SantaRosa/Guatemala

„Jesus würde protestieren“

Guatemala ist bekannt für seinen Kaffeeanbau. Doch die niedrigen Weltmarktpreise, Pilzkrankheiten und die Folgen des Klimawandels treiben viele Arbeiter in die Armut.

Sixto Pérez
Harte Arbeit, wenig Lohn: Sixto Pérez schaut in eine düstere Zukunft. Foto: Fotos:

Bald wird er siebzig Jahre alt sein. Doch auf einen gesicherten Lebensabend kann sich der guatemaltekische Tagelöhner Sixto Pérez nicht freuen. Im Gegenteil, der dürre Mann hat Sorgen, existenzielle Sorgen. Er weiß nicht, ob er und seine Familie in den kommenden Tagen ausreichend essen können. Längst kennt er das Gefühl anhaltenden Hungers. Noch vor wenigen Jahren konnte er sich nicht vorstellen, das es soweit kommen würde. Damals hat er noch ordentlich verdient, denn er besaß ein kleines Grundstück mit über tausend Kaffeepflanzen. „Ich bin inmitten von Kaffeepflanzungen aufgewachsen“, erzählt er. „Früher gab es keinen chemischen Dünger. Der Kaffee wuchs mit der Kraft der Erde, guter Kaffee. Aber dann kamen die Krankheiten und wir mussten Pestizide sprühen. Alles hat sich verändert, vor allem das Wetter. Manchmal regnet es überhaupt nicht mehr. In diesem Jahr gab es nur zwei Gewitterregen und ein paar Nieselregen. Die haben nicht einmal den Boden nass gemacht.“

„Es gibt kein Geld. Wir essen nur noch schwarze Bohnen.“
Angela Pérez

Sixto Pérez ist in Santa Rosa aufgewachsen. In dieser südlichen Provinz des mittelamerikanischen Landes Guatemala wurden jahrzehntelang über zwanzig Prozent der nationalen Produktion wertvollen Hochlandkaffees geerntet. Der alte Mann hat spät geheiratet. Seine fast dreißig Jahre jüngere Frau Angela brachte drei Töchter zur Welt. Sie kann ihre Enttäuschung nicht verbergen: „Als wir geheiratet haben, war der Kaffeepreis noch gut und die Pflanzen hatten nicht diese furchtbaren Krankheiten. Seither ging es immer nur bergab. Jetzt können wir uns nichts mehr kaufen. Es gibt kein Geld. Wir essen nur noch schwarze Bohnen.“

Die allermeisten der 270 000 Hektar Land, auf denen heute in Guatemala Kaffee angebaut wird, sind vom Kaffeerost befallen. Dieser Pilz überdauert Trockenperioden und kann sich durch kurze Regenschauer schnell auf weitere Pflanzen ausbreiten. Deshalb ist ein großer Teil der Kirschen auf den Feldern von Santa Rosa klein und schrumpelig. Zwar finden auch deren Kaffeebohnen Käufer auf dem nationalen Markt, aber der Preis liegt nicht einmal bei einem Zehntel dessen, was die schönen roten Kirschen kosten, die den Anforderungen des internationalen Marktes für Qualitätskaffee entsprechen.

Der Pilz hat viele Pflanzen zerstört

Don Sixto steht auf einem Kaffeefeld, dessen Pflanzen nicht besonders frisch aussehen. „Als der Kaffeerost vor etwa zehn Jahren in diese Region kam, begann die große Krise der Kaffeebauern“, erklärt er. „Der Pilz hat viele Pflanzen zerstört. Früher besaß ich einen Hektar Land, auf dem ich hundertfünfzig Säcke Kaffee ernten konnte. Heute pflücke ich auf solchen Feldern nur noch vier oder fünf Säcke. Auch viele der großen Landbesitzer haben aufgehört, sich um ihre Pflanzungen zu kümmern.“

Don Sixto musste sein Grundstück verkaufen. Heute arbeitet er als Tagelöhner, zusammen mit seiner Frau. Auf den Feldern ihrer Nachbarn pflücken die beiden Kirschen von zweieinhalb Meter hohen Pflanzen, deren grüne Blätter gelbe Flecken haben und Löcher mit braunen Rändern, Symptome des Kaffeerosts. Ab und zu bläst eine heftige Böe hellen Staub in ihre sonnengegerbten Gesichter. Dona Angela weiß, dass ihr Mann nur noch wenige Jahre lang wird arbeiten können – wenn überhaupt. Solche Gedanken an die Zukunft machen ihr Angst. „Ich frage ihn: ,Was wird werden, wenn du nicht mehr arbeiten kannst und wir beide alt sind?‘ Noch geht es. Jeder von uns kann etwa 40 Quetzales am Tag verdienen.“

Preisdiktat der Reichen

Wenige hundert Meter von dem Feld entfernt, auf dem Don Sixto und seine Frau Angela Kaffee ernten, steht eine kleine Kirche. Das bunt bemalte Holzgebäude ist umgeben von Kaffeefeldern und ein paar Häusern mit Wänden aus Lehmblöcken und Dächern aus rostigen Wellblechplatten. Einer der Laienprediger der Gemeinde heißt Tereso Ramos, ein resoluter Kleinbauer mit sonorer Stimme. „Wenn Jesus hier wäre, würde er genauso reagieren wie damals mit seinem Volk. Ich bin mir sicher, dass er protestieren würde. Er sah das Unrecht und kämpfte dagegen an. Er würde auch heute erkennen, dass die Armen ausgebeutet werden, dass man uns ausnutzt. Ich glaube nicht, dass er das gutheißen würde.“ Tereso Ramos ahnt nicht, dass Kaffee längst zu einem Spekulationsobjekt geworden ist.

