Influencer des Herrn

Um als YouTuber erfolgreich zu sein, muss man sich schon etwas einfallen lassen. Oder man macht einfach etwas, dass ein solides Fundament besitzt, wie Brian Holdsworth.

Brian Holdsworth
Glaubensvermittlung auf die coole Art: Brian Holdsworth. Foto: IN

Eine Hand knipst das Aufnahmegerät an, der junge Mann, zu dem sie gehört, setzt sich davor. Rechts eine stylische Lampe, die aussieht, wie ein Besenstiel mit Lichterkette, im Hintergrund zwei E-Gitarren, links ein Wandregal, mit älteren Büchern, daneben ein 50er-Jahre Auto im Maßstab 1:18 und ein Ritterhelm, echt oder nicht. Das Hintergrundbild variiert, das Interieur wechselt, je nach Aufnahmedatum. Der Typ bleibt derselbe: halblang-gelocktes, dunkelblondes Haar, rötlicher Vollbart, länglich-blasses Gesicht. Porzellan-Teint, hätte man früher gesagt. Ist von Barbarossa die Rede? Oder Prinz Harry? Nein, Brian Holdsworth, amerikanischer Influencer. Katholisch. Rechtgläubig. Geradeheraus. Kein Lautsprecher, der im Netz auf trendy macht. Stattdessen einer, der klare Kante zeigt. Der „Digitale Evangelist“ (Holdsworth), flasht die User.

Er verbindet Weltoffenheit mit einem spirituellen Profil

Im Hauptberuf ist der YouTuber Kreativ-Direktor von „Holds Worth Design“, einem Webdesign- und Marketingstudio in Edmonton, das ihm gehört. Die Millionenmetropole ist Hauptstadt des kanadischen Bundesstaates Alberta und erstreckt sich entlang beider Uferseiten des North Saskatchewan River. Kosmopolitische Weltoffenheit ist für die meisten hier Lifestyle. Edmonton eine breite Palette an Kultur, Musik, Theater, visuellen Künsten und Sport. Wetterfest sollte man sein, denn die Durchschnittstemperatur beträgt im Winter -20 Grad, der höchste im Sommer gemessene Wert lag bei 34, 9 Grad. Kanada ist ein Land der Extreme. Auch, was politische Korrektheit anbelangt. In diesem Klima entstehen gute Ideen.

„Evangelisierung ist die Kunst, die Aufmerksamkeit eines Publikums auf sich zu ziehen, ihnen eine Botschaft zu überbringen und sie zu einer Antwort einzuladen“, schreibt Holdsworth auf seiner Firmenseite. Als Medienprofi weiß er natürlich wie der Hase läuft. Er weiß auch, dass man authentisch sein muss, sonst überzeugt man auf Dauer nicht. Bloß keine gespielten Emotionen. Kaum hat er sich vor die Kamera gesetzt, ein kurzes, gewinnendes Lächeln, dann legt er los. Er redet lebendig, aber ruhig. Keineswegs einschläfernd. Die Kunst der Pause ist ebenso wichtig, wie die richtige Betonung. Länge der Videos, zwischen 5 und 9 Minuten. Manche sind gewürzt mit kleinen Einspielern. Kurzweilig sind sie alle. Und tiefsinnig. Er sagt, was ihm unter den Nägeln brennt, frei von der Leber weg. Und das richtig gut.

Die Kommentare zeigen: Er kommt bombig an

Anhand der Kommentare seiner Follower sieht man, dass er bombig ankommt: „Ich mag deine ruhige Haltung und bestechende Logik!“, oder: „Auch ich bin durch ein umfangreiches Schriftstudium zu dem Schluss gekommen, dass die katholische Lehre wahr ist“, oder „Du rockst! ... Ich sage das nicht nur wegen der tollen Les Paul (Gitarre, d.A.) in der hinteren Ecke des Raumes“. Zu seiner Zielgruppe gehören nicht nur junge Menschen, auch Leute über 30 oder Best-Agers geben den Beiträgen jede Menge Likes.

