Mittagessen mit Mohammed

„Diversität der Religionen“: Im niedersächsischen Gifhorn hat die erste katholisch-muslimische Kindertagesstätte eröffnet. Das Projekt ist nicht unumstritten. Von Benedikt Vallendar

Eröffnung eines christlich-muslimischen Kindergartens
Im Gifhorner Hort „Abrahams Kinder“ werden nun katholische und muslimische Kinder gemeinsam betreut.dpa Foto: Foto:
Eröffnung eines christlich-muslimischen Kindergartens
Im Gifhorner Hort „Abrahams Kinder“ werden nun katholische und muslimische Kinder gemeinsam betreut.dpa Foto: Foto:

Wer auf die Idee kam? Keiner weiß es genau. Und doch nehmen beide Seiten für sich in Anspruch, im niedersächsischen Gifhorn Deutschlands erste katholisch-muslimische Kindertagesstätte aus der Taufe gehoben zu haben, das Bistum Hildesheim ebenso wie der muslimische Verein DITIB, der dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan nahesteht und, laut Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln, als Vorfeldorganisation radikaler Strömungen im Islam gilt. Davon unberührt zeigt sich bislang die Gifhorner Stadtverwaltung unter Bürgermeister Matthias Nerlich (CDU), die das Projekt im Sonnenweg 12 finanziell und politisch unterstützt und dafür vor allem in linken Kreisen Beifall erhält. In einer Pressemitteilung des Bürgermeisters Nerlich heißt es: „Diversität der Religionen ist Bestandteil der Menschheitsgeschichte und Bestandteil unserer Gesellschaft. Es geht darum, aus der Unterschiedlichkeit heraus das Gemeinsame zu erlernen.“ Das gemeinsame Moment aller abrahamitischen Religionen sei die Friedensbotschaft, das Vereinende. Anspruch des neuen Kindergartens müsse es sein, dass Kinder voneinander lernten, sich gegenseitig wertzuschätzen, so Nierlich.

Die Kritiker des Projekts blieben ungehört

Seit Anfang August 2018 werden im Gifhorner Hort „Abrahams Kinder“ katholische und muslimische Kinder gemeinsam betreut und spielerisch mit den Grundlagen der jeweils anderen Religion vertraut gemacht. Ursprünglich sollte die Kindertagesstätte christlich-muslimisch ausgerichtet sein. Doch das Vorhaben scheiterte, nachdem die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover ihre Teilnahme abgesagt hatte und in ihren eigenen Einrichtungen weiterhin ein klar „evangelisches Profil“ zeigen möchte. Nur eine lokale, gemeinnützige GmbH unter dem Dach der Diakonie konnte für das Gifhorner Projekt gewonnen werden. Auch Vertreter jüdischen Glaubens blieben außen vor, angeblich, weil es in Gifhorn an „organisierten jüdischen Strukturen“ fehle, so die Recherchen eines lokalen Radiosenders. „Wir möchten zur Begegnung beider Kulturen beitragen“, zeigt sich der Vorsitzende des Trägerkomitees, Pastoralreferent Martin Wrasmann vom Bistum Hildesheim dennoch optimistisch. Nachdem das Anmeldeverfahren anfangs stockte, ist die geplante Gruppe mit 18 Plätzen für Kinder von ein bis sechs Jahren nun vollständig. Sechs weitere Kinder stünden auf der Warteliste, heißt es. „Ziel ist es, Kinder zu Toleranz und Achtung gegenüber anderen Religionen zu erziehen, sagt Wrasmann. Ähnliche Projekte gibt es bereits in Osnabrück, ein weiteres soll 2021 im Berliner Stadtteil Moabit an den Start gehen. Bislang habe man in Osnabrück „überwiegend gute Erfahrungen“ gemacht, so ein Bistumssprecher.

