In der Pfarrei des Märtyrers Jacques Hamel

Der diözesane Seligsprechungsprozess zu Jacques Hamel ist im Frühjahr abgeschlossen - in seinen Wirkort reisen bereits regelmäßig die Pilger. Von Martin Leidenfrost

Jacques Hamel
Ein europäischer Märtyrer des 21. Jahrhunderts: Jacques Hamel.dpa Foto: Foto:

Rouen, die Stadt der Verurteilung von Jeanne d'Arc, ist ein gewaltiges Monument der normannischen Gotik: Kirchenfassaden mit Aberhunderten von eingearbeiteten Statuen und herausspeienden Tierköpfen, oftmals von der Zeit geschwärzt oder grün verschimmelt. Die 10.30 Uhr-Sonntagsmesse in der enormen Kathedrale mutet beinah tridentinisch an, getragen und würdig, mit viel Weihrauch und Latein; die kaum hundert Gläubigen verlieren sich.

Ein Dutzend Stationen mit der hier „Metro“ genannten Straßenbahn, und man ist in der trostlosen Vorstadt Saint-Étienne-du-Rouvray. Einige Fenster sind für immer vermauert, viele Jalousien und Holzläden sind immer hochgezogen, auf der Straße gibt es auch nichts, auf das man hinausschauen möchte. Für 28 000 Einwohner verblüffend wenig Verkehr. Belebt ist nur der Kreisverkehr an der Autobahnabfahrt, berühmt geworden durch die Besetzung der „Gelbwesten“. Saint-Étienne ist wohl Rouens muslimischste Vorstadt, der mit 85 Prozent wiedergewählte Bürgermeister ist Kommunist.

Der 26. Juli 2016 begann für den einsamen alten Priester Jacques Hamel freudig, kamen doch seine Schwester, Nichten und Großnichten zu Besuch. Im viel zu großen alten Pfarrhaus war plötzlich Leben. Hamel ging in die alte Pfarrkirche, um wie immer die Dienstag-Neun-Uhr-Messe zu lesen. Alle sechs Anwesenden waren betagt: Hamel war 85, dann drei Vinzentinerinnen von 72, 79 und 83 Jahren, dazu die Coponets, Leiter der „Christlichen Rentnerbewegung“, verheiratet seit 63 Jahren. Die Messe verlief wie immer. Hamel sang mit seiner schönen Stimme das Kyrie und den Sanctus, hielt nach dem Vaterunser eine lange Stille, gab die Kommunion in beiderlei Gestalt. Nach dem Schlusssegen fügte er hinzu: „Verbringt noch einen guten Tag!“ Nun stürmten zwei Neunzehnjährige in schwarzer IS-Kleidung herein, brüllten „Allahu Akbar“ und zwangen den Priester auf die Knie. Er rief: „Weiche, Satan!“ Sie schnitten ihm die Kehle durch. Sie zwangen Coponet, der seinen 87. Geburtstag beging, den Mord zu filmen, und schnitten auch ihm in die Kehle. Coponet stellte sich tot, überlebte aber.

Die Täter hatten fortan drei Frauen vor sich. Sie schändeten die Kirche, taten den Frauen aber nichts an. Einer fragte Schwester Hélene: „Haben Sie Angst zu sterben?“ – „Nein.“ – „Warum nicht?“ – „Weil ich an Gott glaube und weil ich weiß, dass ich glücklich sein werde.“ Ein Terrorist stimmte einen arabischen Gesang von berückender Sanftheit an, laut Schwester Huguette „fühlte man seine Freude, ins Paradies einzugehen“. Dann traten die Dschihadisten in den Kugelhagel der Polizei hinaus.

Noch 2016 erschien die erste Biographie des Märtyrers, dessen diözesaner Seligsprechungsprozess noch im Frühjahr 2019 abgeschlossen wird: „Martyr. Vie et mort du pére Jacques Hamel“. Laut dem belgischen Autor Jan de Volder gehörte Jacques Hamel einem Jahrgang von Seminaristen an, die mit der Bewegung der „Arbeiterpriester“ sympathisierten. Diese lebten nach dem Krieg unter der Arbeiterschaft, beteiligten sich sogar an Streiks. Zwar beendete Papst Pius XII. 1954 das Experiment, die „franziskanische“ Spiritualität blieb Hamel aber erhalten. Sein ganzes Priesterleben lang wurde er in diese Vorstädte geschickt, die von Zuwanderung, Niedergang, Arbeitslosigkeit und Marginalisierung gezeichnet waren. Hamel widersprach seinem Erzbischof nie, sah sonst nichts von der Welt, und anstatt mit 75 in Rente zu gehen, blieb er als Aushilfspriester in einer der elendsten Vorstädte: Saint-Étienne-du-Rouvray.

