Jordanien: Ein Leopard in den Fußstapfen von Papst Franziskus

Der Arabische Leopard steht seit 1992 auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten. In Jordanien wurde der letzte vor fast dreißig Jahren gesehen. Nun tauchte eine dieser Großkatzen wieder im Königreich der Haschemiten auf, und zwar am heiligen Fluss Jordan bei Bethanien. Von Norbert Suchanek

Über den Jordan: Die schlammigen Tatzen des Leoparden hinterließen deutliche Spuren auf der Treppe an der Taufstelle. Foto: Suchanek
Über den Jordan: Die schlammigen Tatzen des Leoparden hinterließen deutliche Spuren auf der Treppe an der Taufstelle. Foto: Suchanek

Rund 50 Kilometer westlich von Amman und 10 Kilometer nördlich des Toten Meeres liegt die Taufstelle „Bethanien jenseits des Jordan“. Hier soll Johannes der Täufer gelebt und Jesus getauft haben. Seit seiner Wiederentdeckung im Jahr 1997 wird dieser für Christen heilige Ort am Jordan nach und nach zu einem Pilgerzentrum ausgebaut, mit insgesamt elf geplanten Gotteshäusern und Klöstern der verschiedensten Konfessionen.

Die gefleckte Raubkatze schien dies noch nicht zu stören. Sie zeigte sich just am Weihnachtsmorgen 2014 nur wenige Meter vom Russisch-Orthodoxen Pilgerhaus und der noch im Rohbau befindlichen Lateinichen Kirche entfernt. Eine simple Holztreppe erleichtert hier den Zugang der Pilger zum normalerweise von Schilf- und Tamariskendickicht gesäumten Jordan. Papst Franziskus betete vergangenen Mai an dieser Stelle am Fluss. Und genau hier stieg der Leopard aus dem schlammigen Wasser. Die Raubkatze hinterließ dabei für jeden sichtbar ihre typischen, runden Tatzenabdrücke: Mit einem Durchmesser von 12 bis 14 Zentimetern etwa viermal größer als die Trittsiegel von gewöhnlichen Hauskatzen.

Die Fotos der Leopardenspur wurden nun von Spezialisten aus dem Mittleren Osten, Deutschland und der Schweiz bestätigt. Forscher hoffen, dass es sich um einen Panthera pardus nimr, den Arabischen Leoparden handelt, der eine der bedrohtesten Tierarten der Erde ist. Nur noch etwa 100 bis maximal 250 Tiere soll es davon in der freien Wildbahn geben, so die Schätzung der Cat Specialist Group der in der Schweiz ansässigen internationalen Naturschutzvereinigung (IUCN). Exakte Zahlen sind kaum zu ermitteln, da den intelligenten, scheuen Raubkatzen nur sehr schwer auf die Spur zu kommen ist.

Daten der Cat Specialist Group zufolge haben Arabische Leoparden nur im südlichen Oman, in einigen Teilen des Jemen und in Saudi Arabien überlebt. Die letzten Leoparden der Vereinigten Arabischen Emirate sind vor einigen Jahren verschwunden. Laut einer Studie der Universität von Tel Aviv von 2006, die Kotproben in der Negev und den besetzten Gebieten auf DNA untersuchte, sollen in der Negev-Hochebene möglicherweise noch fünf Arabische Leoparden und drei in der Wüste Judäa, westlich des Toten Meeres, überlebt haben.

Die letzte bestätigte Sichtung eines jordanischen Leoparden stammt vom Februar 1987, etwa 180 Kilometer südlich von Amman bei Tafilah. Die große Raubkatze wurde dabei ertappt, wie sie in dieser Region nahe des Wadi Dana Naturschutzreservats Schafe riss. Aber seitdem ist sie wie vom Erdboden verschluckt.

„Während der vergangenen Jahre gab es einige Gerüchte von Leoparden, die die Grenze von Saudi Arabien oder Palästina nach Jordanien überschritten haben sollen. Aber Feldforschungen konnten dies nicht bestätigen“, sagen die Wissenschaftler Mayas Qarqaz und Mohammed Abu Baker von Jordaniens Königlicher Naturschutzorganisation Royal Society for the Conservation of Nature (RSCN) und der Jordan University of Science & Technology.

„Unser Ergebnis jahrelanger Beobachtungen und genetischer Studien zeigt eine sehr geringe Migration von Leoparden zwischen dem Negev-Hochland und der Wüste Judäa“, bestätigt Eli Geffen vom Deparment of Zoology der Tel Aviv University. Und in Judäa selbst seien die letzten drei, im Jahr 2006 noch vorhandenen Raubkatzen vor etwa sechs Jahren verschwunden.

