Milliarden im Wasser versenkt

Venedig versinkt – Rettung sollte das Projekt M.O.S.E bringen, doch über die beweglichen Fluttore spricht keiner mehr. Von Natalie Nordio

M.O.S.E-Bauarbeiten schreiten voran
Die M.O.S.E-Bauarbeiten schreiten zwar voran, doch ob die Wehre ihre Aufgabe auch erfüllen werden, ist ungewiss.

Es ist mit Abstand eines der kostspieligsten Großprojekte Italiens, aber seit langen Monaten breitet man darüber den Mantel des Schweigens aus. Was wurde aus den beweglichen Fluttoren, genannt M.O.S.E („modulo sperimentale elettromeccanico“), die Venedig und seine Lagune vor dem gefährlichen Hochwasser schützen sollen? Seit dem Korruptionsskandal vor drei Jahren, als am 4. Juni 2014 der damalige Bürgermeister von Venedig Giorgio Orsoni und weitere 34 Politiker wegen krimineller Machenschaften wie Veruntreuung von Geldern oder Erpressung verhaftet wurden, hat man von M.O.S.E kaum mehr etwas gehört. Bereits vor dem Skandal im Juni 2014 war klar, dass eine Fertigstellung des mobilen Staudamms nicht vor 2016 zu erwarten war. Inzwischen aber steht auch die im vergangenen Jahr von Seiten der Bauherren zugesicherte Fertigstellung für 2018, wie Venedig selbst, auf sehr unsicheren Beinen.

Ein fünfminütiger Film auf der Internetseite von M.O.S.E preist die Vorzüge des Mammut-Projekts an. Denn nicht nur die Stadt Venedig und ihre Kunstschätze gedenkt man durch M.O.S.E zu retten, sondern auch die anderen Lagunenstädte wie Chioggia, dessen historische Altstadt durch die beweglichen Schutzdämme vor Hochwasser besser geschützt werden soll. Ganz nebenbei setzt sich das Projekt auch für den Naturschutz ein, wie das Filmchen zeigt. Neue Gebiete sollen erschlossen werden, in denen die vielerorts vertriebene und zerstörte Tier- und Pflanzenwelt der Lagune wieder ein Zuhause finden soll. In einem weiteren Filmchen sieht man die einzelnen beweglichen Stauwehre dann in Aktion – natürlich nur als virtuelle Rekonstruktion. Denn die Realität sieht leider anders aus als im netten Werbefilm. Noch immer sind die Arbeiten an den drei Hauptpunkten, dem Hafen des Lidos von Venedig und an den Hafeneinfahrten von Malamocco und Chioggia, nicht beendet. Immer wieder sorgen Testläufe, die man an den bereits fertigstellten Teilen durchführt, bei den Bauherren für Kopfzerbrechen und schlaflose Nächte, denn einige der einzelnen Elemente klemmen und stellen sich nicht bis zum gewünschten Grad aus dem Wasser auf – die optimale Position entspricht einer Schräglage von 45 Grad. Sie könnten sonst im Notfall gar nicht den gewünschten Schutz bieten. Einige dieser mobilen Wehre sind schon seit Jahren installiert und liegen unbewegt, wahrscheinlich von Algen überwuchert, unter Wasser. Denn das vorgesehene Spezialboot, das mit einer Art Besen ausgestattet dafür sorgen soll, dass sich keine Verkrustungen an den einzelnen Dämmen ablagern, ist nie in Betrieb genommen worden. Die große Frage der Funktionsfähigkeit von M.O.S.E nach der Fertigstellung schwebt daher wie ein Damoklesschwert über dem gesamten Projekt.

Dazu kommen die exorbitanten Kosten. „Milliarden haben sie da in der Lagune versenkt“, wettert es aus den Reihen der Lagunen-Bewohner, die seit Jahren mit wachsender Skepsis die Baggerschiffe beobachten. Im vergangenen Jahr lagen die Kosten laut Experten bereits bei sechs Milliarden und steigen, je länger sich die Bauphase zieht, immer weiter in die Höhe. Die veruntreuten Gelder – bis 2015 beliefen sich diese auf mehr als eine Milliarde Euro – tun zu diesem finanziellen Desaster ihr übriges. Im Augenblick scheint niemand mehr wirklich sagen zu können oder zu wollen, auf welche Höhe sich die Kosten letztlich belaufen. Sollte, allen schlechten Vorhersagen zum Trotz, M.O.S.E eines nicht all zu fernen Tages wider Erwarten doch funktionieren, wartet auf die Verantwortlichen schon das nächste Problem: die Wartungskosten. Um eine reibungslose Funktionsfähigkeit der mobilen Wehre zu garantieren, werden jährlich etwa zwanzig Millionen Euro benötigt. Und wer soll das bezahlen? In einem Land wie Italien, zu dem „la crisi“, die Krise, nunmehr seit Jahren dazugehört wie Pizza und Pasta, wird vom Staat wenig finanzielle Hilfe zu erwarten sein.

