Jedes Jahr kommt die Erinnerung

Sein persönliches Weihnachtswunder erlebte Heinz Kraus mit 19 Jahren als Kriegsgefangener in Russland. Von Constantin Graf von Hoensbroech

Heinz Kraus in seinem Arbeitszimmer: Die Russlandkarte zeigt das Gebiet um den Ural, das Foto den betenden Konrad Adenauer in einer Moskauer Kirche. Foto: Hoensbroech
Heinz Kraus in seinem Arbeitszimmer: Die Russlandkarte zeigt das Gebiet um den Ural, das Foto den betenden Konrad Adenau... Foto: Hoensbroech

Eigentlich galt Heinz Kraus schon als tot. Die Kommission, die in das Waldlager gekommen war, hatte ihn unbeachtet liegengelassen. Flüsternd waren die Ärzte durch die Baracke mit den vielen Sterbenden und Toten gegangen. Nur wenige Gefangene wurden von den Medizinern als überlebensfähig aussortiert. Heinz Kraus war nicht dabei. Für den 19 Jahre jungen Mann, der mit einer hochgradigen Lungenentzündung auf seiner Pritsche im Delirium lag, während neben und über ihm tote Mitgefangene lagen, interessierten sie sich nicht mehr. Doch der von den Ärzten aufgegebene Kraus gab sich nicht auf. Mühsam schleppte er sich auf den schmalen Gang zwischen den Pritschen und fand Halt an einem Birkenholzpfahl. „Da steht ja noch einer“, sagte der ebenfalls kriegsgefangene deutsche Arzt und kam mit den russischen Kollegen wieder zurück. „Du kommst mit“, lautete das Untersuchungsergebnis.

Nur wenige haben das Lager in Sibirien überlebt

„Daraus entstand mein persönliches Weihnachtswunder“, sagt Heinz Kraus und blickt aus dem großen Wohnzimmerfenster seines Kölner Hauses. Wie immer in den Tagen um Weihnachten, so erinnert er sich auch dieses Jahr wieder so intensiv an den Heiligabend und die Tage danach in russischer Kriegsgefangenschaft. Der Garten mit den mächtigen Tannen liegt in der Kälte dieser Tage, seit Stunden fallen dicke Regentropfen, manchmal ein paar Schneeflocken, das Thermometer zeigt eine Außentemperatur von etwa Null Grad. Mit Sibirien vor 65 Jahren ist das aber alles nicht zu vergleichen. Ein bescheidenes Lächeln huscht über das Gesicht des fast 86-Jährigen, als er die Zeilen aus seinen Erinnerungen an die Kriegsgefangenschaft vorliest: „Davongekommen. Wir, zehn Gefangene, Schwerkranke aus einem Waldlager Sibiriens. Überlebende. Wenige.“ Nach seiner Gefangennahme an der tschechisch-österreichischen Grenze im April 1945 war für den jungen Soldaten aus Köln das Waldlager westlich des Urals bereits die zweite Station seiner Gefangenschaft in Russland.

Im September hatte es hier einen auch für russische Verhältnisse ebenso frühen wie heftigen Wintereinbruch gegeben. Die Waldarbeiten unter unmenschlichen Bedingungen bei klirrender Kälte von teilweise bis zu minus 40 Grad gingen jedoch unverändert weiter. Verlaust, verdreckt, mit 40 Grad Fieber und Lungenentzündung war der junge Mann schließlich in die Krankenbaracke eingeliefert worden. Von dort wurde er dann abtransportiert. „Mit einem Pferdeschlitten wurden wir von Soldaten bis zu einer Eisenbahnlinie gebracht und dort auf die Kohlen eines Güterzugs aus dem Ural geschmissen“, so Kraus, „und dann irgendwo in der endlosen Weite irgendwo im Schnee abgelegt.“ Anderthalb Tage dauerte der darauf folgende Marsch ins Lazarett. „Als ich die meterhoch eingeschneiten Blockhütten sah, keimte Hoffnung auf und der Gedanke: Vielleicht schaffst Du es.“

