Mit dem Dresdner Choralgesang ins Paulus-Jahr

Kapellknaben singen heute bei der Papstvesper in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern

Dresden/Rom (DT) Wenn Papst Benedikt XVI. heute gemeinsam mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. und weiteren Vertretern christlicher Kirchen in die Basilika Sankt Paul vor den Mauern einzieht, erklingt Claudio Monteverdis „Cantate Domino“, das „Dextera Domini“ und „Sicut cervus desiderat“ von Giovanni Pierluigi da Palestrina und der Choral „Omnes gentes“ von Johannes Maria Casini. Anders als sonst werden diese Stücke nicht von der Capella Sixtina gesungen, sondern vom Voci bianche della catedrale a Dresda – den Dresdner Kapellknaben – unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Matthias Liebich.

Die musikalische Mitgestaltung der Papstvesper zur Eröffnung des Paulus-Jahres wird für viele der 54 Sänger im Alter von neun bis 19 Jahren ein unvergessliches Erlebnis werden. Für Josef Strenzke, Bass und Abschlussjahrgang im Chor, ist es der Höhepunkt seiner chorischen Laufbahn. „Ich habe in den vergangenen neun Jahren viele Konzertreisen mitgemacht, nach Helsinki, Brüssel, Paris und nach Kuba. Aber in einem Gottesdienst mit dem Heiligen Vater singen zu dürfen, ist für mich etwas ganz Ergreifendes.“ Auch Marc Richter (2. Alt) ist gespannt auf die Reise. „Ich freue mich riesig auf Rom und den Papst“, sagte der 13-jährige vor der Abreise.

Dabei war der Gesang bei der Papstvesper zunächst gar nicht geplant. Am Anfang stand die Idee zu einer Sommerkonzertreise. „Der Gedanke, nach Rom zu fliegen, kam vergangenes Jahr nach der Aufführung der Cäcilienmesse von Charles Gounod auf“, erinnert sich Internatsdirektor Michael Hirschmann im Gespräch mit der Tagespost. „Einer sagte: Diese Messe könnten wir eigentlich auch mal in Rom im Petersdom singen.“ Aus diesem Wunsch heraus sei nach und nach ein konkreter Plan geworden. Kontakte zu einem ehemaligen Kapellknaben und einem einstigen Zivildienstleistenden, die derzeit am römischen Germanicum Theologie studieren, wurden geknüpft. Die beiden halfen bei der Organisation vor Ort.

„Pensionen, Hotels oder Privatquartiere schieden von Anfang an aus“, erklärt Direktor Hirschmann die Ausgangslage. Es galt, ein günstiges Quartier in Innenstadtnähe zu finden, das die Sänger aus der sächsischen Landeshauptstadt für die einwöchige Reise beherbergen konnte. Ein Priester aus dem Bistum Dresden-Meißen schlug die Gemeinde San Guiseppe Cotolengo in der Viale di Valle Aurelia vor. „Wir haben den dortigen Pfarrer angerufen und er sagte in seiner mediterranen Mentalität kurz und bündig: Ja, kein Problem, wir können kommen“. So schlafen die Kapellknaben zehn Minuten vom Vatikan entfernt in den Räumen der Pfarrgemeinde. Die Versorgung der Sänger übernehmen zwei Betreuer, die bereits am vergangenen Dienstag mit dem Auto in die italienische Metropole aufbrachen.

Die Kapellknaben, die seit vergangenen Donnerstag in Rom weilen und bis zum 3. Juli bleiben, singen in verschiedenen römischen Kirchen zu Gottesdiensten und Konzerten: Die Dresdner sind zum Beispiel in Santa Croce in Gerusalemme, San Sebastiano fuori le Mura und Santa Maria in Trastevere zu hören, wo ihr erstes Konzert bereits am vergangenen Donnerstag Abend stattfand. Es erklingen sowohl Werke italienischer Komponisten, wie zum Beispiel Giovanni Pierluigi Palestrina (1525–1594) und Olando di Lasso (1532–1594), als auch Werke einheimischer Musiker, wie zum Beispiel von Heinrich Schütz (1585–1672), der von 1615 bis 1672 Leiter der Kantorei am sächsischen Königshof war. „Wir wollten aber auch einmal in einer richtig großen Basilika singen“, erklärt Internatsdirektor Hirschmann die Reiseplanungen. Da der Petersdom aufgrund seiner Größe ausschied, strebten die Verantwortlichen einen Auftritt in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern an. „Die dortigen Ordensleute schlugen uns den Gottesdienst am Hochfest von Sankt Peter und Paul oder die Vesper am Vorabend als möglichen Termin vor“, erinnert sich Hirschmann. Da aber der morgige Sonntag bereits der deutschen Gemeinde in Rom mit ihrer Kirche Santa Maria dell' Anima vorbehalten war, sagten die Kapellknaben für die Vesper am Vorabend des Hochfestes der Apostelfürsten zu. „Erst einige Monate später erreichte uns dann die Nachricht, dass gerade diese Vesper Papst Benedikt XVI. anlässlich der Eröffnung des Paulus-Jahres feiern wird. Wir waren über die glückliche Fügung überaus erfreut“, erzählt der Leiter des Internates.

Es ist mehr als 25 Jahre her, dass Sänger der katholischen Hofkirche zu Dresden die „Ewige Stadt“ und den Papst besuchten. Joachim Reinelt, Bischof von Dresden-Meißen, erinnert sich: „Bei der letzten Romreise im Jahr 1982 mussten die Kapellknaben noch um die Ausreisevisa bangen. Inzwischen ist die Grenze überwunden und Europa friedlich zusammengewachsen. In Rom werden die Kapellknaben aber nicht nur ein geeintes Europa, sondern vor allem die weltumspannende, katholische Kirche erleben“, sagte Bischof Reinelt.

So erwartet die Kapellknaben neben den offiziellen Terminen, zu denen auch ein Treffen mit dem neuen sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich und seiner Delegation gehört, ein breites religiöses und kulturelles Programm. Eine Besichtigung des Petersdoms inklusive einer Kuppelbesteigung darf ebensowenig fehlen wie ein Besuch des Kolloseums, der Domitilla-Katakombe und des Pantheons. Darüber hinaus werden die Kapellknaben an der Generalaudienz des Papstes am kommenden Mittwoch teilnehmen und Radio Vatikan besichtigen.

Angesichts dieses Programms ist sich Michael Hirschmann sicher: „Es werden Tage gefüllt mit Erlebnissen, Bildern und Gesprächen sein, denn viele der Jungen sind das erste Mal in Rom.“ Marcus Hoffmann, Seelsorger der Kapellknaben, erwartet eine Stärkung der Chorgemeinschaft beim gemeinsamen Singen wie auch beim Pilgern durch die „Ewige Stadt“: „Es wird ein sehr vielfältiges Entdecken sein – mit geistlichen Wegen und kleinen Zeitreisen ebenso wie mit Eis und römischem Flair.“