Mobiler Urlaub im Brexit-Land

Großbritannien erwartet einen neuen Touristenrekord – Erfahrungen und Motive mobiler Reisender aus der Bundesrepublik, die auch Dank anglikanischer und katholischer Gemeinden etwas günstiger im Königreich Ferien machen. Von Rocco Thiede

Big Ben schlägt vorerst zum letzten Mal
Der Platz vor dem Westminster ist ein beliebter Treffpunkt für Touristen. Foto: dpa
Big Ben schlägt vorerst zum letzten Mal
Der Platz vor dem Westminster ist ein beliebter Treffpunkt für Touristen. Foto: dpa

Die Engländer sind sehr nett. Wir finden die Landschaft toll. Die Strände sind sehr schön. Es ist einfach angenehm“, sagt Sabine Lenz aus Niederkassel (Nordrhein-Westfalen) auf der Autofähre von Dover nach Calais. Der Brexit hatte für Familie Lenz keinen Einfluss auf ihre diesjährige Urlaubsentscheidung. Mutter Sabine schildert ihre Beobachtungen: „Momentan spürt man nichts davon. Aber wenn man sich mit Engländern unterhält: die freuen sich eigentlich alle drauf, dass der Brexit kommt und erklären das auch damit, dass sie gerne eigenständig sein wollen.“

Durch ihre Entscheidung für einen Brexit entfernen sich viele Briten politisch und wirtschaftlich von Europa. Aber auf die Zuneigung der Kontinentaleuropäer zum Vereinigten Königreich beim Urlaubmachen scheint dies bisher keinen Einfluss zu haben. Gerade erst konnten wachsende Tourismuszahlen für die laufende Saison vermeldet werden. Laut „Visit Britain“, der Website der national tourism agency, wird für das laufende Jahr ein neuer Rekord von 38,1 Millionen Touristen für 2017 erwartet – immerhin eine Steigerung von vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit steht die Reiseindustrie auf Platz 7 beim Industrie-Exportindex im Königreich und erwirtschaftet über 24 Milliarden Pfund.

Auch viele deutsche Gäste zog es in diesem Sommer jenseits des Ärmelkanals. Und es waren nicht nur Pauschalurlauber, die London, Edinburgh oder Oxford sehen wollten, sondern viele Individualtouristen mit Zelt, Wohnwagen oder Wohnmobil, die Ferien in Großbritannien machten. Die mobile Form des Urlaubmachens jenseits von Bed and Breakfast wird auch hier und dort von Kirchengemeinden unterstützt, wenn es zum Beispiel um die nicht immer reichlich vorhandenen, meist auch teuren und oft durch private Firmen bewirtschafteten Parkplätze geht. „Wir haben uns regelmäßig gefreut, wenn anglikanische oder katholische Kirchen ihre Höfe oder Parkplätze für eine Übernachtung zur Verfügung stellten“, erzählt Inge aus Berlin, die mit ihrem Mann und drei Kindern mit dem Wohnmobil in den Grafschaften Kent, Sussex, Dorset, Devon und Cornwall im Süden Englands unterwegs war. Oft gab es eine Spendenbox, wo auf freiwilliger Basis zwei oder drei britische Pfund für einen Tagesaufenthalt erbeten wurde. Nahe dem Lizard Point, dem südlichsten Punkt Englands, durfte man mit dem Wohnmobil für eine kleine Spende an die Kirchenkasse sogar übernachten, was zur Ausnahme im von Verbotsschildern und Kameras nur so wimmelnden Parksystem Englands gehört. Auch Familie Müller aus Stuttgart, die mit ihren beiden schulpflichtigen Söhnen in einem fast 50 Jahre alten umgebauten, braunen Sparkassenbus quer durch den Südwesten Englands reiste, machte immer wieder einen Zwischenstopp bei Kirchen und ihren Gemeinden. Die 38 Millionen Christen in Großbritannien – überwiegend Anglikaner, aber auch fünf Millionen Katholiken – veranstalten regelmäßig und besonders gern im Sommer unter freiem Himmel kleine Charity-Events, wo es leckeren selbstgebackenen Kuchen oder auch gebratenen Fisch und andere lokale Spezialitäten gibt. „Das ist mindestens genauso lecker wie im Pub“, schwärmt Vater Roland, „nur viel günstiger und wir bewirken mit unserem Kauf auch noch etwas Positives, stärken die kirchliche Arbeit oder unterstützen Arme.“ Auch seine Frau mag diese kleinen Charity-Märkte, wo man für wenige Pennys und Pfunds DVDs, CD's oder englische Bücher erwerben kann. „Die Kinder freuen sich über ein neues, analoges Spielzeug“, sagt Petra Müller augenzwinkernd und für sich selbst hätte sie dort schon einmal eine fast fabrikneue Jacke und ein paar Gummistiefel gekauft, die beim wechselhaften Wetter in diesem Sommer auch gleich zum Einsatz kamen.