Ein Gedanke, der sich in den Tagen bis zum Heiligabend immer wieder einstellte, nachdem er aus der zweitägigen Quarantäne in ein Krankenzimmer mit Eisenbetten, Strohsäcken und weißen Laken verlegt worden war und weiter hohes Fieber hatte. Dass es ein Sterbezimmer war, erfuhr er erst später. Besonders in den wenigen lichten und klaren Momenten, die das Fieber zuließ, habe er sich immer wieder gefragt: „Schaffe ich es oder bin ich noch auf der Schaufel?“ Diesen Lebenswillen habe er vor allem in jenen Augenblicken gespürt, wenn er den Ärzten in die Augen blickte, als diese sich über ihn beugten, ihn abhorchten und ihm, dem todkranken Patienten, das Gefühl gaben, dass sie ihn wieder einmal aufgegeben hatten. „Kraus, auf dich hätte ich keinen Rubel gegeben“, bestätigte ihm später ein mitgefangener deutscher Arzt, ein ehemaliger Assistent des berühmten Mediziners Ferdinand Sauerbruch. Das Lazarett wurde geleitet von einer russischen Ärztin im Range eines Oberst. Verbannte Jüdin. Aufopferungsvoll und mit großer menschlicher Wärme hat Kraus sie in Erinnerung. Kurz vor Weihnachten wurde Kraus in ein anderes Zimmer verlegt. „Auch ein Sterbezimmer, aber nicht so akute Fälle wie im ersten Zimmer“, erinnert sich der studierte Betriebswirt noch lebhaft an diesen Moment, als sich der Gedanke verfestigte: „Du kannst es schaffen.“ Ein weiteres Indiz dafür: Heinz Kraus war in das obere Bett eines Doppelstockbetts verfrachtet worden. In den unteren Betten lagen vor allem diejenigen, die in Kürze ihr Leben aushauchen würden – so wie der ungefähr gleichaltrige Kamerad von ihm, der ihn aus dem unteren Bett gegenüber anblickte. Eindringlich hatte er um eine Zigarette gebettelt und war nach dem letzten Zug gestorben. „Dieses Gesicht werde ich nie vergessen“, schildert Kraus fast flüsternd diese Begebenheit kurz vor Weihnachten.

Doch Weihnachten sollte nicht sein für diese deutschen Kriegsgefangenen, ein Befehl von ganz oben, hieß es. „Wir machen dennoch eine kleine Feier“, kündigte ein Mithäftling, ein Pfarrer von der Mosel, an und war von Kraus daraufhin um ein paar Worte gebeten worden. „Am Heiligen Abend waren dann plötzlich auch einige wenige Kerzen da“, erinnert sich Kraus an diesen 24. Dezember 1945, der von den russischen Ärzten mit „schweigender Duldung“ hingenommen worden sei. Die Erinnerung an „mein intensivstes Weihnachtsfest“ habe sich tief in sein Gedächtnis eingegraben, sagt er und fügt hinzu, dass er bei jedem Weihnachtsfest und Jahreswechsel von Neuem an diese Stunden vor 65 Jahren in der sibirischen Eiswüste denken müsse. Zentimeterdick habe sich damals das Eis an den Wänden gebildet, die Fenster ließen keine Sicht nach draußen auf die eisigen Schneestürme zu, der große Steinofen konnte schon länger keine Wärme mehr produzieren, „und doch leuchteten ein paar Kerzen, wärmten und gaben Hoffnung“. Der Geistliche habe bewegende und treffende Worte gefunden. „Gedanken und Worte um den, der vor fast 2000 Jahren in dieser Nacht geboren wurde und für uns gelitten hat“, beschreibt der tiefgläubige Kraus jene tröstlichen und zuversichtlichen Sätze, denen ein zaghaftes „Vater unser“ und ein mehr gesummtes denn gesungenes „Stille Nacht“ der Sterbenden, Vergessenen, Leidenden folgten. Nach dem Segen durch den Geistlichen herrschte ergriffene Stille bis zum Erlöschen der Kerzen spät in der Nacht. Wenige Worte nur, leise, wurden gewechselt. Hier und da ein klagender, schmerzerfüllter Laut. Gedanken an die rund 5 000 Kilometer entfernte Heimat. Die Hoffnung, auch im nächsten Jahr wieder Weihnachten erleben zu dürfen, wechselte mit der Angst, nie mehr ein irdisches Weihnachtsfest feiern zu können.

Überzeugt von Gottes Fügung in seinem Leben

Doch es sollten für Kraus viele Weihnachten folgen, vier davon musste er noch in russischer Kriegsgefangenschaft in verschiedenen Lagern erleben, ehe er im Januar 1950 mit einem der letzten Transporte deutscher Kriegsgefangener nach Friedland fahren und wieder in seine Heimatstadt mit dem berühmten Dom und in das Haus seiner Eltern in Köln zurückkehren konnte. Dort lebt er bis heute. Auf der Russlandkarte in seinem Arbeitszimmer hängt ein Foto, das den in einer Moskauer Kirche betenden damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer zeigt, als dieser im Jahr 1955 mit Nachdruck und Entschiedenheit über die Rückkehr der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus den sowjetischen Gulags verhandelte. Über dem Foto ist eine Studie über den Kölner Dom angebracht, die einer von Kraus' Söhnen gefertigt hat. Der Dom stehe so unerschütterlich wie sein persönlicher Glaube an Gott, einen Engel habe und hätte er gehabt, sagt der seit über 50 Jahren verheiratete mehrfache Vater und Großvater. Daher sei er auch davon überzeugt, dass er es in seinem Leben stets mit göttlicher Führung und Fügung geschafft habe. Das habe er damals besonders intensiv erfahren, damals, als er doch noch die Kraft fand, sich der Kommission zu stellen und Weihnachten 1945 erleben zu dürfen.