Jacques Hamel war wohl der unauffälligste Priester der Erzdiözese. Sein stilles Charisma entzog sich innerkirchlichen Lagern. Auf der einen Seite lebte er in Armut, öffnete Armen, Obdachlosen und Haftentlassenen die Tür, trug seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil das Kollar nicht mehr, und im Algerienkrieg lehnte er die Offizierswürde ab, weil er „nicht Befehle an Menschen geben wollte, damit diese andere Menschen töten“. Auf der anderen Seite konnte er schon als Zehnjähriger beim Pfarrerspielen die lateinische Messe lesen, die Eucharistie war die Mitte seines Lebens, und er lebte diszipliniert im Gebet. Sein Morgengebet war das von Papst Leo XIII. verfasste Gebet: „Heiliger Erzengel Michael, verteidige uns im Kampfe; gegen die Bosheit und die Nachstellungen des Teufels, sei unser Schutz!“ Hamel war ein treuer Diener des Herrn. Er war nicht perfekt, aus Pingeligkeit wurde er manchmal ärgerlich, und den Tod seiner Mutter konnte er zehn Jahre nicht verwinden, wurde einsilbig und bitter. Er war schwächlich und über die Maßen schüchtern. Als er tot war, fiel den Leuten plötzlich auf, dass sie vorher nie über ihn gesprochen hatten.

Einige Wochen nach dem Anschlag, im Oktober 2016, zur Sonntagsmesse in Saint-Étienne. Sie fand wie immer in der zweiten Kirche statt, in der modernen „Sainte Thérese“, im neueren Stadtteil, bei den Wohnblöcken. Es gab keine Ministranten. Etwa ein Drittel der Gläubigen waren Afrikaner. Die Sitzordnung drückte wenig Zusammenhalt aus, viele saßen mit größtmöglichem Abstand zum Nächsten da. Es herrschte genau die Unordnung, die Hamel nicht ausstehen konnte: Viele kamen zu spät. Sitzende drehten sich nach Eintretenden um, mit Nervosität im Blick.

Der Nachfolger hat keine Angst vor Muslimen

Pater Auguste, der kongolesische Pfarrer, las die Messe. Hätte er den Juli nicht im Kongo verbracht, wäre vielleicht er ermordet worden. Der Pfarrer starrte oft geradeaus. Am Ende rief er dazu auf, dass sich Freiwillige melden möchten, welche die alte Kirche wenigstens stundenweise für Pilger öffnen würden. Zur Beruhigung hob er hervor: „Ihr werdet immer zu zweit Dienst tun, ihr seid dort nie allein.“

Die angrenzende Moschee „Yahia“ stand auf einem Grundstück, das ihr von der katholischen Kirche geschenkt worden war, Hamel selbst hatte in der „interreligiösen Kommission“ den Dialog mit den Muslimen gepflegt. Gefragt, ob er die katholische Großzügigkeit gegenüber den Muslimen bereute, sagte Pater Auguste überzeugt: „Nein, es ist nicht die muslimische Gemeinschaft hier, mit der wir ein Problem haben.“

Der Kirchplatz vor der alten Pfarrkirche hat längst jede Zentrumsfunktion eingebüßt, er ist ein wenig genutzter Parkplatz. Im Oktober 2016 war die Kirche verschlossen, verwahrloste Sträucher auf grasloser Erde an der Außenmauer. Pater Augustes Plan mit den Freiwilligen ging nicht auf, im Januar 2019 ist die Kirche aber untertags aufgesperrt, ohne Wächter. An der Außenmauer ein neues Denkmal für die Menschenrechte.

Im Oktober 2016, eine Woche nach der neuen Weihe der alten Pfarrkirche, zeigte das Küsterpaar dem Reporter die Kirche. Sébastien und Maria Velardita, auch sie schon um die achtzig, waren drollige Sizilianer mit einer sehr süditalienischen Gestik und Mimik. Sie nannten Hamel „sehr geradlinig“, „sehr sparsam“, „die Zettel für seine Predigten waren beidseitig bekritzelt“, und sie nannten ihn einen Freund.