Der Weltmarktpreis hat nichts mehr mit den Produktionskosten zu tun. In Zeiten niedriger Zinsen investieren immer mehr Anleger in Rohstoffe wie Kaffee. Sie spekulieren auf steigende oder fallende Preise. Wenn viel geerntet wird, sinkt der Preis. Manchmal sind die Profite einiger weniger Börsenhändler höher als der gesamte Verdienst aller Kaffeebauern der Welt. „Wir Bauern verdienen am wenigsten, obwohl wir das Produkt am besten kennen“, klagt Tereso Ramos. „Wir müssen uns dem Preisdiktat der Reichen unterwerfen. Die Brüder aus der Gemeinde, die ein paar Kaffeefelder besitzen, können ihren Arbeitern auch nicht mehr zahlen. Sie bekommen ja selber keinen gerechten Preis. Schuld an diesem Unrecht sind die Mächtigen.“

Rückgehende Ernteerträge

Anfang des Jahrtausends gehörte Guatemala noch zu den fünf Spitzenproduzenten der Welt. Seither ist das Land auf den zehnten Rang zurückgefallen. In diesem Jahr wird die Kaffeeernte wahrscheinlich noch schlechter werden. Völlig anders ist die Situation in Vietnam, wo erst seit vierzig Jahren in großem Stil Kaffee angebaut wird. Das asiatische Land belegt heute den zweiten Rang der kaffeeproduzierenden Länder, auch wenn dort kein Qualitätskaffee angebaut wird. Der meiste Kaffee stammt aus Brasilien. Dort wächst rund ein Viertel der weltweiten Kaffeepflanzen. Natürlich haben die Mitglieder der Kirchengemeinde von Tereso Ramos keinen Einfluss auf die Billigproduktion in diesen weit entfernten Ländern. „Es ist sehr frustrierend, dass wir nicht mehr genug verdienen. Der Preis für den Sack Kaffee reicht nicht zum Überleben. Auch die Kirche leidet unter der Krise. Die Spenden der Brüder sind deutlich zurückgegangen.“

In den wohlhabenden Ländern des globalen Nordens ist es selbstverständlich, dass der Staat Subventionen zahlt, wenn eine krisengebeutelte Region Hilfe braucht. Aber die guatemaltekische Regierung kümmert sich nicht um die sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Probleme von Santa Rosa. Umso mehr ist das Engagement der Kirche gefragt. Doch viele Dörfer und Weiler der Kaffeeregion werden zusammen von nur einem Priester betreut.

Der Pater leidet unter der Abwanderung

Pater Rodolfo Munoz sitzt hinter einem hölzernen Schreibtisch mit Blick auf einen hübschen Innenhof. Die dicken Holzstreben des roten Ziegeldachs auf dem Pfarrhaus der Jakobusgemeinde des Städtchens Mataquescuintla haben dem oft feuchten, nebligen Wetter der vergangenen zwei Jahrhunderte widerstanden. „Die katholische Kirche ruft dazu auf, dass wir uns um die Menschen kümmern, die an den Rand gedrängt werden“, sagt Pater Rodolfo. „In Guatemala sind das sehr viele. Eigentlich zählt die große Mehrheit der Bevölkerung zu den Vergessenen. Nur sehr wenigen geht es wirtschaftlich wirklich gut. Diese Wenigen interessieren sich häufig nicht für das Leid der Mehrheit. Sie wollen ihre eigenen Gewinne machen. Darin sieht die Kirche eine große Ungerechtigkeit.“

Pater Rodolfo erlebt die Folgen der Kaffeekrise nicht nur als Problem, unter dem viele Gläubige seiner Gemeinde leiden. Auch die Kirche selbst ist unmittelbar betroffen. „Wir sehen es und wir erleben es. Zum Beispiel sind viele Gemeinden heute nahezu leer, weil die Mitglieder in die USA migriert sind. Das hat deutliche Auswirkungen auf die religiöse Erfahrung vor Ort.“

Gerne würde Pater Rodolfo konkrete Entwicklungsprojekte durchführen oder den Kleinbauern Zugang zu Märkten verschaffen, auf denen gerechtere Preise gezahlt werden. Doch für solche Vorhaben fehlen ihm die nötigen Ressourcen und Kontakte. Außerdem ist er mit seiner seelsorgerischen Tätigkeit mehr als ausgelastet. Es macht ihm Sorgen, wie sehr sich Zukunftsangst und Trostlosigkeit ausbreiten. „Die Antwort von Jesus ist uns bekannt: Wir sollen an der Seite der Menschen stehen, Auswege aus der Situation suchen. Das ist es, worum sich die Kirche bemüht.“

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