Jugend in Spanien – ohne Perspektive?

Adiós, Espana! Die hohe Jugendarbeitslosigkeit, niedrige Löhne und befristete Arbeitsverträge treiben viele junge Spanier dazu, ihr Land zu verlassen. Wie aussichtslos ist eine berufliche Zukunft in dem südeuropäischen Land? Studierende aus Valencia sprechen über ihre Wahrnehmung der Gesellschaft sowie Zukunftssorgen und -pläne. Von Franziska Pröll

Paula Cabrejas Herrero (21). Foto: Pröll
Paula Cabrejas Herrero (21). Foto: Pröll

„Was meine persönliche Zukunft angeht, bin ich optimistisch – weil ich sie außerhalb von Spanien sehe“, sagt Sergio González Fernández. Der 24-Jährige ist Ingenieur der Luftfahrttechnik. Im Juni hat er sein Studium an der Polytechnischen Universität Valencia abgeschlossen. Nun sucht er nach einer Stelle. „Ich möchte unter besseren und stabileren Bedingungen arbeiten als man sie in Spanien antrifft“, sagt er.

Dies sei zum Beispiel in Frankreich der Fall. „Während des Studiums habe ich dort ein Jahr verbracht, das Land und die Sprache kennengelernt und gesehen, dass Ingenieure auf meinem Gebiet nachgefragt werden“, erklärt Sergio. Wie fühlt es sich an, das Heimatland bald – in der Hoffnung auf eine aussichtsreichere persönliche Zukunft – zu verlassen? „Es macht mich traurig und wütend, die Kultur, die ich sehr mag, und meine Freunde hier zurückzulassen“, sagt er. „Aber ich sehe in diesem Land keine Perspektive.“

Spanien stecke noch immer in der Krise. Am meisten ärgert es Sergio, dass „die Regierung viel Geld verschwendet, anstatt es sinnvoll, zum Beispiel in Bildung, zu investieren“. Als Beispiel nennt er die Errichtung der Stadt der Wissenschaft und Künste in Valencia. Die sieben Gebäude, entworfen von Architekt Santiago Calatrava und eingeweiht im Jahr 1998, haben die Stadt 1,3 Milliarden Euro gekostet.

„Wer Medizin studiert, hat gute Aussichten“

„Wer ein Medizin-Studium in Spanien abschließt, hat gute Aussichten, dort auch einen Job zu finden“, erklärt Francisco José Lopez Iranzo. Dementsprechend optimistisch blickt der 22-Jährige in die Zukunft. Im Juni 2016 wird er sein Studium an der Universität Valencia beenden.

Um als Arzt arbeiten zu können, muss Francisco anschließend das landesweit durchgeführte Examen bestehen – und zwar möglichst gut. „Diese Prüfung entscheidet, wer in welcher Stadt und auf welchem medizinischen Gebiet arbeiten darf“, erklärt er.

Je besser die Note, desto früher dürfen Bewerber zwischen den zu vergebenden Stellen an Krankenhäusern in ganz Spanien wählen. Die im Studium erbrachten Leistungen fließen nicht in den Auswahlprozess ein. „Über 90 Prozent der Medizin-Absolventen bekommen nach dem Examen sofort eine Anstellung“, bemerkt Francisco. „Das erspart mir viele der Sorgen, die meine Freunde aus anderen Studiengängen haben.“

„Kaum jemand stellt junge Mitarbeiter ein“

„Alle Firmen suchen nach erfahrenen Mitarbeitern, aber kaum jemand stellt junge Mitarbeiter ein, damit sie Erfahrung sammeln können.“ Darin liegt für Paula Cabrejas Herrero das grundsätzliche Problem des spanischen Arbeitsmarktes.

Viele junge Spanier würden auf dem heimischen Arbeitsmarkt keine Chance bekommen. „Sie sind gezwungen, das Land zu verlassen“, sagt die 21-Jährige.

Im kommenden Jahr wird sie ihr Bachelor-Studium der Raumfahrttechnik an der Polytechnischen Universität Valencia abschließen. Eigentlich würde sie daran gern den Master anschließen. Ob das klappt, ist eine Frage des Geldes. „Studieren in Spanien ist teuer“, erklärt Paula.

Je nach Studienfach werden pro Jahr, also in zwei Semestern, zwischen 600 und 2 000 Euro fällig. Der Bachelor, der in Spanien vier Jahre lang dauert, kostet also 2 400 bis 8 000 Euro. „Viele Spanier leben deshalb während des Studiums bei ihren Eltern“, meint Paula.