Zu allem Überfluss sucht der „Consorzio Venezia Nuova“, „die Genossenschaft für ein neues Venedig“, der die Projektleitung von M.O.S.E obliegt, händeringend nach einem neuen technischen Leiter, wie Anfang August in der venezianischen Tageszeitung „Corriere del Veneto“ bekannt wurde. Seitdem Hermes Redi im März 2016 kündigte, ist dieser wichtige Posten nicht neu besetzt worden. Italiens Ingenieure reißen sich bislang nicht gerade um diesen „Job“. Einen kleinen Lichtblick gibt es allerdings, denn die Mini-Version von M.O.S.E, deren bewegliche Stauwehre am Ein- und Ausgang des Vena-Kanals in der historischen Altstadt von Chioggia installiert wurden, funktionieren. Erst kürzlich, als Anfang August heftige Gewitter über die Lagune zogen, stellten sich die mobilen Dämme auf und schützten das Stadtzentrum erfolgreich vor den Wassermassen. Die Einheimischen sind zufrieden, gehören doch die Zeiten, in denen sie bei schlechtem Wetter in der Altstadt durch kniehohes Wasser waten mussten, der Vergangenheit an. Anders in Venedig. Hier sorgt eine Schlechtwetterfront auch noch Tage später für eher an kleine Seen erinnernde Riesenpfützen im und um den Markusdom.

Doch während die Provinz Venedig Unsummen in den Kampf gegen das Hochwasser investiert, das seit jeher das Leben in der Lagune bestimmt, hat ein anderer Feind längst durch die Hintertür die Wasserstraßen der Stadt erobert. In der Hauptsaison bahnen sich die großen Kreuzfahrtdampfer täglich ihren Weg über den „Canale della Giudecca“, den Kanal zwischen der Hauptinsel Venedigs mit der historischen Altstadt und der südlichen Inselgruppe „Giudecca“, um unmittelbar neben dem Wahrzeichen Venedigs, Markusplatz samt Dogenpalast, vor Anker zu gehen. So wird es den Kreuzfahrturlaubern leicht gemacht und sie gelangen in wenigen Minuten von Bord mitten hinein in das Herz der Lagunenstadt.

Für Venedig, das vom Tourismus lebt, sind die Kreuzfahrtschiffe natürlich ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, doch die negativen Folgen sind um ein Vielfaches größer als der Gewinn, den die Stadt aus den Kreuzfahrtschiffen zieht. Dass Venedig absinkt, ist ein offenes Geheimnis. Doch der starke Wellenschlag der Dampfer beim Aus- und Einfahren nach Venedig untergräbt die Fundamente der Stadt und lässt die Stadt noch schneller sinken. Luft- und Wasserverschmutzung sind weitere Gefahren, denen Venedig durch die Ozeanriesen ausgesetzt ist. Aufwendige Restaurierungs- und Instandhaltungsabreiten sind das einzige Mittel, um dem zunehmenden Zerfall entgegenzuwirken. Doch die schweren Baugeräte, die dabei zum Einsatz kommen, lassen die Fundamente durch das zusätzliche Gewicht wiederum schneller absinken. Von den enormen Kosten, die bei solchen Arbeiten anfallen, einmal abgesehen.

Venedig verkommt immer mehr zu einem Vergnügungspark der Fünf-Minuten-Touristen, die nach einem Gang über den Markusplatz und einer Stippvisite bei der Rialto-Brücke meist schnell wieder auf ihre Kreuzfahrtschiffe verschwinden, wo sie ein reiches Buffet und ein bequemes Bett erwartet. Es ist fragwürdig, ob diese Art von Tourismus Venedig auf Dauer, vor allem aber angesichts des hohen Preises, den es dafür zahlt, wirklich etwas bringt.