Julios Katastrophe

Querschnittsgelähmt in Guatemala: Ein Einblick zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung. Von Andreas Boueke

Lässt sich nicht entmutigen: Julio. Foto: Boueke
Lässt sich nicht entmutigen: Julio. Foto: Boueke

Viele Menschen in Lateinamerika denken, Personen mit Beeinträchtigungen sollten eigentlich nicht weiterleben“, sagt Tirso Comas. Er wohnt in der guatemaltekischen Kleinstadt Chimaltenango und hat dort zwei querschnittsgelähmte Freunde. „Wir werden so sehr mit Bildern von Mord und Totschlag überschwemmt, mit Nachrichten über Armut und Hunger, dass die Gesellschaften das Leid der Menschen mit Behinderung überhaupt nicht mehr wahrnehmen.“

Ähnlich sieht es Sebastian Toledo, Direktor von CONADI, der Institution, die sich in Guatemala um die Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen kümmern soll: „Der Staat tut fast nichts. Achtzig Prozent der wenigen Dienstleistungen, die in diesem Land für Menschen mit Behinderungen angeboten werden, stammen von Organisationen der Zivilgesellschaft. Doch viele dieser Organisationen nutzen das Thema vor allem als Möglichkeit, um Spendengelder zu bekommen.“

Leidtragende von Korruption und Ignoranz sind Menschen wie Julio Coj Cujcuy, 26 Jahre alt und seit zwölf Jahren querschnittsgelähmt. „Es war ein Schwimmunfall“, erzählt er. „Ich bin in ein Becken gesprungen und habe mir den fünften und sechsten Wirbel gebrochen. Jetzt bin ich auf einen Rollstuhl und die Unterstützung meiner Familie angewiesen.“

Der Lehrer einer öffentlichen Schule in Chimaltenango hatte seine Schüler aufgefordert, einen Kopfsprung von einer kleinen Mauer zu machen. Aber das Becken war nur knapp über einen Meter tief. Der damals 14-jährige Julio sprang zuerst. Klassenkameraden mussten seinen bewusstlosen Körper aus dem Wasser ziehen. Die Behörden ignorierten den Fall, obwohl er in die Verantwortung des Bildungsministeriums fällt. Dabei hatte Guatemala im März 2008 als eines der ersten Länder überhaupt die Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderungen unterschrieben. Julio hält das für einen schlechten Scherz: „Die Regierung tut nichts. Du musst selbst kämpfen, um voranzukommen.“

Julios Vater hält seine Familie mit einer kleinen Bäckerei knapp über Wasser. Am Tag des Unfalls erhielt er einen Anruf. „So erfuhren wir, dass Julio im Krankenhaus lag. Dort sagte uns der Neurologe, sie würden ihn operieren, damit er sich wieder setzen könne. An Laufen war nicht mehr zu denken.“ Julio kann sprechen und seinen Kopf drehen, die Arme heben und mit großen Schwierigkeiten einen leichten Gegenstand festhalten. Aber seine Finger kann er nicht bewegen. Er wollte weiter zur Schule gehen, doch dafür hätte es Hilfsmittel gebraucht, die es in Chimaltenango nicht gibt.

Es gab eine Zeit, in der Julio dachte, sein Leben sei vorbei. Aber es geht weiter und es ist teuer. Sein jüngerer Bruder David wechselt ihm die Windeln und verabreicht Medikamente. „Am Anfang war es schwer für mich, zu akzeptieren, dass ich für meinen Bruder da sein muss. Viele Dinge, die ein junger Mann eigentlich macht, wie mit Freunden auszugehen oder Sport zu treiben, habe ich seit dem Unfall nicht mehr gemacht. Ich bin praktisch die ganze Zeit bei ihm.“

Nach dem Unfall hoffte die Familie vergeblich auf Hilfe der Schuldirektion. Stattdessen sammelten Freunde aus der Kirchengemeinde, einige Lehrer und Schulkameraden privat Spenden, um die hohen Behandlungskosten zu zahlen. Ein Rechtsanwalt bot seine Dienste an und überzeugte die Familie, es wäre besser, statt den Staat den verantwortlichen Lehrer zu verklagen. Das Verfahren wurde zu einer teuren Erfahrung für Julios Vater: „Am Tag der Gerichtsaudienz ist der Anwalt nicht aufgetaucht. Uns wurde gesagt, er sei betrunken. Deshalb sind wir auch nicht hingegangen. So ging unser Fall verloren.“

Schließlich sprach der Richter doch noch ein Urteil. Der Lehrer musste umgerechnet zweitausend Euro Strafe zahlen – an das Justizministerium. Julios Familie ging leer aus.

Julio begann, seine Rechte einzufordern. Erst sprach er mit dem regionalen Bildungsbeauftragten, dann mit dem Gouverneur des Bundesstaats Chimaltenango und es gelang ihm sogar, sich mit der Bildungsministerin an einen Tisch zu setzen. Alle versprachen, ihn zu unterstützen. Aber letztlich passierte nichts.