„Es macht mich traurig, dass viele junge Leute ins Ausland gehen müssen, weil sie in Spanien keine Perspektive für sich sehen“, sagt Raquel Bustamante Quintero. „Eigentlich sollte man in ein anderes Land auswandern, weil man Lust darauf hat – nicht, weil man sich dazu gezwungen fühlt oder es für den einzigen Weg hält, eine gute Zukunft vor sich zu haben“, fährt die Pädagogik-Studentin fort. Die Unfähigkeit der Politiker hätte Spanien in die seit mehreren Jahren andauernde, schwierige wirtschaftliche Lage gebracht. „Hätten wir eine kompetente Regierung gehabt, die die Maßlosigkeit und den Missbrauch vieler Banken und Unternehmer in die Schranken gewiesen hätte, gäbe es weniger soziale Ungleichheit in unserem Land“, ist die 23-Jährige überzeugt. Mehrere Personen aus ihrem Freundeskreis sind arbeitslos. Arbeitslosigkeit sei aber nur eines der Probleme Spaniens.

„Mindestens genauso bedenklich ist die Qualität der Arbeitsverhältnisse. So viele junge Menschen erhalten nur befristete Verträge bei sehr niedrigen Gehältern“, erklärt Raquel. Sie hat im August ihre Bachelor-Arbeit an der Universität Valencia abgegeben. Nach dem Master möchte sie in der Kinder- und Familienberatung arbeiten. Bis dahin hofft sie auf eine politische Veränderung in Spanien. „Die Maßnahmen, die die jetzige Regierung getroffen hat – zum Beispiel Stellenkürzungen im Sozialwesen – machen das Land immer mehr zu einem, in dem ich nicht leben und arbeiten möchte“, sagt die ursprünglich aus Cádiz stammende Raquel.

Hintergrund: In Spanien wächst die Wirtschaft. Die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie seit fast fünf Jahren nicht mehr. Das sei der Verdienst seiner Regierungspartei „Partido Popular“, meint Ministerpräsident Mariano Rajoy. „Die aktuellen Daten sind exzellent“, lobte er Ende Juli nach Veröffentlichung der Quartalszahlen durch das nationale Statistik-Institut (INE). Bescheiden bleiben will Rajoy nicht. Denn der Wahlkampf für die im Spätherbst stattfindenden Parlamentswahlen hat längst begonnen. Und womit ließe es sich im krisengeschüttelten Südeuropa besser punkten als mit dem wirtschaftlichen Aufschwung?

Doch es drängt sich die Frage auf: Wie positiv ist die Entwicklung auf dem spanischen Arbeitsmarkt wirklich – vor allem aus Sicht der jungen Generation?

Sehnsucht nach Entfaltung

5,1 Millionen Spanier sind arbeitslos. Weniger waren es zuletzt im dritten Quartal 2010 gewesen. Dennoch liegt die Arbeitslosenquote aktuell bei 22,4 Prozent – fast jede vierte Erwerbsperson geht also keiner Erwerbstätigkeit nach. Besonders hart trifft das nach wie vor Spaniens Jugend.

767 200 Jugendliche zwischen 16 und 24 Jahren sind hier ohne Job. Zu Beginn der Wirtschaftskrise 2008 waren es zwar mehr als doppelt so viele gewesen. Dennoch ist die Jugendarbeitslosenquote bedenklich hoch. Sie liegt bei 48,6 Prozent – was innerhalb der EU nur von Griechenland übertroffen wird.

Kaum weniger alarmierend ist die Situation der Jugendlichen, die einen Job haben. Sie arbeiten größtenteils unter prekären Bedingungen. Ihre Verträge sind – teils nur auf kurze Zeit – befristet, ihre Löhne niedrig, ihre Aufgaben unbefriedigend. Denn die Kenntnisse, die sie an Schule und Universität erworben haben, übersteigen meistens bei Weitem die Anforderungen, die ihr Job an sie stellt. Die Arbeit dient der Bestreitung des Lebensunterhalts. Viel Leben ist neben dem Über-Leben nicht drin. Morgen könnte ja der Job schon wieder Vergangenheit sein.

Arbeit bedeutet für die meisten jungen Spanier eine geistige Unterforderung, die sie gleichzeitig emotional überfordert. Weil sie finanziell nicht trägt und Ideen keinen Raum bietet, um zu gedeihen und Früchte zu tragen.

Doch die junge Generation sehnt sich – in Spanien und anderswo in Europa – nach Selbstentfaltung durch das eigene berufliche Tun. Junge Spanier streben dorthin, wo sie diese verwirklichen zu können glauben. An jene Orte und in jene Länder, wo die Arbeitsmarktsituation zwar nicht exzellent, aber immerhin vielversprechend ist. Und wo Politiker die Sorgen und Anliegen junger Menschen ernst nehmen.

Franziska Pröll