Der Themenkreis ist breit gefächert: „Was du wissen solltest, bevor du heiratest“, oder „Darf ein Christ Drogen nehmen?“, oder „Warum es eine schlechte Idee ist, Euthanasie und Selbstmord zu unterstützen“. Manchmal greift er alltägliche Dinge auf: „Wie die Medien unsere Moral verändert haben“ oder „Das Problem mit der Politischen Korrektheit“. Eine große Rolle spielen Glaubensfragen: „Warum starb Jesus am Kreuz?“ oder „Was es bedeutet, Katholik zu sein“ oder ein wenig augenzwinkernd: „Wenn ich Papst wäre, was würde ich ändern?“. Das Credo von Digitalevangelist Holdsworth lautet: „Ein Christ soll seinen Glauben leben und sich nicht nur nach der öffentlichen Meinung richten.“

"Wir müssen wieder wir selbst sein.
Wenn wir behaupten, die Fülle der
Wahrheit zu haben, die Gott ist,
sollten wir so handeln"
Brian Holdsworth

Dazu gehört seiner Meinung nach, die Sprache der Populärkultur sprechen und den Glauben so zum Ausdruck bringen, dass junge Menschen sich mit ihm identifizieren können. Man muss wieder vermitteln, so Holdsworth, „dass der Besuch einer Messe oder ein Gebet etwas anders sind, als irgendwelche Alltäglichkeiten“. Die Profanierung des Heiligen signalisiere nur, dass Gott nicht anwesend sei. „Damit sagen wir den Menschen instinktiv, verschwenden Sie also nicht Ihre Zeit damit, Gott in der Kirche zu suchen.“ Sein Rat lautet einfach: „Wir müssen wieder wir selbst sein. Wenn wir behaupten, die Fülle der Wahrheit zu haben, die Gott ist, sollten wir so handeln“. Fest auf dem Boden der katholischen Lehre zu stehen, sei das einzige, was Menschen anzieht. „Wenn wir den Glauben im Namen des Zeitgeistes aufs Spiel setzen, haben wir unsere eigene Mission untergraben.“ Klare Worte. Dafür bekommt er jede Menge Applaus. Ist das nicht ein Signal?

Vielleicht kommt ihm zustatten, dass er kein gelernter Katholik ist, sondern sich über den Bekehrungsweg herangearbeitet hat. In seinem Video „Warum ich zur Katholischen Kirche konvertierte“, bekennt er, viele Ideen seiner Videos seien vom Katechismus inspiriert. „Auch wenn Sie kein Katholik sind“, sagt Holdsworth, „empfehle ich Ihnen nachdrücklich, irgendwann in Ihrem Leben die Gelegenheit zu nutzen, den Katechismus zu lesen. Es ist ein unglaubliches Dokument, das unter der Obhut eines der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde: Johannes Paul II.“ Doch nicht nur dem großen Heiligen verdankt er seine Inspiration. Ebenfalls beeinflusst ist er von den Schriften C. S. Lewis‘: „Pardon, ich bin Christ“ und „Dienstanweisung für einen Unterteufel“.

Die Zahl der Abonnenten ist ziemlich gut

Soviel Glaubensfreude zieht Erfolg nach sich. Am 25. Mai 2009 ist Digitalevangelist Holdsworth YouTuber geworden. Stand heute hat sein Kanal 33 348 Abonnenten und 2 257 092 Aufrufe. Auch bei Twitter und Facebook reitet er auf der Erfolgswelle. So jemand fehlt im deutschsprachigen Raum. Keine konstruierte Kunstfigur wie Rezo, sondern ein junger Mensch, der so ist, wie der Katholizismus: menschennah, weltoffen, himmelführend. Gottes Wort geht bekanntlich keine Umwege, sondern direkt ins Herz. Holdsworth schafft das, und genau das erklärt seinen überwältigenden Erfolg. Das mag für manchen im alten Europa schräg klingen. Aber was spricht dagegen, sich der neuen Medien zu bedienen? Wenn man die Daten der paulinischen Reisenotizen rekonstruiert, zeigt sich, dass Paulus in der Zeit seines missionarischen Wirkens fast 16 000 Kilometer zurücklegte. Würde er heute nicht auch die Datenautobahnen nutzen, um auf diesem Weg Millionen Menschen zu bekehren?

Holdsworth Videos haben eine klare katholische Botschaft. „Du und ich sind die Kirche“, betont er, „wir haben die Wahl. Wir können davonlaufen oder für unsere Kirche kämpfen. Beginnen wir also damit, die Kirche wieder aufzubauen.“ Unter diesem Video steht der Kommentar: „Ja, wir machen Gott durch unsere Taten sichtbar.“