Montenegro

Katholische Szenen

Wird der Papst in diesem Jahr den kleinen Adriastaat Montenegro besuchen? Ganz sicher ist es noch nicht. Hier deshalb ein kleiner Appetitanreger.

Alternative Sommerziele - Kotor
Menschen laufen über einen Platz in der Altstadt von Kotor (Montenegro). Foto: Luka Zekovic (dpa)

Der kleine Adriastaat Montenegro ist christlich-orthodox geprägt, schon allein weil das historische Montenegro zweieinhalb Jahrhunderte lang von Fürstbischöfen regiert wurde. Das moderne Montenegro ist aber auch ein Jugoslawien im Kleinen: Zwar sind 72 Prozent der Montenegriner orthodox – viele mit einem zunehmend spannungsgeladenen Verhältnis zum Belgrader Patriarchat –, 19 Prozent – slawische Muslime, Bosniaken, Albaner – bekennen sich aber zum Islam.

Einziger Fjord des Mittelmeers

Und dann sind da noch Katholiken, gar nicht so wenige, dreieinhalb Prozent. Die meisten leben zum einen in archaischen Dörfern an der albanischen Grenze, zum anderen in der Bucht von Kotor, an der Grenze zu Kroatien und zur Herzegowina. Während die einen mehrheitlich der albanischen Minderheit und dem Erzbistum Bar angehören, unterstehen die anderen dem Bistum Kotor und deklarieren sich mehrheitlich als Kroaten.

Die „Boka“, die Bucht von Kotor, gilt als der einzige Fjord des Mittelmeers. Sie wird von den Großgemeinden Kotor, Tivat und Herceg Novi verwaltet. Gemäß Volkszählung von 2011 sind 4 519 der Boka-Bewohner Kroaten, 6 795 sind katholisch, etwa zwölf Prozent.

Die Boka ist eine fast immer warme und fast immer grüne Waschküche. Da sich die vielfach verzweigte Bucht nach Süden öffnet, bläst der Schirokko aus Afrika Warmluftmassen herein, die im Stau der umgebenden Gebirge aufgleiten. Das ergibt ein höchst spezifisches Mikroklima: Die Temperatur schwankt zwischen Tag und Nacht nur um vier Grad, die sonnigen Herbsttage sind manchmal kühler als die bewölkten. Im Herbst gehen gewaltige Regengüsse herunter, die sich als gleichmäßig flache Bäche über die Steintreppen der Altstädte ergießen. Der Jahresniederschlag liegt bei 2 000 Millimetern. Das ist mehr als das Dreifache von Würzburg.

Die Boka verdankt ihr katholisches Erbe Venedig

Von den tiefblauen Ufern der Boka erheben sich entweder dichtgrüne oder steingraue Hänge. Die bewaldeten Hänge – etwa auf der Halbinsel Vrmac – sind typischerweise katholisch besiedelt und die karstigen Berghöhen – etwa am Orjen-Massiv – orthodox. Orthodox war der heute verlassene Bergweiler Crkvice, mit 4 926 Millimetern Niederschlag der feuchteste Ort Europas.

Orthodox ist Njeguschi, erreichbar über eine herzstockende k.u.k. Serpentinenstraße, wo noch ein Prosciutto produzierender Nachkomme der fürstbischöflichen Njegosch-Dynastie lebt. Und orthodox ist der Lovcen, mit dem Mausoleum des Dichterfürstbischofs Petar II. Petrovic-Njegosch der weithin sichtbare Nationalberg Montenegros. Die Wolken bilden an der Boka gar unwahrscheinliche Formationen. Mal ist der Lovcen weg, mal ist nur er zu sehen, mal hebt eine weiße spangenförmige Wolke seinen Gipfel hervor, ihr unterer Rand wie mit dem Lineal gezogen.

