Kambodscha – Seidenweberei mit Herz

Der Japaner Kikuo Morimoto erweckt ein jahrhundertealtes Handwerk zu neuem Leben

Dem grenzenlosen Vernichtungswahn der Roten Khmer sind während ihrer Terrorherrschaft zwischen 1975 und 1979 fast zwei Millionen Kambodschaner zum Opfer gefallen, ein Viertel der damaligen Bevölkerung. Die Rebellen zerstörten nicht nur Pagoden und Tempel, sie machten auch vor jahrhundertealten Traditionen des Khmer-Volkes nicht Halt. Dadurch verschwand beinahe auch die weltweit einmalige Kunst der Seidenherstellung, die die Khmer bis zur Vollendung entwickelt hatten.

Die Rettung der kambodschanischen Seidenspinnerei kam in Gestalt des 60-jährigen Japaners Kikuo Morimoto, der 1994 erstmals das südostasiatische Land besuchte und sofort der Faszination dieser Perle Asiens erlag. Als Morimoto, der in seiner Heimat Kyoto als Kimono-Maler begonnen und sich schon früh prächtigen Farben und Formen verschrieben hatte, erstmals im benachbarten Thailand einen alten, kunstvoll gearbeiteten Seidenschal in Händen hielt und niemand über seine Herkunft Bescheid wusste, machte er sich auf die Suche.

Es dauerte über ein Jahr, bis der hartnäckige Japaner in einem Flüchtlingslager an der thailändischen Grenze fündig wurde. Zehntausende Kambodschaner waren hier untergebracht, aber Morimoto ließ nicht locker, und dennoch war es wohl mehr ein Zufall, dass er eine alte Frau traf, die noch mit der alten Ikat-Weberei vertraut war.

Bei dieser Art der Webkunst wird der dünne Seidenfaden auf einen Rahmen in der Größe des Stoffes gespannt und vor jedem Farbbad nach einem bestimmten Muster abgebunden. Dadurch entsteht im Faden ein mehrfarbiges Muster. Geübte Ikat-Weberinnen können mit dieser Methode Vögel, Bäume oder ganze Landschaften in den Stoff zeichnen.

Morimoto war von der Idee, die alte Kunst wieder zu neuem Leben zu erwecken, so besessen, dass er auch die alten Rezepturen des Färbens wieder ausgrub. Alles sollte so sein wie früher: Rot aus dem Saft der Lackschildläuse, eine bestimmte Baumrinde für Gelb, Braun vom Sud der Kokosnussschalen, und die ausgekochten Äste des Lychee-Baums ergaben ein bestimmtes Grau. Auch studierte Morimoto die jahrhundertealten Muster der Ikat-Weberei.

Schließlich gründete der Seiden-Fanatiker das „Institut für traditionelle Khmer-Textilien“ und suchte im ganzen Land nach weiteren Frauen, die noch das alte Seidenweben beherrschten. Ein schwieriges Unterfangen in einem Land mit weitgehend zerstörter Infrastruktur und kaum vorhandenen Kommunikationswegen. Doch Morimotos Hartnäckigkeit zahlte sich aus: Er fand 20 weitere Frauen, mit denen er in Siem Reap, dem Tor zur Tempelanlage Angkor Wat im Nordwesten Kambodschas, eine Werkstatt gründete. In dieser Region, ihrem späteren Rückzugsgebiet, hatten die Roten Khmer vor über dreißig Jahren besonders heftig gewütet.

Die Ikat-Weberei war neu geboren, Kikuo Morimoto seinem Lebensziel ein großes Stück nähergekommen. Er bestand darauf, dass auch die Webstühle in der eigenen Schreinerei nach alten Vorlagen hergestellt wurden. Sie sind in ihrer einfachen Bauweise nicht von den Originalen zu unterscheiden. Auch anderes Handwerkszeug, das für den täglichen Gebrauch bestimmt ist, wird an Ort und Stelle gefertigt. So kommt es, dass die Werkstatt einem Museum ähnelt.

Junge Mädchen vom Land lernen hier, am Rande von Siem Reap, wieder das alte Khmer-Handwerk. Sie werden von den alten Frauen angeleitet, während Babys in Hängematten schlafen und kleine Kinder zwischen den Webstühlen spielen. Morimoto weiß, wie wichtig es für die Kambodschaner ist, wenn die Familie zusammenbleibt. „Muss eine Mutter ihre Kinder zu Hause lassen, dann ist sie nicht mit dem ganzen Herzen bei der Arbeit“, sagt der Meister.

Inzwischen arbeiten rund 300 Frauen bei Morimoto, der ihnen nicht nur einen Verdienst bietet, sondern auch eine neue Lebensperspektive nach dem Terror der Roten Khmer und einem blutigen Bürgerkrieg. Acht Stunden täglich und sechs Tage in der Woche sitzen die Frauen an den Webstühlen. Die älteren Expertinnen verdienen 180 Dollar im Monat, die jungen 70 Dollar. Die Mehrheit der Kambodschaner muss immer noch mit rund 40 Dollar im Monat auskommen.

Schritt für Schritt setzte Morimoto sein Projekt um, das nicht nur aus Seidenweberei besteht. Bevor er Maulbeerbäume für die Seidenraupen pflanzte, musste der Boden von Minen gesäubert, dem tödlichen Erbe des Bürgerkrieges. Als nächstes will der Japaner eine kleine Siedlung errichten, wo die hochwertigen Produkte an Touristen verkauft werden. Ein Schal ist nicht unter 120 Dollar zu haben – ein Vielfaches von dem, was auf den Märkten für mindere Qualität angeboten wird. Heute kommen Besucher aus aller Welt, um die Webkunst der Khmer zu bewundern.

„Traditionelle kambodschanische Seiden-produktion muss erhalten werden“, sagt Morimoto fast beschwörend und fügt hinzu: „Sie ist ein einmalig schönes Kennzeichen einer reichen Kultur, und sie verschafft vielen Menschen ein besseres Einkommen.“

Dass die Seidenherstellung bis ins achte Jahrhundert zurückgeht, zeigen Skulpturen in den zum Weltkulturerbe gehörenden Tempeln von Angkor Wat. Oft gehen Touristen, die kurz zuvor voller Begeisterung die Werkstatt besucht hatten, achtlos an den prachtvollen Skulpturen vorbei.