Mohamed oder Muhammad?

Das Rote Kreuz hilft Menschen, ihre Angehörigen wiederzufinden. Unterschiedliche Schreibweisen sind ein Problem. Von Josefine Janert

Internationale Tag der Vermissten
Damals und heute: Das DRK führt vermisste Menschen zusammen. Foto: dpa
Internationale Tag der Vermissten
Damals und heute: Das DRK führt vermisste Menschen zusammen. Foto: dpa

Er solle endlich aufhören, mit „Ungläubigen“ zusammenzuarbeiten, forderten die Glaubenswächter den Familienvater Zahid auf. Er war für die afghanische Armee tätig, hatte viel mit den internationalen Truppen in seinem Heimatland zu tun. Deshalb wurde er bedroht, sein Sohn misshandelt. 2013 entschloss sich Zahid, mit seiner Frau Saida und den acht Kindern zwischen drei und 15 Jahren Afghanistan zu verlassen – Richtung Deutschland oder Schweden, wo er Asyl beantragen wollte. Mit Bussen und Autos erreichten sie die Grenze zwischen dem Iran und der Türkei. In einer chaotischen Nacht wurde die Familie getrennt. Zahid und drei Söhne schafften es in die Türkei, während Saida und die anderen Kinder für sechs Monate in einem iranischen Gefängnis landeten.

Zahid, der das nicht wusste, suchte in der Türkei nach ihnen, bis ihn ein Amtsträger aufforderte, nach Europa weiterzuziehen. In Bayern angekommen wandte er sich an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Dieser arbeitet längst nicht mehr mit Karteikarten aus Papier wie nach dem Zweiten Weltkrieg, als er vor allem Deutschen half, ihre Familienangehörigen wiederzufinden, sondern sucht mittels Internet – wenn nötig, weltweit. Seit 2014 ist auch die Zentrale Namenskartei des DRK-Suchdienstes digitalisiert, in der die Namen der Vermissten des Zweiten Weltkrieges gespeichert sind. Schon 2013 hatte das Internationale Rote Kreuz die Seite TracetheFace.org online gestellt, über die Flüchtlinge und Migranten die Spur ihrer Verwandten aufnehmen können. Im Februar 2014 wurde dort auch ein Foto von Zahid veröffentlicht: „Ich suche meine Familie.“ Saida war in der Zwischenzeit nach Kabul zurückgekehrt, wo sie bei Verwandten lebte. Die Hoffnung, ihren Mann wiederzusehen, hatte sie aufgegeben. Doch als ihre Tochter gegen ihren Willen mit einem Mann aus einer anderen Volksgruppe verheiratet werden sollte, entschloss sie sich zu einem neuen Fluchtversuch. Er gelang, und in Bayern gab ihr ein Mitarbeiter im Aufnahmelager den Tipp, ihren Mann und ihre Söhne über TracetheFace.org zu suchen.

Diese Geschichte endete glücklich, dem Roten Kreuz sei dank. Seit seiner Gründung 1863 hat es weltweit vielen Millionen Menschen dabei geholfen, ihre Angehörigen wiederzufinden. Allein 2015 erreichten den DRK-Suchdienst in Deutschland knapp 1 700 neue Anfragen von Menschen, die durch bewaffnete Konflikte, Katastrophen und Migration von ihren Verwandten getrennt worden waren. Die meisten stammten von Menschen aus Afghanistan, Syrien und Somalia. Vermutet ein Hilfesuchender seine Lieben in Deutschland, fragen die DRK-Mitarbeiter erst einmal bei den Suchdienstbüros im ganzen Land nach – ansonsten beim Roten Kreuz oder Roten Halbmond in anderen Staaten, wo sie sich eventuell befinden könnten. Für die weltweite Suche gibt es außerdem TracetheFace.org, für das mittels Postern in Behörden und Flüchtlingsunterkünften europaweit Werbung gemacht wird. Die Suche ist mitunter schwierig. In manchen Ländern existieren keine Geburtsregister, so dass das Geburtsdatum der Person unbekannt ist. Frauen haben oft keinen eigenen Nachnamen. Zudem ist die Analphabetenrate hoch, was bedeutet, dass viele Menschen nicht wissen, wie ein Name geschrieben wird. Allein den Namen Mohamed gibt es in siebzig verschiedenen Schreibweisen, so dass man sich in den Registern des Roten Kreuzes mit einer einheitlichen Schreibweise behilft. Ähnliches geschah schon mit deutschen Namen nach dem Zweiten Weltkrieg. Wer an der Front einen Soldaten namens Schmidt kennengelernt hatte, wusste nicht, ob er vielleicht Schmid oder Schmitt geschrieben wurde, so dass alle Personen dieses Namens unter einer Version abgespeichert sind.

