Jährlich für tausend und mehr ungewollt Schwangere dasein

Alternativberatung „1 000plus“ zur Abtreibung: Eine Betroffene erzählt Von Claudia-Maria Dambacher

Würzburg (DT) Manche Geschichten treffen Tanja Röth so sehr, dass sie sich lieber nicht damit konfrontieren würde, weil sie ihrer eigenen Geschichte einfach zu ähnlich sind. Wenn sie etwa im Internet den Bericht einer Frau findet, am nächsten Tag sei der Termin ihrer Abtreibung. „Leider habe ich keine wirkliche Wahl“, steht da, „aber ich sitze nur noch hier und weine. Ich kann nicht mehr essen, kaum noch schlafen. Ich bin innerlich leer.“ Als Tanja Röth die Zeilen liest, sitzt sie in einem Beratungszimmer des Vereins „Die Birke“ in Heidelberg. Es ist dasselbe Zimmer, in dem sie vor drei Jahren schon einmal saß. Desorientiert, eingeschüchtert – und schwanger. Gerade die Menschen, die ihr am nächsten standen, setzten sie massiv unter Druck, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen. „Ich war zu dieser Zeit kaum fähig, einen klaren Gedanken zu fassen“, erzählt die 35-Jährige. „Irgendwann konnte ich einfach meine innere Stimme nicht mehr wahrnehmen.“

Energiegeladen und willensstark, wie Tanja Röth heute wirkt, will man ihr das fast nicht glauben. Das mag daran liegen, dass ihre Geschichte gut ausging. Ihr Sohn Can ist heute zweieinhalb Jahre alt. Lockig sitzt er auf ihrem Schoß und nagt an einer Brezel. „Er sieht eins zu eins aus wie sein Vater und hat auch viele Gesten von ihm“, sagt Tanja Röth und streicht Can die Haare aus dem Gesicht. „Aber das ist nichts, was mich stört. Ganz im Gegenteil – sein Vater war schließlich die Liebe meines Lebens.“

Umso belastender war für die junge Frau die Reaktion ihres damaligen Freundes auf ihre Schwangerschaft. „Seine Anrufe habe ich als regelrechten Psychoterror empfunden“, erzählt sie. „Ich habe Panik ohne Ende gekriegt und sogar über einen Wohnortwechsel nachgedacht.“ Doch Panik habe wohl auch den Kindesvater geleitet, der Angst hatte, das Kind könne seine Lebensplanung zerstören, glaubt die Frau.

Heute hat Tanja Röth trotz allem ihren Frieden mit der Situation gemacht, sagt, ihr Leben hätte sich vollständig zum Positiven gewendet. Nicht einem glücklichen Zufall verdankt sie diesen Umstand, sondern in erster Linie einer ausgesprochen zeitintensiven Unterstützung durch zwei Beraterinnen der „Birke“. Der Verein finanziert sich ausschließlich über Spenden. Er ist neben der „Stiftung Ja zum Leben“ und dem Verein „Pro Femina“ eine der drei am Projekt „1 000plus“ beteiligten Organisationen. Das vor einem Jahr ins Leben gerufene Projekt hat es sich zum Ziel gesetzt, deutschlandweit eine neue Beratungsstruktur aufzubauen. 1 000 und mehr Frauen im Schwangerschaftskonflikt soll dadurch jedes Jahr geholfen werden. Diese Arbeit stößt allerdings auch auf Ablehnung. Denn unter der Prämisse, dass eine Abtreibung immer die schlechtere Wahl für Mutter und Kind ist, versuchen die Beraterinnen im Gespräch, ausschließlich „Lösungen für das Leben“ zu finden. Die für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch notwendigen Beratungsscheine stellen sie nicht aus. Kritiker bemängeln, es fehle den schwangeren Frauen dadurch an Wahlfreiheit.