„Es gibt zu wenige freie Stellplätze“, bedauert auch Sabine Arendt aus der Nähe von Biberach, die zusammen mit ihrem Mann Peter drei Wochen in Schottland Ferien mit ihrem neuen Wohnmobil machte. Ökonomisch ist das Reisen mit dem Wohnwagen oder Wohnmobil günstiger als im Vergleich mit dem PKW, und wenn man von Pension zu Pension mit Bed and Breakfast pendelt. „Es ist auf jeden Fall nicht ganz so billig“, relativiert Peter Arendt. Auf den Campingplätzen hätten sie im Schnitt etwa 20 Pfund für zwei Personen plus Wohnmobil gezahlt. Der teuerste Zeltplatz war mit 40 Pfund in York. Da kamen ihnen die „Sonderangebote“ der Kirchengemeinden mit drei oder vier Pfund schon sehr entgegen. Mit den teilweise recht engen Landstraßen „hatten wir keine Probleme“, sagt Peter Arendt, auch nicht mit dem Linksfahren, „da gewöhnt man sich innerhalb von Stunden dran. Wir sind wirklich ein paar ganz enge Straßen gefahren, so zum Beispiel beim Mull of Kentyre, das war sehr, sehr eng, aber es ist nichts passiert, aber es gehört ein bisschen Mut dazu“, gibt er offen zu. Dabei ist es für die mobilen Campingfreunde gar nicht so einfach, einen freien, also kostenlosen Übernachtungsplatz in England zu finden, so wie in Deutschland, wo man auf vielen Parkplätzen fast überall eine Nacht frei und umsonst mit seinem Wohnmobil oder Caravanhänger stehen kann. „Ich glaub, das ist in England überhaupt nicht erlaubt“, meint Inge Arendt. In Schottland sah es anders aus: „Da kann man überall einfach parken, wenn man niemanden stört.“

Andere setzen auf das Zelt. „Die Engländer sind für uns eigentlich die Nation, wo man am besten campen kann. Ich glaube, die haben das Campen erfunden“, berichtet Boris Lenz. Seine dreiköpfige Familie ist mit einem Zelt von fünf Mal zweieinhalb Metern mit 30 Pfund pro Nacht im Schnitt über die Runden gekommen. „Da konnten wir drei Wochen Urlaub machen und hätten für den selben Preis gerade mal für eine Woche ein Ferienhaus gehabt“, erklärt Boris Lenz.

Die günstige Variante mit den Kirchparkplätzen kannte der gelernte Koch Matthias Schretter aus dem oberbayerischen Schongau noch gar nicht, obwohl er schon einige Wochen mit seinem zum Motorhome umgebauten Transporter mit Münchner Kennzeichen in Mittel- und Südengland unterwegs ist. Der Mittvierziger war viele Jahre in Restaurants in den USA, auf Kreuzfahrtschiffen oder in der britischen Hauptstadt in einem Spezialitätenrestaurant angestellt. „Bayerische Küche natürlich, ich war im besten deutschen Restaurant in ganz London an der Themse beschäftigt. Zwei Bratwürste, mit Bratkartoffeln und Salatgarnitur und ein Maß Bier, kosteten dort 22 Pfund, fast 25 Euro“, berichtet Schretter. Sein Ford-Transit hat verdunkelte Scheiben und auf dem Dach Solarplatten, mit denen er seine drei großen Batterien auflädt. „Innen habe ich alles drin: Musik, Kühlbox, Heizung, Kochgelegenheit, übers Handy Internet“. Die knapp fünf bis sechs Quadratmeter sind seit dem Frühsommer „meine Wohnung, aber für eine Person absolut ausreichend. Und das Coole dabei ist, von außen sieht man eben nicht, dass es ein Camper ist, sondern es ist einfach nur ein Transporter. Dadurch kann ich überall stehen – in Wohngebieten zum Beispiel, wo es Verbotsschilder gibt mit „No overnight sleeping“, also „Übernacht-Schlafen-verboten“ oder „Camper verboten“, verrät er. Bei seinem Campingleben kommt Matthias Schretter mit relativ wenig Geld über die Runden.

Er kauft in den Supermärkten ein, kocht selbst und vermeidet Restaurantbesuche. Sein Biervorrat, den er einst aus Bayern zur Selbstversorgung mit nach UK nahm, „ist leider aus“, auch weil er es teilte „mit einigen englischen Hippies, die mir geholfen haben beim Biertrinken“, sagt er lachend. Deshalb sei er jetzt auf ein einheimisches Getränk umgestiegen. „Hier gibt es richtig guten Cider, der wo aber im Verhältnis gar nicht so teuer ist“, sagt er in seinem bayerischen Dialekt. Mit seinem Auto findet Matthias im vielen von Verboten geprägten und oft mit Kameras überwachten Parksystem immer einmal wieder eine kostenfreie Lücke. „Bisher habe ich genau 3 Pfund 60 fürs Parken ausgegeben“. Nur einmal hatte er Pech: „Mein Ticket ist abgelaufen um 16.27 Uhr und da steht schon so ein Parkwächter mit seiner Maschine und wartet, bis sie auf 16.28 Uhr umspringt. Er gibt mir noch highfive, grinst und sagt „Oh you made it“ – das kostete mich gleich mal 100 Pfund“. Demnächst wird sich auch Schretter wieder in seine bayerische Heimat aufmachen. Den Herbst über möchte er nicht in Großbritannien bleiben, auch weil er als Saisonkoch in einem Wintersportort in den Alpen arbeiten kann.

Eigentlich ist Matthias Schretter mit seinem Leben gerade sehr zufrieden. Aber zum Abschied sagt er etwas bedauernd: „Zu meinem Glück fehlt eigentlich nur noch eins, das ist ne nette Frau, die wo mit mir die ganzen Erlebnisse teilt, wenn ich die ganzen schönen Plätze sehe, sehe ich sie halt immer alleine und das würde ich gern mit einer Frau teilen. Ich glaube dann wäre mein Glück perfekt.“