Vier Jahre haben Martin Wrasmann und seine Mitstreiter das Gifhorner Projekt vorbereitet, gleichwohl sie gegen erheblichen Widerstand kämpften, und ihnen auch heute noch, nach Eröffnung, der Wind kräftig um die Nase weht. So finden sich etwa auf der Kommentarleiste der Tageszeitung „Die Welt“ ausschließlich kritische bis empörte Lesermeinungen, die vor einer schleichenden Unterwanderung durch den Islam warnen und vor allem der CDU um Angela Merkel „Verrat“ vorwerfen. Außerhalb des linksliberalen Mainstreams von Süddeutscher Zeitung, Stern und Spiegel sind damit unüberhörbar die Stimmen derjenigen, die dem Gifhorner Vorhaben skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen und vor allem den katholischen Initiatoren Blauäugigkeit vorwerfen. Allen voran der Berliner Hochschullehrer und AfD-Politiker Gottfried Curio, der davor warnt, zwischen einem vermeintlich harmlosen und radikalen Islam zu unterscheiden. „Jede Form des Islam beruft sich auf den Koran, ein Buch, das Juden und Christen als Hunde diffamiert, die körperliche Züchtigung von Frauen empfiehlt und Andersgläubige mit dem Tod bedroht“, sagt Curio. Bezeichnend findet es der habilitierte Physiker und Philosoph, dass immer mehr Katholiken resignieren und ihrer Kirche auch deshalb den Rücken kehren, weil sich maßgebliche kirchliche Kreise dem Islam in vorauseilendem Gehorsam anbiedern, ohne die Stimmen derjenigen zu hören, die vor einer Verwässerung des Römisch-Katholischen warnen. Denn während sich der Islam von jeher ablehnend bis militant gegenüber allem Unislamischen zeigt, werben katholische Leitungsorgane vielerorts für Toleranz, „Multikulti“ und Weltoffenheit für Migranten aus muslimischen Kulturkreisen. Doch auch von dort mehren sich die Stimmen derer, die in Gifhorn vor verdeckter Missionierung durch Christen und vor der Abwendung ihrer Kinder vom „Allmächtigen, von Allah“ warnen.

Die beschauliche Kleinstadt Gifhorn am Südrand der Lüneburger Heide ist damit ungewollt in den Fokus einer öffentlichen Debatte geraten, durch die sich spätestens mit dem Einzug der Alternative für Deutschland (AfD) in den deutschen Bundestag auch die politischen Axiome in der Bundesrepublik verschoben haben. Dabei hatte alles recht harmlos angefangen. Ausgangspunkt für das Projekt im Sonnenweg 12 war der Wunsch nach einem eigenen, islamischen Kindergarten, was in Gespräche mit Vertretern christlicher Gemeinden mündete, die sich offen für eine Zusammenarbeit mit den Muslimen zeigten.

Manchmal schien die Kooperation zu scheitern

Was folgte, waren nicht immer leichte Verhandlungen, die sich, mit Unterbrechungen, über Monate und Jahre hinzogen und manchmal auch kurz vor dem Scheitern standen, wie eine Insiderin verrät. In einer „Kooperationsvereinbarung“ hatten sich im vergangenen Jahr beide Seiten auf „pädagogische Rahmenrichtlinien“ geeinigt, die jedoch bei näherem Hinschauen eine deutlich muslimische Handschrift tragen. So wird für Abrahams Kinder künftig ausnahmslos nach den Halal-Regeln gekocht, was auch den Verzicht auf Schweinefleisch beinhaltet. Halal bedeutet in der religiösen Praxis, dass das Tier besonders grausam stirbt, indem es minutenlang unbetäubt ausblutet, was nach islamischer Glaubensvorstellung ein Gebot der „Reinheit“ ist. Zum Umgang mit religiösen Festen, dem Miteinander der Geschlechter und der islamischen Kleiderordnung gebe es ebenfalls Vereinbarungen – „aber keine festen Regeln“, wie es Kita-Leiterin Linda Minkus formuliert. Das bedeutet etwa, dass katholische Kinder künftig auch von vollverschleierten Frauen betreut werden, denn schließlich sei das Kopftuch aus dem deutschen Alltag ja „nicht mehr wegzudenken“.