Vatikanstadt

Leichen im Keller

Der mysteriöse Fall der Emanuela Orlandi beschäftigt seit über drei Jahrzehnten die italienischen Behörden. Nun wurde im Vatikan nach ihr gesucht. Zurück bleiben zwei leere Gräber und ein erstaunter Bruder.

Mysteriöser Kriminalfall im Vatikan - Kriminalfall Orlandi
Pietro Orlandi mit der Anwältin Laura Sgro nach der Gräberöffnung. Foto: dpa

Man wollte eine Leiche finden – und am Ende fehlten drei. Die Öffnung zweier Gräber auf dem Campo Santo Teutonico im Vatikan vor einer Woche förderte nicht die von manchen vermuteten Gebeine der vor 36 Jahren verschwundenen Vatikan-Bürgerin Emanuela Orlandi zu Tage, sondern neue Fragezeichen und Rätseleien. Ein anonymer Hinweis hatte den Staatsanwalt des Vatikangerichts, Gian Piero Milano, veranlasst, im Beisein von Vertretern der Familie Orlandi und eines Genetikers in das Grab der Adligen Sophie von Hohenlohe schauen zu lassen. Aber auch das Nachbargrab von Herzogin Charlotte Friederike von Mecklenburg wurde untersucht. Diese war die erste Frau des dänischen Königs Christian VIII. und wurde 1840 auf dem Campo Santo Teutonico bestattet. Beide Grabstätten zieren Engelsskulpturen – und der Hinweis hatte explizit solche Engel als Zeichen für die letzte Ruhestätte von Emanuela Orlandi genannt.

Dass man vor einer Woche wieder einmal deren Gebeine nicht gefunden hat, war eigentlich keine Überraschung. Schon die Öffnung des Grabs des Mafia-Bosses Enrico de Pedis in der Kirche Sant' Apollinare bei der Piazza Navona 2012 und die Untersuchung von Knochenfunden auf dem Grundstück der Apostolischen Nuntiatur in Rom im Oktober 2018 hatten nicht – wie von der Familie Orlandi gehofft – zu einer Aufklärung des Schicksals von Emanuela geführt.

Spezialisten suchen nach Gebeinen

Erstaunlicher war jetzt, dass auch die beiden Adelsgräber leer waren. Der Vatikan kam in Erklärungsnot und der Interims-Direktor der Pressesaals, Alessandro Gisotti, erklärte am vergangenen Samstag, die Inhalte der am Donnerstag geöffneten Gräber könnten in den sechziger und siebziger Jahren umgesiedelt worden sein. Man habe also nachgesucht und unter dem Priesterkolleg auf dem Campo Santo zwei Beinhäuser gefunden, die, so Gisotti, sofort versiegelt worden seien und am kommenden Samstag von Spezialisten untersucht würden.

Ein schöner Brocken Arbeit für die Gendarmerie des Vatikans und die beauftragten Genetiker. Dass man nun auf Spuren der verschwundenen Vatikanbürgerin trifft, glauben wenige. Für den Ruf des traditionsreichen Campo Santo Teutonico als Grablege für Deutsche und Flamen wäre es nicht schlecht, wenn man wenigsten die Gebeine der beiden adligen Damen wiederfinden würde.

Eine alte Bekannte kehrt zurück auf die Bildfläche

Doch für die eigentliche Überraschung sorgte Pietro Orlandi, der Bruder der Vermissten. Er war mit der Anwältin der Familie, Laura Sgro, bei der Gräberöffnung dabei und gab anschließend dem Sender „News Mediaset“ ein Interview, in dem er berichtete, dass er einen Tag vor der Öffnung von Francesca Immacolata Chaouqui angerufen worden sei, die ihm gesagt habe: „Jetzt öffnet ihr diese Gräber, aber Du musst wissen, dass ihr abgesehen davon, dass ihr natürlich die Überreste von Emanuela nicht findet, nur auf zwei Gräber stößt, die völlig leer sind.“ Die schillernde PR-Frau Chaouqui, die im Zentrum des Falls „Vatileaks 2“ und des anschließenden Prozesses gestanden hat, ist also auf die Bühne zurückgekehrt.

Und Bruder Pietro Orlandi sagte jetzt im Interview, er wolle wissen, wie diese Frau „genau wissen konnte, wie die Dinge laufen würden, woher sie wusste, dass die Gräber völlig leer waren“. Zur Erinnerung: Papst Franziskus hatte die damals 31 Jahre alte Italo-Marokkanerin Chaouqui Anfang 2013 in die Wirtschaftsprüfungskommission COSEA berufen, die den Auftrag erhielt, das Finanzgebahren des Vatikans zu überprüfen – als Vorbereitung auf die Neuordnung der wirtschaftlichen Verhältnisse im Rahmen der Kurienreform.

Im Zuge von „Vatileaks 2“ wurde sie später angeklagt, zusammen mit dem Opus Dei-Priester Lucio Ángel Vallejo Balda, der ebenfalls der COSEA angehörte, vertrauliche Vatikandokumente an den Enthüllungsjournalisten Gianluigi Nuzzi weitergeleitet zu haben. Es kam zum Prozess und Chaouqui wurde vor dem Vatikangericht von Laura Sgro vertreten, die jetzt als Anwältin der Familie Orlandi bei der Gräberöffnung vor einer Woche anwesend war. Der Vatikan-Prälat Vallejo Balda musste damals ins Gefängnis und Chaouqui wurde im Sommer 2017 zu zehn Monaten Haft verurteilt – auf Bewährung, da sie zu dieser Zeit hochschwanger war.

Gab es Beteiligte im Vatikan?

Für den Vatikan ist dieser ominöse Anruf der PR-Frau Chaouqui bei Pietro Orlandi eine unangenehme Sache. Der Bruder hat natürlich recht: Woher wusste Chaouqui, dass die Gräber leer waren? Als COSEA-Frau hatte sie Zugang zu höchst vertraulichen Vatikandokumenten. Von Anfang an, also seit dem Verschwinden der damals fünfzehnjährigen Emanuela im Jahr 1983, geht es um das Vertrauen zwischen dem Vatikan und der Familie Orlandi – Emanuelas Vater war Hofdiener bei Johannes Paul II., die Mutter lebt noch. Könnte es sein, dass jemand oder gewisse Kreise im Vatikan an dem Verschwinden des Mädchens beteiligt waren? Und es jetzt noch Kräfte hinter den heiligen Mauern gibt, die falsche Spuren legen und die Aufklärung des Falls verhindern wollen? Sicher ist nun: Die Spekulationen gehen weiter.