Das katholische Erbe der Boka hat damit zu tun, dass sie eine schöne Weile zu Venedig gehörte und im Jahrhundert vor 1918 zur Habsburgermonarchie. Italienische oder deutsche Minderheiten gibt es deswegen nicht, aber eine Unzahl katholischer Kirchen. Der Bildband „Kroatische Glaubensobjekte in der Boka von Kotor“ enthält 134 Objekte. Nur wenige sind Ruinen, Bildstöcke und Wegkreuze sind selten, fast alles sind das kleine Kirchen.

„Wer nicht weiß, dass Bogdašici die Sommerzeit ablehnt, verpasst die Messe.“

Die Versorgung der hiesigen Katholiken mit Messen ist sehr gut, es gibt etliche junge Priester, darunter auch bosnische Kroaten. Ministranten fast nirgends, auch unter den Gläubigen manchmal kein einziges Kind, dementsprechend werden Kinder angehimmelt. Die Gläubigen beten das Nicäno-Konstantinopolitanum und singen fast immer dasselbe Marienlied zum Abschluss. Sie strahlen ein Statusbewusstsein aus, als gehörten sie einem Königsgeschlecht an, besonders die Frauen sind aufwändig zurechtgemacht.

Die kleinen Kirchen in den kleinen Weilern habe ihre Eigenheiten. In Bogdašici, einem sehr kleinen Bergdorf mit kroatischer Mehrheit, verpasst die Messe, wer nicht weiß, dass Bogdašici die Sommerzeit ablehnt. Die Männer, auch die alten, sind wahre Hünen. Am Ende der Messe wollen ältere Damen die Kerzen ausblasen, ihr Atem ist aber zu schwach. In einem anderen Weiler, in Lepetane, überrascht die ausbleibende Kommunion. Hat das mit der kunterbunt gekleideten, vor sich hin brabbelnden Verrückten zu tun? „Aber nein, es gibt die Kommunion“, erklären die bürgerlichen Damen, „man muss sich nur melden.“

Perast, ein malerisches, einst Venedig treu ergebenes Dorf

Das namensgebende Kotor liegt in der hintersten Bucht. Es ist ein hübsches, italienisch anmutendes Städtchen, jedoch hingemetzelt von den Kreuzfahrtsschiffen und den Touristenbussen. Der Eintritt in die kleine Kathedrale ist von Souvenirbuden umgeben und kostet drei Euro. Nur wenn man zur Messe kommt, muss man nicht zahlen. Auch wenn es nicht besonders heiß ist, lassen die Kirchgängerinnen der Kathedrale ihre kunstvollen Fächer rattern.

Steil am Wasser liegt Perast, ein malerisches, einst Venedig treu ergebenes Dorf mit Dutzenden Kirchen und Palazzi. Auch Perast ist eine Massendestination. Alle zwei, drei Minuten hält ein Autobus am Parkplatz, damit die eiligeren Touristen Aussicht auf die zwei Kirchen-Inseln haben. Der Parkplatz kostet daher gleich viel, egal ob man für zwei Minuten oder für den ganzen Tag kommt. Vor der größten der 17 Peraster Kirchen sticht eine Pilgergruppe ins Auge, die unter einer großen Fahne marschiert, welche der amerikanischen ähnelt, nur dass sie auch einen Halbmond enthält. Katholiken aus Malaysia auf Europatour, die auch ins nahe Medjugorje führt.

Inselkirche „Maria vom Felsen“, eine Patronin der Seefahrer

Wenige hundert Meter draußen liegt die Inselkirche der „Maria vom Felsen“, einer Patronin der Seefahrer. Täglich werden tausende Touristen über das winzige Eiland geschleust, kleine Boote mit Regendächern pendeln pausenlos von Perast. Nachlässig in Trainingsanzüge gekleidete Frauen stehen am Eingang der Kirche und sagen einige tausende Male am Tag: „Two euros“. Ein zweijähriges blondes Mädchen rennt in die Kirche, bleibt mit Blick auf den Alter stehen und versucht ungeschickt, sich zu bekreuzigen. Die Kassiererinnen in den Trainingsanzügen lachen und zeigen der Kleinen, wie man das Kreuzzeichen richtig macht. An der instinktiven Sicherheit ihres Bekreuzigens ist zu erkennen, dass sie Katholikinnen sind.

