Ecuador und in der Mongolei vertreten. Seit 1991 gibt es auch eine Niederlassung im nordrhein-westfälischen Siegen. Regelmäßig wirbt die Organisation auf ihrer Homepage (www.maf-deutschland.de) um Bodenpersonal und „abenteuerlustige Piloten“ mit christlichem Hintergrund. Gesucht werden zudem Fachleute für die Flugzeugwartung, den IT-Bereich und die Verwaltung.

Was als Traum begann, ist heute ein global operierendes Dienstleistungsunternehmen, das in Regionen fliegt, wo Menschen andernfalls ihrem Schicksal überlassen wären. „Überall dort, wo Infrastruktur fehlt und Konflikte die Sicherheit bedrohen, können wir schnell und sicher Güter und Fachleute hin und her transportieren“, sagt Köhler. Gleichwohl der Enthusiasmus für die gute Sache in der Praxis häufig an Grenzen stößt. Denn mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen unter einem Dach zu arbeiten führe nicht selten zu Konflikten. Vor ihrem Einsatz müssen sich daher alle Piloten einem interkulturellen Training unterziehen, um im Zielland besser durch den Alltag zu kommen. Neben der Sprache gehören dazu Fächer wie Ethnologie, Geschichte und Religionskunde. Die Piloten wissen, dass sie mit ihrer Bildung, der modernen Ausrüstung und dem Knowhow bei Einheimischen als Exoten gelten, was die Begegnung auf Augenhöhe erschwert, in vielen Fällen sogar unmöglich macht.

Das Christentum verbreiten, wo der Sinn-Hunger groß ist

Und dennoch ist die Arbeit des MAF eine Erfolgsgeschichte. Mit seiner hochmodernen, aus 135 Maschinen bestehenden Flotte bilden der Dienst und seine Partnerorganisationen, darunter UNICEF und das Internationale Rote Kreuz, ein wichtiges Mosaiksteinchen im weltumspannenden Netzwerk der Kirchen. MAF-Piloten erreichen fast jeden Winkel der Erde. Und helfen mit, das Christentum dort zu verbreiten, wo der Hunger nach Religion und sinnerfülltem Leben besonders groß ist.

Zu den Bordgästen des MAF gehören Religionslehrer, Krankenschwestern und Leute, die sich ein Ticket leisten können; unter ihnen auch Techniker, Geologen und Journalisten. „Medizinische Notfälle befördern wir kostenlos und bezahlen die Tickets aus Spenden“, sagt eine MAF-Sprecherin. Meist aus Spenden stammen auch die Medikamente und das Verbandsmaterial, das Martin Köhler regelmäßig zu den Bewohnern der abgelegenen Bergregionen fliegt, womit er ihnen strapaziöse Tagesmärsche durch den Regenwald erspart. Einmal, zu Weihnachten, erinnert er sich, war auch eine Kiste Lübecker Marzipan für einen deutschen Missionar im Laderaum gewesen. Heute liegen dort Stahlpfosten für die Umzäunung der Landepiste. „Damit die Wildschweine den Boden nicht weiter durchwühlen“, sagt Köhler. Das Material stammt aus Spenden, Lohnkosten fallen keine an. Denn viele Männer aus dem Dorf sind froh, wenn sie überhaupt etwas zu tun haben und nicht den ganzen Tag untätig herumlungern müssen.

Der Umzug ans andere Ende der Welt war für Familie Köhler eine Herausforderung gewesen, sagen sie. Die schmucke Reihenhaussiedlung im Westen Nürnbergs tauschten sie gegen ein hermetisch abgesichertes Wohnressort am Stadtrand von Port Moresby ein. Dort gibt es fast alles, Geschäfte, eine Kirche und eine Mittelschule inmitten einer gepflegten Grünanlage. In den Wachtürmen ringsum stehen schwer bewaffnete Posten mit Nachtsichtgeräten und Funkkontakt untereinander, um die Bewohner vor Überfällen marodierender Jugendbanden zu beschützen. Das Wohnressort gilt als „Reichensiedlung“, was naturgemäß Ressentiments und Neid erzeugt.

Köhlers Ehefrau Claudia ist ausgebildete Grundschullehrerin und arbeitet vormittags mit Vorschulkindern. Obwohl sie mit ihrer hellen Hautfarbe im Stadtbild von Port Moresby auffällt, erledigt die 31-Jährige ihre Einkäufe gern selbst, sagt sie, kauft täglich frisches Obst, Gemüse und Maniok ein und hat dabei, ganz nebenbei, Pidgin, die gängigste unter den rund 700 Landessprachen Papua Neuguineas, gelernt. Erst 1975 hatte Australien das Land in die Unabhängigkeit entlassen, für das sich seiner Rohstoffe wegen vor allem ausländische Investoren interessieren. Doch die Herren aus den Vorstandsetagen westlicher Firmen kamen und kommen nicht allein. Was man allein schon daran sieht, dass in Port Moresby nahezu alle christlichen Konfessionen mit eigenen Gotteshäusern vertreten sind, meist gelegen zwischen Wellblechhütten, streunenden Hunden und Leuchtreklamen für Softdrinks und Mobiltelefone.

Erst in den dreißiger Jahren fand Papua Neuguinea zum Christentum. Fast ein Drittel der Bevölkerung ist heute, dank des unermüdlichen Einsatzes deutscher Missionare und auch des MAF, römisch-katholisch. Allein 2015 transportierte der MAF, nach eigenen Angaben, auf neun Millionen Flugkilometern rund 18 000 Passagiere und sechstausend Tonnen Fracht. Rund 1 500 feste Ziele weltweit fliegt der Dienst jährlich an. Ein heißes Pflaster ist gegenwärtig der Südsudan, erst 2011 gegründet und mit einer überwiegend christlichen und jungen Bevölkerung gesegnet. Seit 1950 ist der MAF dort vertreten, gegenwärtig mit elf einheimischen und drei ausländischen Mitarbeitern. Das ostafrikanische Land machte in der Vergangenheit immer wieder mit Meldungen über Anschläge und bürgerkriegsähnliche Zustände von sich Reden. Auch die Abspaltung vom Norden brachte keinen Frieden. Noch immer liefern sich versprengte Gruppen Scharmützel mit der Armee, ohne dass ein Ende absehbar wäre. Und kaum einer weiß noch, ob es im Südsudan nun um Politik, Bodenschätze oder Religion geht. Denn die Gewalt ist allgegenwärtig und macht allenfalls kurze Pausen, in denen die Konfliktparteien ihre Magazine auffüllen und die vielen Toten beseitigen. In dieser Situation leistet der MAF wertvolle Hilfe, indem seine Piloten Menschen aus Gefahrensituationen bringen und damit die Botschaft des Neuen Testaments in praktisches Handeln umsetzen.