Leben nach dem Kölner Archiv-Einsturz

Wie sich die Geschäftswelt in der Severinstraße trotz jahrelangem Lärm, Staub und Sperrungen durch den U-Bahn-Bau behaupten will

Köln (DT) Mit großformatigen Lettern auf dem Plakat an der Eingangstür wirbt der Kiosk in der Nähe der Bahnhaltestelle „Severinstraße“ um Kunden für seinen „Super Kaffee“. Einige Häuser weiter macht das „Schneider Atelier“ von Julie Singh darauf aufmerksam: „Es gibt mich noch.“ Eine Parfümerie verspricht ihren Kunden ab einem Einkauf über 20 Euro einen „Treue-Rabatt“. In vielen Läden hängen Plakate mit der Aufschrift „Mir all sin Vringsstrooss!“ Das Leben entlang einer der kölschesten Straßen in Köln pulsiert? Ja, wie eigentlich? Weiter? Noch? Wieder? Trotzdem? Dabei ist es nicht erst der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln an der Severinstraße 222, der die Geschäftstätigkeit im liebevoll „Vringsveedel“ genannten Südstadtviertel seit Anfang März so empfindlich aus dem Gleichgewicht gebracht hat.

„Wir halten durch trotz Baustelle“, bringt ein Hinweisschild an der Boutique „Dorothee“ die Haltung der meisten Händler auf den Punkt. „Seit dem Beginn des U-Bahnbaus vor über vier Jahren habe ich keine Laufkundschaft mehr“, berichtet Ladeninhaberin Dorothea Böhlhoff. Das mache sich spürbar im Tagesgeschäft bemerkbar. Für die Geschäftsfrau direkt gegenüber der Kirche St. Johann Baptist, deren Turm fast ein Jahr lang in Folge des unterirdischen Tunnelvortriebs oberirdisch absackte und mit dem „schiefen Turm von Kölle“ zur ungewollten Sehenswürdigkeit avancierte, seien es „glücklicherweise meine Stammkunden, die mir die Existenz sichern“.

Beim „Dauerlauf“ geht einem Schuhgeschäft die Puste aus

Rund hundertfünfzig Meter weiter, entlang an riesigen Baustellenkäfigen, die das schwere Baustellengerät und die metertiefen Schächte für die unterirdische Nord-Süd-Stadtbahn einhausen, sieht es nicht so gut aus. „Dauerlauf“, der seit 26 Jahren bekannte Laden für Laufschuhe und Laufbekleidung, ist insolvent. Das Geschäft mit seinen lang haltbaren Artikeln ist existenziell von Stammkunden abhängig, die oft von weither kommen und die fachkundige Beratung schätzen. Mitarbeiter Georg Herkenrath musste sich nach dem vom Insolvenzverwalter angesetzten Abverkauf einen neuen Job suchen. „Durch die schlechte Zugänglichkeit und die Lärm- und Staubentwicklung in all den Jahren waren viele Kunden ohnehin nicht mehr gekommen, und nach dem Einsturz des Archivs kamen von den verbliebenen viele nicht mehr, weil sie Angst haben.“

Elisabeth Jünger, Vorsitzende der Interessengemeinschaft Severinstraße, kann solche Einschätzungen gut nachvollziehen und ergänzt: „Immer wieder gab es auch Straßensperrungen, das hat viele kleinere Geschäfte in den Seitenstraßen in ihren Umsätzen sehr getroffen.“ Gegenwärtig gibt es wieder abschnittweise Vollsperrungen, und auch einige Seitenstraßen der Severinstraße sind nur schwer zugänglich. Jede Bewegung und Maßnahme im Baustellenverlauf werden seit der Katastrophe von Anfang März mit zwei Todesopfern noch argwöhnischer als sonst beobachtet. Besonders die Händler, Handwerker und Unternehmer schauen da genau hin. „An diesem Fall zeigt sich, wie wichtig eine funktionierende Interessengemeinschaft der Kaufmannschaft ist“, betont Elisabeth Slapio von der Industrie- und Handelskammer (IHK). „Die IG Severinstraße hat Vorbildcharakter.“

