Lohn-Sieg für Kambodschas 200 000 Näherinnen

Mindestlohn wird nach Protesten angehoben von Robert Luchs

Phnom Penh (DT) Dieser Erfolg nach monatelangen Demonstrationen auf den Straßen der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh ist einzig und allein der Entschlossenheit und dem Durchhaltevermögen der Textilarbeiterinnen zu verdanken. In den mehreren hundert Textil- und Schuhfabriken in dem südostasiatischen Land sollen die über 200 000 Näherinnen künftig mehr Geld bekommen.

Wie das Arbeitsministerium mitteilte, soll der Mindestlohn von 128 auf 140 US-Dollar ansteigen. Das sind umgerechnet 124 Euro im Monat. Die Gewerkschaften hatten 160 Dollar gefordert. Die Anhebung nach zähem Ringen ist allerdings immer noch zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Nach jüngsten statistischen Erhebungen liegt das Jahreseinkommen in Kambodscha bei 650 US-Dollar.

Die Statistik zeichnet allerdings ein schiefes Bild, weil einer sehr reichen Oberschicht die Masse der armen Kambodschaner gegenübersteht. Noch vor wenigen Jahren mussten die meisten Kambodschaner bei steigenden Preisen vor allem im Energiesektor mit etwa einem Dollar pro Tag auskommen. Viele Kinder blieben der Schule fern und arbeiteten auf der Straße als Zeitungs- und Blumenverkäufer, um der Familie das Überleben zu sichern. Dies hatte wiederum negative Auswirkungen auf die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen. Zugleich ist ein rasanter Anstieg der Mieten zu verzeichnen, die der Normalbürger nicht mehr bezahlen kann. Dies führt zu einer wachsenden Zahl von Obdachlosen.

Die lange überfällige Anhebung des Lohnniveaus birgt aber auch Risiken. Die Firmen mit ihren Stammsitzen überwiegend in Europa drohen mit der Abwanderung in Länder, in denen sie noch billiger produzieren lassen können. Dies wäre ein schwerer Schlag für Kambodscha, dessen Wirtschaftsstruktur gefährlich einseitig ausgerichtet ist.

Sollte Kambodscha den Status als Billiglohnland verlieren, droht der mit Abstand wichtigste Wirtschaftszweig des Landes zusammenzubrechen. Die Textilindustrie bringt Kambodscha jährlich rund fünf Milliarden Dollar an Exporterlösen ein. Noch gilt Kambodscha als Billiglohnland. Nur Bangladesch, Sri Lanka und Pakistan haben nach Auskunft der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) noch niedrigere Mindestlöhne.