Labyrinth der Ewigkeit

Eindrucksvolles Erlebnis: Polnische Friedhöfe zu Allerheiligen und Allerseelen. Von Stefan Meetschen

Ein ruhiger Moment an Allerheiligen auf dem polnischen Pow¹zki-Friedhof. Foto: dpa
Ein ruhiger Moment an Allerheiligen auf dem polnischen Pow¹zki-Friedhof. Foto: dpa

Wie Lava sei das polnische Volk, schreibt der berühmte romantische Dichter Adam Mickiewicz (1798–1855) in seinem Drama „Die Totenfeier“ (Dziady). Am Rand könne sich zwar durchaus etwas Schmutz sammeln. „Doch niemals wird die Glut, die innere verglimmen.“ Worte, die besonders in den Tagen um Allerheiligen und Allerseelen herum hochaktuell sind, wenn alle Polen zu den Friedhöfen des Landes zu strömen scheinen. Mit Kerzen, Blumen und Putzlappen, um die Gräber der Angehörigen zu reinigen und zu schmücken. Wobei die Grenzen zwischen religiösem Anlass, Familienfeier und nationaler Erinnerung ineinander verschmelzen.

Schließlich geht man nicht nur zu den Gräbern der Familie und Freunde, auch bei den Gräbern und Mahnmalen der Soldaten, Widerstandskämpfer und Besatzungsopfer verschiedener Epochen werden Zeichen der Anerkennung niedergelegt, ebenso wie bei den Gräbern berühmter Dichter, Denker und Künstler. Besonders eindrucksvoll und für deutsche Polenbesucher sehr zu empfehlen, ist der Abend vor dem 2. November (Allerseelen), den man, wenn man in Warschau ist, unbedingt auf dem Pow¹zki-Friedhof verbringen sollte.

Alles, was gehen kann, ist in dieser Nacht auf dem bereits 1792 eingeweihten Friedhof unterwegs, wobei es einem Wunder gleicht, wie die Polen sich – noch dazu in der Nacht – auf diesem Labyrinth der Ewigkeit überhaupt orientieren können. Zweieinhalb Millionen Tote sind auf dem Pow¹zki-Friedhof beerdigt. Die meisten Gräber sind mit Grabplatten und Marmortafeln versehen. Kruzifixe und Engelsfiguren, auch Fotos der Verstorbenen an den Gräbern sind keine Seltenheit. Der Himmel über Warschau und anderen polnischen Städten scheint sich in dieser Nacht rot zu verfärben, so gewaltig ist das Leuchten und Flackern der Millionen Grabkerzen. Ein eindrucksvolles, unvergessliches Erlebnis.

Doch auch tagsüber zieht der Strom der Friedhofsbesucher, die Lava der patriotisch-religiösen Verbundenheit, munter weiter. Noch mehr Kerzen, noch mehr Chrysanthemen und Nelken werden an die Gräber gestellt. Für die Kinder kauft man weiß-pinkfarbene Gummibonbons (Pañska Skórka). Während ältere Priester die Gräber segnen und in den Friedhofskapellen die Messe zelebrieren, was via Lautsprecher weit hörbar ist, sitzen junge Seminaristen aufgrund der kühlen Herbst-Temperaturen leicht frierend auf Klappstühlen an den Wegen und Alleen des Friedhofs, um in offiziellen Kladden weitere Gebets-Aufträge zu notieren.

Diesem religiösem Brauch zur Rettung der Seelen im Fegefeuer hat sich in den vergangenen Jahren ein weiterer Fürbitte-Brauch mehr kunsthistorischer Natur hinzugesellt. Auf Initiative des Musikkritikers Jerzy Waldorff (1910–1999) sammeln bekannte polnische Persönlichkeiten, wie zum Beispiel der Schauspieler Daniel Olbrychski („Die Blechtrommel“), ausgestattet mit Geldbüchsen Spenden für die Erhaltung und Pflege der historischen Friedhöfe. Eine nützliche, ehrenvolle Aufgabe, die mit guter Laune und Fröhlichkeit ausgeübt wird. Wobei der Hintergrund eher ernst ist: Viele polnische Friedhöfe können mithilfe der staatlichen Mittel allein nicht restauriert werden.

Noch ernster ist jedoch ein weiteres Ritual, makaberer Weise könnte man auch sagen ein weiterer, neuer Brauch der Allerheiligen und Allerseelen-Tage in Polen: Die Zahl der Unfalltoten. Obwohl die Polizei seit Jahren davor warnt, an diesen Tagen mit dem eigenen Auto unterwegs zu sein und zusätzliche Züge und Busse bereitgestellt werden, gibt es statistisch gesehen keine andere Zeit des Jahres, an denen in Polen so viele Unfälle im Straßenverkehr passieren wie an diesen Feiertagen, weshalb man sich als deutscher Tourist außerhalb der Friedhöfe mit doppelter Aufmerksamkeit bewegen sollte.

Zwar versucht die Polizei durch Warnungen und Geschwindigkeitskontrollen alles Mögliche, um die Lage in den Griff zu kriegen. Tausende Beamte sind für die Aktion „Grabkerze“ (Znicz), so die offizielle Bezeichnung, vor Ort unterwegs, doch was hilft das alles, wenn zahlreiche Familienväter in der Plastiktüte mit den Kerzen, Putzlappen und Blumen auch noch eine Flasche Wodka versteckt halten und am Abend nach dem Gräberbesuch mit Alkohol am Steuer zurückfahren wollen. So bekommt die Aktion „Grabkerze“ gerade an Allerheiligen einen unfreiwilligen Nebensinn und die Friedhöfe zur Zeit des Totengedenkens Zuwachs.

Bemerkenswerte Worte über die patriotische Atmosphäre auf polnischen Friedhöfen zu Allerheiligen und Allerseelen stammen übrigens von dem Schriftsteller Günter Grass, dessen Novelle „Unkenrufe“ nicht nur von einem deutsch-polnischen Friedhofsprojekt handelt, sondern unlängst auch von einem deutsch-polnischen Produktionsteam in Danzig verfilmt wurde. Wider den aus seiner Sicht „vorschnellen“ Trend von der erfolgreichen Versöhnung zwischen Deutschen und Polen zu sprechen, empfiehlt Grass „an den Ort des Geschehens“ zurückzugehen. Zu den Friedhöfen. „Da finden wir, was wir uns wechselseitig angetan haben. Die Deutschen zuerst den Polen, dann umgekehrt auch die Polen den Deutschen.“

Tatsächlich. Wenn man erlebt, mit welcher Dringlichkeit auch jüngere, Europa-zugewandte Polen sich auf den Friedhöfen an die Opfer der deutschen Besatzung in der eigenen Familie erinnern, so muss man Grass hier unbedingt zustimmen. Die innere Glut, die nicht verglimmt – vielleicht wird sie deshalb auf den polnischen Friedhöfen so sichtbar, weil es im Zuge der Kriege und Besatzungen ausgerechnet die Friedhöfe waren, die erhalten blieben. Und weiterwuchsen mit jedem neuen Verlust. Diesen friedlichen Traum des verlorenen Landes zu sehen, lohnt sich sehr.