Ein positiver Effekt des Unglücks: „Wir sind im Veedel noch enger zusammengerückt“, so Elisabeth Jünger, Inhaberin der Buchhandlung „Maternus“. Rund 100 Einzelhändler und etwa 20 Freiberufler sind in der IG vertreten. „Der differenzierte Branchenmix ist unsere Chance und macht die Attraktivität des Einkaufens entlang der Severinstraße aus“, wirbt Jünger. Wer das Viertel besucht, kann das bestätigen. Vom Antiquar bis zum Zeitungsverkäufer ist das gesamte ABC eines gesunden Mix an Branchen vertreten.

Eine Kioskbesitzerin kämpft ums Überleben

Um den zu erhalten, wurden rasch Hilfen in Gang gesetzt. Die Industrie- und Handelskammer zu Köln hat beispielsweise die schnelle Initiative zur „Krisenhilfe für die Severinstraße“ des Wirtschaftsdezernates der Stadt Köln von Anfang an unterstützt. Gemeinsam mit verschiedenen Wirtschaftsorganisationen wie dem Einzelhandels- und Dienstleistungsverband Köln oder auch City-Marketing Köln wurde unter Federführung der Stadt Köln und in Abstimmung mit der IG Severinsviertel ein Ad-hoc-Hilfsprogramm erarbeitet. Dieses beinhaltet neben einem Finanzierung- und Kreditprogramm die Einstellung eines „Veedelsmanagers“. Außerdem werden derzeit Maßnahmen entwickelt, wie der Leerstandssituation zu begegnen ist und das Ladenmanagement gestaltet werden kann. Der Stadtwerke-Konzern stellte eine Million Euro an Soforthilfe für vom Einsturz betroffene Anwohner bereit. Auch die Versicherung der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) stellt Soforthilfe in Aussicht.

„Sofort“ erfordert aber einen gewissen Aufwand, wie Martha G. (Name geändert) erläutert. „Ich erstelle gerade eine Aufstellung meiner Unkosten, Belastungen und Einbußen seit dem Unglück und setze die Zahlen dann in Relation zu meinen Daten aus dem selben Zeitraum des Vorjahres“, berichtet die Kioskbesitzerin. Dazu zählen auch laufende Kosten wie Grundgebühren für Strom und Wasser oder etwa die Pflichtbeiträge für die Berufsgenossenschaft. Zwei Monate nach dem Einsturz des Stadtarchivs hat Martha G. ihr Büdchen wieder geöffnet. Nur wenige Meter ist es vom Rand des Kraters entfernt, aus dem vor einigen Wochen noch ein riesiger Schuttkegel ragte und der nun wie eine riesige offene Wunde inmitten der Straße liegt, die wie eine Lebensader das Stadtviertel durchzieht. Bei Null, so wie damals im Jahr 1993, müsse sie zwar nicht anfangen, aber wie Pionierarbeit sei das schon. „Meine Stammkunden tröpfeln langsam wieder herein“, berichtet die Dame und der Unterton, mit dem sie ihre Worte wägt, klingt bitter. Sieben Tage in der Woche, von fünf Uhr morgens bis 18 Uhr abends – außer sonntags, da erst ab 8 Uhr – steht sie in dem kleinen Laden und hofft nicht nur auf die Einsatzkräfte der Hilfsdienste und Baustellenarbeiter als Kunden.

Möglicherweise wird der verkaufsoffene Sonntag im Oktober, den die Stadt als Hilfsmaßnahme für den Handel im Veedel bereits schon einmal im April erfolgreich durchgeführt hatte, Frau G. einen erhöhten Umsatz bescheren. Doch nicht nur G. fragt sich, warum es erst eines so filmreifen und doch so realen Geschehens wie dem Einsturz kommen musste, ehe die einfachsten Maßnahmen – wie beispielsweise die bessere Ausschilderung der Zufahrtsmöglichkeiten zur Severinstraße – kurzfristig umgesetzt werden konnten.

