Leben ist ansteckend

Der Philosoph Andreas Weber entwirft eine poetische Biologie, um die Menschen aus ihrer Naturvergessenheit zu reißen. Spaziergang mit einem Großstadtromantiker, der Zwiesprache mit Bäumen hält.

Philosoph und Biologe Andreas Weber
Philosophischer Naturfreund: Andreas Weber. Foto: Valentina Bosio

Der Klimawandel hat den Aufstieg zum vorrangigen Allerweltsthema geschafft. Aber während die Politiker und Aktivisten den entschlossenen Kampf gegen die Erderwärmung propagieren, stellt kaum einer die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass die gegenwärtige Menschheit mehr Raubbau an der Natur betreibt und mehr Ressourcen dieses Planeten verbraucht als je zuvor. Der Philosoph und Biologe Andreas Weber denkt darüber seit vielen Jahren nach – über unsere Entfremdung von der Natur und damit von uns selbst.

Die Trennung von Mensch und Natur funktioniert nicht mehr

In seinem jüngsten Essay „Indigenialität“ (Nicolai Verlag) schreibt er: „Hier ist der Mensch, hier sind seine Kultur, sein Geist und seine Sprache, und da sind die Dinge der Natur – diese Trennung funktioniert nicht mehr.“ Dieser illusionäre Gegensatz von Kultur und Natur hat seine Wurzeln zwar bereits in den ersten Anfängen der Zivilisation, doch erst mit der Aufklärung und der Vergötzung der Rationalität als letztgültigen Maßstab unserer Weltwahrnehmung wurde diese Spaltung zur herrschenden Mentalität, deren fatale Folgen wir derzeit zur Kenntnis nehmen.

„Wir brauchen dringend eine neue Kosmologie, eine neue umfassende Weltsicht“, sagt Weber. Wir müssen, so der 52-Jährige, uns lösen vom „Gründungsmythos des Kapitalismus“, wonach „Menschen rationale Akteure sind, die mit den Dingen, die sie als Ressourcen behandeln, so haushalten, dass es ihnen immer besser gehen kann, und dass vielleicht am Ende das ewige Leben winkt, die Unsterblichkeit in der Sicherheit materieller Güter. Wir sehen, dass diese Behandlung der Welt dazu führt, dass diese Welt zugrunde geht.“

Vom Licht in Ligurien fühlt er sich poetisch getragen

Dabei ist Andreas Weber alles andere als ein schlecht gelaunter Parteigänger des Weltuntergangs. Wer dem jungenhaft wirkenden Intellektuellen mit den widerspenstigen Haarlocken begegnet, verspürt im Handumdrehen eine Belebung und Aufheiterung. Nur wenige Menschen können andere so anstrengungsfrei begeistern, was im Wortsinne nichts anderes als eine spirituelle Infizierung bedeutet. Wir sind in Berlin zu einem Spaziergang im Grunewald verabredet. Im Herzen der Hauptstadt lebt er, wenn er sich nicht nach Italien zum Schreiben zurückzieht. Allein das Licht in Ligurien ist so anders, dass Weber sich dort von einer Art poetischer Vibration getragen fühlt. Der schlacksige Mann trägt Jeans, ein wildbedrucktes T-Shirt unter einem ausbeulten Sakko, am Kinn klebt ein kleines Pflaster über einem morgendlichen Rasurmalheur. Wir überqueren eine lärmende mehrspurige Kreuzung und hinein geht es ins Gehölz.

Weber erzählt von seinen Kindern, Tochter Emma, 16, und Sohn Max, 19, mit denen er früher oft hier umhergestreunt ist. Über ihre kindliche Naturbegeisterung hat er ein ganzes Buch geschrieben: „Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur“. Dass die Sprösslinge sich später auch für Computerspiele begeistert haben, entlockt ihm noch immer ein Kopfschütteln: „Meine Kinder sind tendenziell auch konsumistisch. Es ist verdammt schwer, etwas dagegen zu tun.“

Weber ist wie ein Theologe des Biologischen unterwegs

Immerhin versucht er es – mit seinen Büchern. Bereits seine Doktorarbeit 2003 hat er der „Natur als Bedeutung – Versuch einer semiotischen Theorie des Lebendigen“ gewidmet. Danach entstanden Werke mit so melodiösen Titeln wie „Alles fühlt“, „Lebendigkeit – eine erotische Ökologie“, „Sein und Teilen – eine Praxis schöpferischer Existenz“. Weber ist wie ein Theologe des Biologischen unterwegs, auf der Suche nach dem, was uns lebendig macht. Gott? Den muss Weber nicht eigens bemühen. Schon sein Pariser Doktorvater Francisco Varela lehrte ihn: „Life is interbeing.“ Leben ist Dazwischensein. Der göttliche Funke, der uns sein lässt, funkelt allenthalben.

