Königin des Libanon

Im Nationalheiligtum Harissa wandelt Benedikt XVI. in den Pilgerspuren seines Vorgängers. Von Stephan Baier

Mütterlicher Blick über Beirut. Foto: KNA
Mütterlicher Blick über Beirut. Foto: KNA

Nördlich von Beirut, 650 Meter über dem Meer, hoch über der Hauptstadt des Libanon, ja höher als der Sitz des maronitischen Patriarchen in Bkerke, liegt der Wallfahrtsort Harissa, mit erhabenen Blick über die Stadt und auf das Mittelmeer hinaus. Hier thront „Notre Dame de Liban“, Unsere Liebe Frau vom Libanon – eine weiße, schlanke Madonnen-Statue, die Hände ihrem Volk mütterlich zugewandt, mit mildem Blick auf das leidgeprüfte Land. „Quasi cedrus exaltata sum in Libano“ steht auf dem Eingang zur Wallfahrtskapelle: „Wie eine Zeder bin ich erhöht worden im Libanon.“

Zur Madonna von Harissa, die liebevoll auf die Hafenstadt Jounieh und nach Beirut hinabzublicken scheint, pilgern nicht nur melkitische, maronitische, chaldäische, syrische, armenische und lateinische Christen in Scharen, sondern auch viele Drusen und Muslime, ist doch Maria die einzige namentlich im Koran erwähnte und zudem als Mutter eines großen Propheten verehrte Frau. Die Geistlichen, die hier im Auftrag des maronitischen Patriarchen wirken, sehen die nationale Versöhnung und den Dialog zwischen den Religionen und Konfessionen als ihre Berufung. Mag sein, dass mancher Tourist vom faszinierenden Blick über Pinienwälder hinunter in die Bucht von Jounieh in diese Höhen gelockt wird, doch die meisten kommen, um ihre Sorgen und Bitten zur Madonna zu tragen. Längst sind es nicht mehr nur Libanesen, sondern auch christliche wie muslimische Nachbarn aus anderen arabischen und europäischen Ländern, die zu diesem Nationalheiligtum im Land der Zedern pilgern.

Die melkitische Basilika St. Paul, die hier ebenfalls gen Himmel ragt, war am Freitagabend Schauplatz der feierlichen Unterzeichnung des Nachsynodalen Apostolischen Schreibens durch Papst Benedikt XVI. Sein Vorgänger Johannes Paul II. traf in diesem Pilgerort am 10. Mai 1997 – sechs Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs – die libanesische Jugend. Am Ende seiner Ansprache rief der Papst den Jugendlichen damals zu: „Lasst uns die Jungfrau Maria, unsere Liebe Frau vom Libanon, bitten, über euer Land und seine Einwohner zu wachen und euch mit ihrer mütterlichen Zärtlichkeit zu helfen, würdige Erben der Heiligen eures Landes zu werden und den Libanon von neuem erblühen zu lassen, dieses Land, das ein von Gott geliebter, heiliger Ort ist.“

Gegründet wurde das Heiligtum 1904, zum 50. Jahrestag der Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis, von Patriarch Elias Botros El-Hoyaek und dem Apostolischen Delegaten Carol Duval. Die in Lyon hergestellte, 15 Tonnen schwere, 8,5 Meter hohe, weiß gefärbte Bronzestatue der Gottesmutter – als „Notre Dame de Liban“ und als „Königin des Libanon“ verehrt – wurde am ersten Sonntag im Mai 1908 feierlich eingeweiht: zum 50. Jahrestag der Erscheinungen der Gottesmutter in Lourdes. Seitdem wird am ersten Sonntag im Mai im Libanon das Fest „Unsere Liebe Frau vom Libanon“ begangen. Wegen der stetig wachsenden Schar von Besuchern wurde Anfang der 1970er Jahre eine futuristische Kirche aus Beton, Glas und Stahl errichtet, die bis zu 3 500 Gläubigen auf 115 Metern Länge Platz bietet. Die moderne Konstruktion ist architektonisch vom Symbolbaum des Landes, der Zeder, sowie von der Form eines phönizischen Schiffes inspiriert.

Die geistliche Betreuung des Pilgerortes wurde vom Patriarchen der Maroniten von Anfang an der Priesterkongregation der maronitischen Missionare (Congrégation des Missionaires Libanais Maronites) übertragen. Zu den Gründungszielen dieser seit 1866 bestehenden Kongregation gehört nicht nur die wissenschaftliche Priesterausbildung, sondern insbesondere die Seelsorge bei den libanesischen Emigranten, und damit auch die Pflege der maronitischen Tradition und Kultur bei der riesigen und weiter wachsenden Emigration. So ist wenig erstaunlich, dass die Madonna von Harissa mittlerweile zu einem identitätsstiftenden Faktor für christliche Libanesen in aller Welt wurde. Kirchen und Kapellen, Straßen und Schulen, die nach „Unserer Lieben Frau vom Libanon“ benannt sind, finden sich heute in Frankreich, Argentinien, Brasilien, Kanada, Mexiko, Australien, Südafrika, Großbritannien, auf den Philippinen und in 13 Staaten der USA – überall dort also, wo größere Gruppen libanesischer Christen, die ihr levantinisches Vaterland verließen, eine neue Heimat fanden.