In Guatemala werden rund zehn Millionen Euro im Jahr für Programme ausgegeben, die Menschen mit Beeinträchtigungen zu Gute kommen sollen. Nur etwa zwanzig Prozent dieser Summe kommt vom Staat. Eine der wenigen privaten Initiativen, die erfolgreich funktionieren, ist eine Rollstuhlwerkstatt in Chimaltenango, dem Wohnort von Julio. Noch vor wenigen Jahren war ein funktionsfähiger Rollstuhl in Guatemala ein Luxus, den sich nur wenige Personen leisten konnten. Die Situation hat sich etwas verbessert, seit die Werkstatt Betél jede Woche ein Dutzend Rollstühle fertigt. Edgar Gomez ist einer von fünf Mitarbeitern, die alle selbst im Rollstuhl sitzen: „Wir bekommen gebrauchte Stühle aus den USA, die wir dann reparieren. Die fertigen Stühle verschenken wir oder geben sie für eine kleine Spende an bedürftige Personen weiter. So helfen wir vielen Menschen.“

In der Werkstatt sind die Gänge zwischen den tief liegenden Arbeitstischen breit und das Ersatzteillager ist in niedrigen Schränken verstaut. Die Maschinen sind so aufgestellt, dass auch Edgar Gomez sie bedienen kann, obwohl seine Beine gelähmt sind. „Das Wichtigste an dieser Arbeit ist, dass wir uns nützlich fühlen und einen Beitrag für die Gesellschaft leisten.“ Ohne die Hilfe des Projekts hätte sich Julio seinen elektrischen Rollstuhl nicht leisten können. „Für mich ist dieser Stuhl wie meine Beine. Mit ihm kann ich an viele Orte fahren. Er macht mich unabhängig.“

Das Amt des Gesundheitsministeriums, das zuständig ist für Fälle wie die von Julio, liegt in Guatemala-Stadt gleich neben dem großen nationalen Krankenhaus Roosevelt. Schon beim Betreten des Büroraums wird deutlich, dass die Regierung dem Thema keine besondere Bedeutung beimisst. Zuständig für drei Millionen Menschen mit Beeinträchtigungen – arbeiten hier nur ein Buchhalter, eine Sekretärin, ein Projektkoordinator und die Chefin, Sozialarbeiterin Gloria Serrano. Die vier Personen teilen sich das Büro mit dem Programm für Senioren mit seinen sieben Mitarbeitern. Insgesamt stehen acht blecherne Schreibtische auf etwa 25 Quadratmetern Fläche. Computerkabel versperren den Durchgang. Drei alte Regale drohen, unter der Last der Akten zu brechen. Gloria Serrano klagt: „Der Raum ist zu klein. Wir hätten gerne zehn weitere Mitarbeiter, Experten in der Materie, oder eine bessere Ausstattung in einem Büro, in dem nur unsere Einheit untergebracht ist.“

Nachdem sie Details über den Fall von Julio Coj Cujcuy erfahren hat, weist Gloria Serrano darauf hin, dass es in Guatemala noch viel schlimmere Schicksale gibt: „Ich würde sagen, er ist durchaus eine privilegierte Person. Er hat einen Rollstuhl, der seinen Bedürfnissen entspricht. Er ist in sein Umfeld integriert. Er hat die Möglichkeit zu arbeiten. Seine Familie unterstützt ihn und er kann am sozialen Leben in seiner Umgebung teilhaben. Er ist also einer der wenigen, die allen Grund haben, sich gut zu fühlen.“ Die Amtsleiterin Serrano räumt ein, dass Julio keine einzige der von ihr erwähnten Errungenschaften den Behörden verdankt. „Ich kann ja verstehen, dass die Familie eine Förderung vom Staat haben will, um besser klarzukommen. Aber so etwas lässt sich nicht so einfach durchsetzen.“

Derweil hat Julio nicht aufgegeben, Lobbyarbeit zu betreiben. Es ist ihm gelungen, einen Termin mit Sebastian Toledo zu bekommen, dem blinden Direktor der halbstaatlichen Institution CONADI. Toledo zeigt sich interessiert: „Dieser Fall muss dokumentiert werden, und wenn sich herausstellt, dass Julios Rechte nicht respektiert wurden, dann muss das aufgeklärt und bekannt gemacht werden. Dann sehen wir ja, wie weit wir kommen.“

Julio erzählt, dass er einige Freunde mit körperlichen Beeinträchtigungen hat. Sebastian Toledo sieht eine Chance: „Wir werden in Kontakt mit dir bleiben und sehen, was wir in Chimaltenango gemeinsam auf die Beine stellen können. Wir könnten eine Organisation gründen und mit dem Bürgermeister sprechen, damit er die Räumlichkeiten für ein Büro zur Verfügung stellt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr wir mit etwas Anstrengung das Leben von vielen Menschen verändern können.“

Zurück auf der Straße braucht Julio zwei Helfer, die ihn von seinem Rollstuhl ins Auto heben. „Ich hatte nicht damit gerechnet, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen“, sagt er. „Ich hoffe, dass ich nun Hilfe bekommen werde in meiner Anklage gegen den Staat. CONADI hat mir einen Anwalt angeboten. Außerdem möchte ich alles dafür tun, dass in Chimaltenango eine Organisation entsteht, die hilft, wenn jemand Unterstützung braucht.“