St. Johann Baptist: Hoffnung für den „schiefen Turm von Kölle“

Vielleicht finden durch die Schilder auch wieder mehr Menschen den Weg zur Kirche St. Johann Baptist. Seitdem dort in der Nacht zum 29. September 2004 der Kirchturm kippte, ist die katholische Kirche nicht mehr benutzbar gewesen. Die umfangreichen Restaurierungsmaßnahmen werden erst Ende 2009 abgeschlossen sein. „Mit den vielen Menschen, die im Severinsviertel leben und arbeiten, haben wir den Stillstand erlebt, das Anhalten des normalen Lebens. Aber wir wollen und werden die Hoffnung nicht aufgeben, dass auf die Severinstraße neues Leben einziehen wird. Deshalb bauen wir weiter an unserem neuen Jugendpastoralen Zentrum, das ein neuer Treffpunkt der katholischen Kirche für junge Menschen werden wird“, sagt der dort residierende Stadtjugendseelsorger Kaplan Dominik Meiering.

Ein solches Zentrum könnte auch ein Mosaikstein für das neue Veedelsmanagement sein. Anfang Mai wurde es vom Rat der Stadt Köln mit dem Auftrag beschlossen, ein eigenes Standortkonzept zu erarbeiten. Außerdem wurde ein flexibles Sachmittelbudget zur Durchführung von regelmäßigen sowie außerordentlichen Standortwettbewerbsmaßnahmen eingerichtet. In Zusammenarbeit mit der Stadt Köln hat die NRW-Bank ein Sonderkredit-Programm zur Unterstützung von unverschuldet in Not geratenen Händlern und Freiberuflern aufgelegt. Die IHK Köln stellt bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Kooperation mit der KfW Mittelstandsbank den „Runden Tisch“ als erste Anlaufstelle zur Verfügung.

Das neueste Marketinginstrument: Die Severinstraße soll die sicherste Straße von Köln, vielleicht sogar von Deutschland werden. Der Befund mag verwundern bei einer Straße, die durch das Unglück mit zwei Todesopfern und einem Milliarden schweren Sachschaden in die nationalen und internationalen Schlagzueilen geraten war. Dennoch: In Kürze wird der TÜV seine im Auftrag der KVB durchgeführten Überprüfungen der Gebäude entlang der Straße abgeschlossen haben, der Straßenzug soll dann mit einem eigenen TÜV-Siegel zertifiziert werden. „So lässt sich Schwäche auch in Stärke umwandeln“, sagt Ursula Jünger und erhofft sich durch diese Maßnahme „eine Stärkung unseres Standortmarketings“.

Das soll nun Deniz Güzel voranbringen. Dieser Tage hat die junge Frau ihre Arbeit als Veedelsmanagerin aufgenommen. In der Kundennähe sowie dem breit gefächerten Warenangebot sieht sie den entscheidenden Standortvorteil und Ansatzpunkt für ihre Tätigkeit, mit der das Stadtviertel attraktiviert werden soll. Auch wenn sich die Lage für den Einzelhandel nach wie vor schwierig und angespannt darstellt, so geben doch aktuelle Neuansiedlungen von Gastronomie und Boutiquen Anlass zu Optimismus: „Die Händler halten am Viertel und seiner Zukunft fest“, hat Ursula Jünger nicht nur bei den Sitzungen der IG Severinstraße bemerkt. Auch in vielen Gesprächen auf den baustellenbedingt schmalen Bürgersteigen, die dadurch die Kommunikation geradezu zwangsläufig befördern, wird – trotz vielfach spürbarer Verärgerung insbesondere bei alteingesessenen Händlern – der fast trotzige Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen und auf jedem Fall weiter zu machen, deutlich.

Und die Archivalien? Die Restaurierungsarbeiten werden wohl noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen und eine Aufgabe für Generationen sein. So lange können die Händler und Ladenbesitzer in der Südstadt indes nicht warten.