„Ein Vorteil von TracetheFace.org ist, dass die Seite die Gesichter der Personen zeigt, die ihre Angehörigen suchen“, sagt Dieter Schütz, Sprecher des DRK. Er betont, dass gleichzeitig für den Datenschutz gesorgt sei. Direkten Zugang zu den persönlichen Daten haben nur Mitarbeiter des Roten Kreuzes. Wer mit einem Suchenden in Kontakt treten will, betätigt auf der Seite einen Button und hinterlässt seine Angaben. Der Suchende entscheidet dann, ob er sofort Kontakt aufnimmt oder erst einmal ein Foto oder weitere Informationen verlangt. Bei minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen, die ihre Familien suchen, ist der Schutz noch intensiver. Von September 2013 bis Juni 2016 wurden auf TracetheFace.org 1 249 Fotos von Erwachsenen publiziert, davon 521 allein durch das Deutsche Rote Kreuz. „Zwanzig ansonsten aussichtslose Suchfälle“ seien auf diesem Weg aufgeklärt worden, heißt es. Hinzu kommen natürlich die Menschen, die ihre Verwandten über direkte Anfragen bei den Suchdienstbüros wiederfinden. Zwanzig klingt nicht viel, doch Dieter Schütz betont, dass jeder Mensch, der wieder mit seiner Familie vereint ist, ein großer Erfolg sei. TracetheFace.org brauche noch eine Anlaufphase, meint Schütz: „Viele Menschen wissen auch gar nicht, dass sie gesucht werden.“

Neben den Hauptamtlichen sind in den Kreisauskunftsbüros des DRK-Suchdienstes etwa 3 000 ehrenamtliche Helfer tätig, die eine spezielle Schulung erhalten haben. Sie kommen bei Hochwasser und anderen Katastrophen zum Einsatz, wenn Menschen aus Wohngebieten evakuiert werden müssen. „Ehrenamtliche gibt es auch bei der internationalen Suche nach Flüchtlingen“, sagt Dieter Schütz. In den kommenden Jahren wird sich der DRK-Suchdienst immer mehr auf dieses internationale Geschäft konzentrieren. Schon 2016 hatte das DRK eine Vereinbarung mit dem Bundesinnenministerium getroffen, das die Gelder zur Verfügung stellt: Im Jahr 2023, also 78 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, wird der DRK-Suchdienst die Suche nach Vermissten aus dieser Zeit einstellen. Zwar erreichten die Mitarbeiter 2016 noch knapp 9 000 Anfragen. „Vor allem die Kinder- und Enkelgeneration zeigt großes Interesse, wenn es um das Schicksal ihrer Angehörigen aus dem Zweiten Weltkrieg geht“, betonte DRK-Präsident Rudolf Seiters auf einer Veranstaltung der Hilfsorganisation. Doch nach Angaben seines Sprechers Dieter Schütz sind die Anfragen von Nachfahren, die jetzt ihre Familiengeschichte aufarbeiten möchten, zwar verständlich, aber nicht so relevant wie die Anfragen, die den DRK-Suchdienst in den Nachkriegsjahren erreichten. Damals, so Schütz, „ging es um Personen, bei denen noch eine große Aussicht bestand, sie lebend wiederzufinden, etwa um deutsche Kriegsgefangene in sowjetischen Lagern. Damals suchten Frauen ihre Ehemänner und Eltern ihre Kinder, die in den Kriegswirren verloren gegangen waren.“

Auf ganzen Zeitungsseiten wurden damals Fotos von Mädchen und Jungen veröffentlicht, die auf der hektischen Flucht aus Schlesien oder Pommern auf Bahnhöfen oder am Wegesrand zurückgeblieben waren. Viele wurden von Fremden neben ihrer toten Mutter aufgefunden und im nächsten Kinderheim abgegeben. Manche dieser Findelkinder waren so klein oder so traumatisiert, dass sie sich nicht einmal an ihren Namen erinnern konnten. Bei fast 300 000 Kindern, die infolge von Flucht und Vertreibung von ihren Eltern getrennt worden waren, konnte der DRK-Suchdienst 295 000 Fälle aufklären, ein großer Erfolg. Doch der weitaus größte Teil der Gesuchten waren Soldaten. 1945 wurden in Deutschland 15 Millionen Menschen vermisst.

Die Mitarbeiter des DRK-Suchdienstes bewältigten zwischen 1945 und 1950 unglaubliche 14 Millionen Anfragen und konnten 8,8 Millionen „schicksalsklärende Auskünfte erteilen“, wie es heißt. Neun Jahre später, nachdem Kriegsgefangene aus den sowjetischen Lagern nach Deutschland zurückgekehrt waren, lagen noch 2,5 Millionen offene Suchanfragen vor. Bis Ende der neunziger Jahre konnte der DRK-Suchdienst 1,2 Million davon klären. Doch da hatte sich schon neues Unheil zusammengebraucht. Nach Angaben des Internationalen Roten Kreuzes gelten allein aufgrund der Konflikte auf dem Balkan in den neunziger Jahren rund 10 000 Menschen bis heute als vermisst.