Die Leoparden Judäas waren seit den 1970er Jahren die Hauptattraktion des Naturreservats Ein Gedi am Toten Meer. Doch als die gefleckten Räuber begannen, sich an den Haustieren des angrenzenden Kibbuz zu vergreifen, fingen die israelischen Behörden kurzerhand zwei der für die Fortpflanzung wichtigen Weibchen ein und steckten sie in den Zoo. Kritiker sagen, das habe zum Kollaps der kleinen Population der judäischen Leoparden geführt.

Ein Gedi ist nur rund 40 Kilometer vom Jordan entfernt. Vielleicht sind die Leoparden der Wüste Judäa aber nicht ausgestorben, sondern einfach in die Tamarisken-Dickichte des Jordan abgewandert, wo der Tisch reichhaltig mit Wildschweinen and anderen Beutetieren gedeckt ist, und es kaum Touristen gibt. Tatsächlich klingt dies wahrscheinlich. Der Jordan und seine Ufer sind seit dem Krieg 1967 auf beiden Seiten streng abgesichertes Grenzgebiet, eine Zone gespickt mit Landminen. Während der vergangenen Jahrzehnte der Isolation wurde der sich windende Fluss so zu einem wiedererweckten Naturparadies mit schier undurchdringlichen, vor Menschenhand gesicherten Dickichten – ähnlich wie das grüne Band der ehemaligen Deutsch-Deutschen Grenze oder das gleichfalls mit Hunderttausenden von Landminen gespickte Grenzgebiet zwischen Iran und Irak, das heute als wichtiges Rückzugsgebiet des großen Persischen Leoparden gilt.

Die Natur des unteren Jordan dürfte sich heute kaum von dem unterscheiden, was zur Zeit Jesu da war. Im Jahr 1106, vor rund 900 Jahren, besuchte der russische Pilger Abbot Daniel den Jordan und die Taufstelle von Johannes dem Täufer und berichtete von zahllosen Wildschweinen und vielen Leoparden in den Schilfdickichten des Jordan. Pilger des 19. Jahrhunderts berichteten gleiches, wie man im 1881 veröffentlichten Buch „Picturesque Palestine“ nachlesen kann: Ein Dickicht von Tamarisken, Weiden und undurchdringlichem Schilf. Es wimmele von Wildschweinen, während die Geäste voll von Singvögeln seien. Der Leopard lauere in diesen Dickichten, besonders am Ostufer des Jordan.

Die Wiederentdeckung von „Bethanien jenseits des Jordan“ am Ostufer des Jordan begann mit dem 1994 unterschriebenen Friedensvertrag zwischen Israel und Jordanien. Minenfelder waren nicht mehr nötig und deren Entfernung begann. Archäologen bekamen Zugang, die in einem nur etwa 10 Hektar kleinem Gebiet rasch mehr als 20 für die Christenheit bedeutende Relikte, Kirchen, Klöster, Höhlen und Taufbecken aus römischer und byzantinischer Zeit freilegten. Papst Johannes Paul II. besuchte es im Jahr 2000 und gab ihm seinen Segen. Zwei Jahre später erklärte dann der jordanische König Abdullah II. das Areal zum Nationalpark. Gleichzeitig bekamen die verschiedenen christlichen Konfessionen von der Armenischen bis zur Anglikanischen Kirche Flächen zum Kirchen- und Klosterbau geschenkt, um den Pilgertourismus anzukurbeln.

Ein Großteil des Ostufers des Jordan ist weiterhin Sperrgebiet, wie auf der israelischen Seite auch. Der Zugang zur Taufstelle Bethanien ist stark reglementiert und von zwei Militärposten gesichert. Viele der Pilger halten sich nur kurze Zeit hier auf, oft um nur kurz den Fuß in den heiligen, aber sehr kalten und schlammigen Jordan zu halten. Lediglich die Gäste der Russisch-Orthodoxen Pilgerherberge haben das Privileg, nahe des Jordan zu übernachten.

Per jordanischem Gesetz ist Bethanien als Nationalpark geschützt mit dem erklärten Ziel: „Den Ort so zu erhalten wie er ist, damit die Pilger ihn so erleben können, wie ihn Jesus und Johannes der Täufer sahen.“ Falls die Verantwortlichen an diesem selbst gesteckten Ziel festhalten sollten, besteht also noch Hoffnung für den Leoparden am Jordan. Schließlich war er hier schon zu biblischen Zeiten heimisch und zahlreich. Und er hat einen wichtigen Heiligen an seiner Seite: Franziskus von Assisi, der Schutzpatron der Tiere, des Umweltschutzes und der Ökologie: „Ein jedes Lebewesen in Bedrängnis hat gleiches Recht auf Schutz.“