Der Teppich hinter dem Altar war neu, auf dem alten war ihr Freund verblutet. Sie beschrieben den Sühneritus, mit dem die entweihte Kirche „gereinigt“ worden war. 2016 wurde alles neu geweiht: Die Osterkerze, die umgestoßen worden war. Das Metallkreuz für Prozessionen, „das sie aufs Piano schmissen“. Der Altar, auf den sie ein Dutzend Mal eingestochen hatten, „aber der ist aus Eiche, Monsieur!“ Auch die Statue der Jungfrau von Fatima bekam den Rosenkranz zurück, den ihr die Mörder aus den Händen gerissen hatten. Die sehr kleingewachsene Maria Velardita blickte mit wunderlichem Blick zur Statue hinauf: „Die Jungfrau haben sie nicht angerührt.“

Januar 2019, Besuch im neuen Pfarrhaus neben der modernen Kirche „Sainte Thérese“. Im vergitterten Fenster hängt ein Foto des Märtyrers. Das Haus ist schlecht geheizt und hat das Gepräge einer Männer-WG. Pater Auguste wurde vor einem Jahr nach Belgien abberufen, ein anderer kongolesischer Redemptorist ist seither Pfarrer, Pater Hubert. Es ist Freitag, im Fernseher läuft die Übertragung eines Kreuzwegs, und am Esstisch speist ein afrikanischer Gläubiger mit Rotwein.

Pater Hubert ist müde, oft fallen ihm die Augen zu. Er sagt, er habe keine Angst, getötet zu werden wie Jacques Hamel, aber vor der Übernahme dieser riesigen Pfarrei habe er sich „am Anfang ein wenig“ gefürchtet. Von den 5 000 Katholiken praktizieren „400 oder 500“, also weniger als zwei Prozent der Einwohner, und „das Problem ist, dass es zu kalt ist, es kommen nur Alte zur Messe, ein Mal im Monat machen wir eine Familienmesse“. Die Katholiken mit afrikanischen Wurzeln haben sich angepasst, sagt er, das sehe man etwa an der geringen Nachfrage nach der Beichte. Obwohl er im Kongo schon mal verhaftet wurde, weil er in einem Artikel den Rücktritt des Präsidenten gefordert hatte, scheint sich Pater Hubert nach Afrika zu sehnen. Er sagt: „Die Redemptoristen gehen zu den Verlassensten“ – und die Verlassensten sind nun in Saint-Étienne-du-Rouvray.

Vor der Abendmesse wirkt die Pfarrkirche einladender

Dass die Demonstrationen des Mitgefühls und der Solidarität 2016 fast nur von Muslimen der älteren Generation kamen, erklärt er mit der generell geringeren Religiosität der Jungen. Er hat Hamels Sitz in der Interreligiösen Kommission eingenommen, „man trifft sich von Zeit zu Zeit“. Und was gibt es Neues? Die Vinzenterinnen wurden mit Ausnahme der Jüngsten auf eine neue Mission geschickt, und die Coponets kommen noch zur Messe, wenn sie nicht gerade krank sind oder allzu erschöpft. Wegen Hamels Zeugnis „kommt jede Woche mindestens ein Pilger und jeden Monat mindestens eine Gruppe, meist aus Frankreich“. Er vergleicht Hamels Tod mit der Kreuzigung Jesu: „Das ist ein Samen, der sprießt. Das hört nicht auf zu wachsen.“

Am Samstagabend vor der Abendmesse wirkt die alte Pfarrkirche, die ansonsten graudüster im trüben normannischen Winter steht, plötzlich einladend. Aus den Fenstern strahlt ein warmes oranges Licht heraus, es kommt von den an den modernen Lustern angebrachten Heizstäben. Im Inneren hängt noch das Gemälde, das den sizilianischen Küster 2016 so gerührt hat. „Gemalt und geschenkt von Moudine, einem gläubigen Moslem in Saint-Étienne-du-Rouvray“, zeigt es den betenden Jacques Hamel unter einem Heiligenschein.

Die Velarditas sind da und rennen in alter Geschäftigkeit durch die Kirche. Besonders Maria Velardita reicht jedem Gläubigen die Hand, und unter den vielen kleingewachsenen alten Damen, einige mit italienischen und portugiesischen Wurzeln, findet sich keine, die von der Signora nicht geherzt, geküsst oder mit einem freundlichen Scherzwort begrüßt wird. Es gibt zwar nur einen Ministranten, aber ein Minibus von anderswo bringt Instrumente, und eine angereiste Gruppe schwarzer Jugendlicher singt und spielt eine lebhafte rhythmische Messe. Auch Pater Hubert ist wach, er spricht Gläubige auch schon mal persönlich an und hält eine starke Predigt über die Kirche als den Leib Christi. Nichts an dieser Messe ist ungewöhnlich, diese Vorstädter beten und singen nicht schöner als andere. Bis auf eins vielleicht: Kaum irgendwo sind soviel Herzlichkeit und Brüderlichkeit wie am Todesort des Märtyrers Jacques Hamel.