Ganz anderer Meinung ist der „1 000plus“-Projektleiter Kristijan Aufiero: „Was wir hier erleben ist, dass die meisten Frauen vor unserer Beratung keine Wahlfreiheit haben“, sagt er. „Erst durch das Aufzeigen von echten Lösungen und durch wirkliche Hilfsangebote wird doch eine Alternative zum Abbruch geschaffen.“ Seiner Erfahrung nach deckt sich Tanja Röths Geschichte im Kern mit sehr vielen anderen. „Die überwältigende Mehrheit der Frauen, die zu uns kommen, sagt: Ich will eigentlich nicht abtreiben, aber ich muss.“

Was die Projektpartner von „1 000plus“ dagegensetzen, ist schnelle, konkrete Hilfe. Babyausstattung kaufen, Wohnungsprovisionen übernehmen, Ausbildung mitfinanzieren oder einen Kleinkredit ablösen – die Hilfe sieht unterschiedlich aus. Vor allem aber bieten die Beratungsstellen von „1 000plus“ jeder Frau zeitlich unbegrenzte Beratung. „Ich habe mich zeitweise jeden dritten Tag mit einer Beraterin getroffen und an den Tagen dazwischen haben wir telefoniert“, erzählt Tanja Röth. „Schließlich hatte ich ja sonst niemanden, weil mein Umfeld Teil des Problems war.“ Selbst ihre Freundinnen waren bei allem guten Willen kaum eine Hilfe. „Sie sagten: ,Entscheide nach deinem Herzen! Denn wir haben alle Antworten im Herzen.‘ Aber was ist, wenn man bei der ganzen Panik nicht mehr auf sein Herz hören kann?“

Auch ein Termin bei einer klassischen Schwangerschaftsberatungsstelle, den sie vor dem Kontakt mit der „Birke“ wahrnahm, brachte Tanja Röth nicht weiter. „Die ersten Worte der Beraterin waren: Wir haben leider nur eine Stunde Zeit, um 13 Uhr habe ich den nächsten Termin. Schießen Sie los!“ Nach 50 Minuten hatte sich an ihrem größten Problem, der Angst vor dem Druck, der auf sie ausgeübt wurde, nichts geändert. „Ich ging mit einer Tabelle mit Zahlen aus dem Gebäude“, erzählt die junge Mutter, „und war keinen Schritt weiter.“

Ein guter Freund brachte sie schließlich zur „Birke“. Nach mehreren Treffen und Telefonaten suchten die dortigen Beraterinnen das Gespräch mit Tanja Röths Eltern und dem Vater ihres Kindes. „Die ganze Situation hat sich dadurch etwas beruhigt und das hat mir meine Angst genommen“, erinnert sie sich. Diese Art der Deeskalation gehört zum Konzept der Beratungsstelle. „Wir legen es nie auf eine Verschärfung des Konflikts mit der Familie an“, sagt Aufiero.

Während für Eltern, Großeltern und die Familie ungewollt Schwangerer häufig die Umstände, unter denen ein Kind entstanden ist, eine große Rolle spielen, bleiben Fragen der persönlichen Lebensführung in den Beratungsstellen von „1 000plus“ immer außen vor. Zwar sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der „Birke“ im christlichen Glauben verwurzelt. „Gerade deshalb steht uns aber ein moralisches Urteil nicht zu“, erklärt Aufiero. „Unsere Pflicht ist die Barmherzigkeit.“

Endgültig gegen eine Abtreibung entschied sich Tanja Röth während eines Gesprächs mit ihrer Beraterin: „Als ich sie fragte: ,Soll ich das Kind kriegen?‘ sagte sie: ,So wie Sie erzählen, wollten Sie es von Anfang an.‘ Und das stimmte!“ Nachdem die Entscheidung gefallen war, nahm sich die gelernte Einrichtungsberaterin ein paar Tage Auszeit, während der sie eine frühere Leidenschaft wiederbelebte: die Malerei. „Die Botschaft der Bilder war wohl immer: Das Leben setzt sich durch.“ Heute am 2. Oktober, wenn das Projekt „1 000plus“ offiziell vorgestellt wird, findet auch eine Vernissage der Arbeiten Tanja Röths statt. Der Zyklus heißt „Leben“. Das ist im Übrigen auch die Bedeutung des Namens ihres Sohnes: Can.

Infos im Internet unter www.1000plus.de