Am Eingang der Bucht liegt Herceg Novi, die wohl weltweit einzige Stadt am Meer mit einer mehrheitlich serbischen Identität. Hier ließ sich 2005 der Filmemacher Emir Kusturica im serbisch-orthodoxen Kloster Savina taufen, und Herceg Novi stimmte 2006 als einzige Kommune der montenegrinischen Küste gegen die Unabhängigkeit von Serbien. Das Leben der serbisch-orthodoxen Stadtkirche ist ein öffentliches. Sie ist dem Erzengel Michael geweiht und liegt auf dem „Belavista“ genannten Platz der Altstadt, der so heißt, weil man von ihm, obwohl auf allen vier Seiten Häusern stehen, ein kleines Stück von der Bucht sieht. Die Kirche steht den ganzen Tag offen, der Mesner läutet per Seil die Glocke, und der Hilfsmesner wäscht das liturgische Gerät am Brunnen aus. Der Pope ist ein schöner kräftiger Riese, seine Schuhe wären auch für Mondlandungen gut.

Das katholische Leben hingegen ist verborgen. Nur selten können Schwimmer vom Meer aus die katholischen Nonnen sehen, wie sie in ihrem Garten auf der Steinterasse jäten. Auch der junge kroatische Pfarrer ist gutaussehend, seine Predigten sind eindringlich, aber wer ihn allein ohne Kollar über die Steintreppen von Herceg Novi gehen sieht, könnte ihn für einen Jugendlichen halten, der zu einem Rendezvous eilt.

Dabei stehen allein im Zentrum von Herceg Novi vier katholische Kirchen, und eine Messe wird jeden Tag gelesen. Von der Pfarrkirche, die dem heiligen Hieronymus geweiht ist, öffnet sich ein erhebendes Panorama, man überblickt von hier die gesamte Öffnung des Fjords aufs offene Meer hinaus, und einen großen Teil der Bucht. Zwischen der Kirche und ihrem Glockenturm ist noch ein Rest des Grundrisses der Moschee zu erkennen, die hier unter osmanischer Herrschaft stand. Sie wurde abgerissen. Der Islam spielt in der Boka keine Rolle mehr.

Katholische Feste der Boka mit anderer äußerer Form

Gleich darunter liegt das Kirchlein, das nach dem Heiligen benannt ist, der aus Herceg Novi kam: Leopold Mandic. Der 1983 heiliggesprochene Mandic war ein legendärer Beichtvater. Er sah die Bombardierung seiner Kirche in Padua voraus, sein Beichtstuhl blieb aber unzerstört stehen. Auf einer Anhöhe steht das einfache Steinkirchlein der heiligen Anna. Davor das Grab des Ehepaars Mandic, frommer Kroaten, die zwölf Kinder großzogen, und das jüngste wurde ein Heiliger. Wenn man den Hals etwas verrenkt, sieht man zum orthodoxen Kloster hinüber, wo aus dem Sarajewer Muslim Emir der serbische Christ Nemanja Kusturica wurde.

Die Natur der warmen Waschküche der Boka will es, dass auch die katholischen Feste eine andere äußere Form haben. Allerseelen zum Beispiel sieht anders aus, wenn kein Herbstlaub liegt, wenn die Gärten in den Hängen saftig grün sprießen und wenn jeden Moment ein wilder Wolkenbruch niedergehen kann. An der Boka hat auch Allerseelen etwas Verborgenes. Gewiss gehen auch die montenegrinischen Katholiken zu ihren einfachen Steingräbern. Aber ihre Kerzen leuchten oft im Verborgenen von Kapellen und Gruften. Und die Gräber sind mit grünen Palmzweigen geschmückt.

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