Jogger schnaufen vorüber, die Ohren mit Kopfhörern verstöpselt, taub für das Vogelgezwitscher und den Klangteppich des Waldes. „Was wir derzeit erleben, ist eine biosphärische Katastrophe, eine erdgeschichtliche Notlage, die im Aussterben der natürlichen Vielfalt besteht“, sagt Weber. Für die meisten von uns ist dies aber bloß „ein Kriselchen, in dem es um Detailprobleme einer Wirtschaftsordnung geht, ohne die wir nicht glauben existieren zu können“.

Die spirituelle Wende kam durch Hans Jonas

Dann stehen wir vor einer wuchtigen Eiche, mitten im Dickicht, zu der es ihn immer wieder hinzieht. Einige hundert Jahre mögen hier vor uns stehen. „Einerseits sieht der Stamm ohne Krone aus wie ein toter Baum. Und doch schlägt er gerade aus. Der Baum ist voller Leben. Sehen Sie die vielen Höhlen. Das ist ein Universum für sich.“

Die Natur mit Webers Augen sehen – das ist wie ein Meditationsseminar im Zwiesprachehalten mit dem Lebendigen. Darin ist er von klein auf geübt. In Hamburg als Sohn eines Botanikprofessors geboren, wuchs er im Umland auf und verbrachte seine Kindheit im Niederungsgebiet der Alster. „Ich habe sehnsuchtsvoll auf den Wiesen gelegen und den Großen Brachvogel flöten gehört. Das hat unglaublich magisch geklungen.“

Während andere Teenager Mofa fuhren, baute Weber einen Gemüsegarten an, war Frosch- und Amphibienfan, lernte Vogelstimmen. Später verschlang er Literatur, wollte Romancier werden. Er belegte zunächst Geisteswissenschaften an den Universitäten in Berlin, Hamburg und Freiburg. „Ich fand das extrem sinnlos. Die Willkürlichkeit des Zeichenhaften hat mich verstört.“ Irgendwann studierte er Biologie und parallel Philosophie. Und entdeckte ein Buch von Hans Jonas über philosophische Biologie. Gleich zu Beginn schreibt Jonas, „dass das Organische schon in seinen niedersten Gebilden das Geistige vorbildet und dass der Geist noch in seiner höchsten Reichweite Teil des Organischen bleibt“. Für das abendländische Denken eine unerhörte Aussage, denn seit Platon gelten Geist und Materie als strikt getrennt.

In der Natur waltet Poesie

Für Weber war dies der intellektuelle Wendepunkt, „mein spirituelles Ankommen“. Wie Jonas betrachtet auch Weber die Materie als geistbeseelt und das Universum als lebendigen Organismus. Schon Goethe und die Romantiker lehnten die neuzeitliche Vorstellung eines toten Kosmos ab, der wie ein Uhrwerk stur nach Naturgesetzen tickt. In dieser Tradition bewegt sich Andreas Weber, wenn er eine „poetische Biologie“ entwirft, „das Gegenbild zum Verblendungszustand, in dem wir existieren“.

In der Natur waltet eine Poesie, im Sinne des griechischen Poiesis, ein schöpferisches Werden. Und wir Menschen sind nicht getrennt von der Natur, sondern mitten in ihr. Weber traut sich, den Menschen als etwas Großartiges zu denken: In jedem Menschen hat das gesamte Universum ein individuelles Gesicht angenommen. Ein radikales Gegenprogramm zum depressiven Menschenbild seit dem 20. Jahrhundert, wonach der Mensch als „Irrläufer der Evolution“, wie ihn Arthur Koestler nannte, und naturentarteter Fremdling auf diesem Planeten gilt, der die Erde verwüstet.

All diese Lektionen, so Weber, erteilt uns auch die Eiche. Oder jedes andere Wesen der Natur. Leben ist ansteckend. Jedes lebendige Gegenüber lässt uns die eigene Lebendigkeit spüren. Weber geht zur Eiche und greift an den zerfurchten Stamm. „Sowas mache ich oft. Dabei spüre ich nicht nur, wie sich die Eiche anfühlt, sondern stelle mir vor: Wie nimmt die Eiche mich wohl wahr? Eine irre Übung. Darin ist tief verankert, dass die Kräfte des Du mich selbst erst erschaffen.“