Lerngemeinschaft Weltkirche

Interkontinentales Symposium in Tübingen befasst sich mit Kleinen Christlichen Gemeinschaften und Basisgemeinden

Von links nach rechts: Dieter Tewes, Professor Albert Biesinger, Prälat Bernd Klaschka, Erzbischof Óscar Kardinal Rodríguez aus Honduras, Bischof Thomas Dabre aus Indien, Ordensschwester Josée Ngalula aus der Demokratischen Republik Kongo und Prälat Klaus Krämer. Foto: missio/Adveniat
Von links nach rechts: Dieter Tewes, Professor Albert Biesinger, Prälat Bernd Klaschka, Erzbischof Óscar Kardinal Rodríg... Foto: missio/Adveniat

Tübingen (DT/sei) Priestermangel, unpersönliche Großpfarreien, zurückgehende Zahlen der Sonntagskirchgänger lauten altbekannte Stichworte, die Zustand der katholischen Kirche in Deutschland beschreiben. Die dazugehörigen Strukturdebatten ebenso. Einen anderen Weg, nämlich vom Glaubenseinsatz jedes einzelnen getauften Christen für das kirchliche und alltägliche Leben in seiner unmittelbaren Lebensumgebung auszugehen, hat am vergangenen Wochenende in Tübingen die Tagung „In der Welt von heute? Kirche unterwegs in Kleinen Christlichen Gemeinschaften und christlichen Basisgemeinden“ in den Blick genommen – und zwar nicht als deutschen Sonderweg, sondern in Lerngemeinschaft mit der Weltkirche. Kleine Christliche Gemeinschaften bringen Nachbarn oder Gruppen innerhalb von Pfarreien und Pfarrgemeinden zum sogenannten Bibelteilen, zu gemeinsamem Gebet sowie sozialen oder diakonischen Diensten für andere zusammen, die sie selbst aus der Inspiration des Wortes Gottes heraus in ihrer Nachbarschaft für erforderlich halten. Rund 240 Teilnehmer aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa folgten der Einladung des Internationalen Katholischen Missionswerkes missio Aachen, dem Hilfswerk Adveniat und der Abteilung für Religionspädagogik an der Universität Tübingen zu der Tagung.

„Es geht darum, die Verantwortung jedes einzelnen Christen zu stärken, und dass Priester und Laien eine aktivere Rolle spielen“, sagte Prälat Klaus Krämer, Präsident von missio Aachen. Anlass für die Tagung sei das 50-jährige Jubiläum des Zweiten Vatikanischen Konzils gewesen, woraus als eine der „wichtigsten Früchte“ die Bewegung der Kleinen Christlichen Gemeinschaften zuerst in Afrika und dann in Asien erwachsen sei. Seit der Jahrtausendwende werde dieses Konzept in Deutschland vermehrt rezipiert. Hier könne es in der jetzigen Situation auch helfen, eine „Austrocknung des geistlichen Lebens“ zu verhindern.

Erzbischof Óscar Kardinal Rodríguez aus Honduras, der seit 47 Jahren Erfahrungen in seinem Heimatland mit Basisgemeinden – in Lateinamerika wird der Begriff der Kleinen Christlichen Gemeinschaften nicht benützt – gesammelt hat, liest sie als eine „Antwort auf die tiefsten Sehnsüchte des Menschen“, nämlich nach Nähe in Familien und überschaubaren Gemeinschaften. „Der Mensch ist kein Massenwesen“, sagte er in Tübingen. In lateinamerikanischen Großgemeinden sei das Engagement von Männern und Frauen in kleinen, überschaubaren Basisgemeinschaften überlebensnotwendig. Sie seien „ein Zeichen der Hoffnung“.

In Indien sind schon 70 000 Kleine Christliche Gemeinschaften aktiv, berichtete Bischof Thomas Dabre von der Diözese Pune. Zwei Prozent der Bevölkerung in Indien sind Katholiken, so hätten die lokalen katholischen Gemeinschaften eine wichtige Funktion beim interreligiösen Dialog. Vor Ort könnten sie Probleme und Fragen im nicht immer spannungsreichen Verhältnis etwa zu Hindus oder Buddhisten klären und würden auch dafür ausgebildet. „Kleine Christliche Gemeinschaften gehören zur offiziellen Politik in Indien“, sagte Bischof Dabre. „Bei uns gibt es Bischöfe, die fühlen sich mit Kleinen Christlichen Gemeinschaften beinahe körperlich verbunden“, so Bischof Dabre weiter.

In Afrika, so die Ordensschwester Josée Ngalula aus der Demokratischen Republik Kongo auf dem Kongress, gelinge es mit Kleinen Christlichen Gemeinschaften, das Christentum auf dem Kontinent einzuwurzeln, ohne die eigene Kultur aufgeben zu müssen. Diese Gemeinschaften entsprächen einem „afrikanischen Christentum“, das sich vor allem im Alltag der Menschen bewährt. „Mit ihnen kämpfen wir gegen Armut, gegen Ungerechtigkeit, gegen Gewalt, die ja gerade Frauen trifft. Kleine Christliche Gemeinschaften sind in diesem Kampf sehr kreativ“, sagte die Ordensfrau.

Dieter Tewes, Koordinator des Nationalteams Kleine Christliche Gemeinschaften in Deutschland, versteht diese weltkirchlichen Erfahrungen als Angebot an die Kirche in Deutschland, das „christliche Leben in Nachbarschaft“ auszuprobieren. „Es geht um das Bewusstsein, dass alle Christen die Kirche tragen“. In mehreren Bistümern in Deutschland gibt es schon Projekte, die das Leben der Kleinen Christlichen Gemeinschaften praktizieren. Und auch in Österreich, zum Beispiel in der Erzdiözese Wien, dient das Konzept der Kleinen Christlichen Gemeinschaften als Vorbild für das künftige pastorale Leben.

Entsprechend versteht Prälat Bernd Klaschka, Geschäftsführer von Adveniat, kirchliche Basisgemeinden, wie es sie in Lateinamerika seit mehr als 50 Jahren gibt, auch als Möglichkeit, dem „Ende der Volkskirche“ in Deutschland etwas entgegenzusetzen. Basisgemeinden seien Kirche als Glaubensgemeinschaft, als Lebensgemeinschaft, als Lern- und Hoffnungsgemeinschaft. „Hier lebt das Volk Gottes, Jung und Alt, Männer und Frauen, Priester und Laien feiern darin in geschwisterlicher Gemeinschaft ihren Glauben an Gott.“ Sie setzten sich für eine gerechtere Welt dort ein, „wo Gewalt und Unrecht regieren“, sagte Klaschka in Tübingen. Adveniat unterstütze seit Beginn der sechziger Jahre „ganz im Sinne der Option für die Armen“ die kirchlichen Basisgemeinden in Lateinamerika.

Und Professor Albert Biesinger, von der Universität Tübingen, erkennt Chancen für dieses Modell in Deutschland, weil „der Rückzug der Kirche aus der Fläche dramatische Konsequenzen hat“. So könne sie die Menschen in ihrem Alltagsstress, bei Familiensorgen, Krankheit, Pflege oder Trauer um Angehörige nicht mehr begleiten und drohe sie zu verlieren. Das Vorbild der Basisgemeinden und Kleinen Christlichen Gemeinschaften auf anderen Kontinenten für eine „Pastoral der Nähe“ könne in Deutschland zum Beispiel durch die „Vernetzung von Familiengruppen“ oder den „Aufbau innovativer Gottesdienstformen in Wohnvierteln“ realisiert werden, erläuterte Professor Biesinger.