In den Himmel geboren

Endlich Raum für Trauer: Immer mehr Gedenkgottesdienste für tot geborene Kinder

Mit einem solchen Anruf hatte Karin Storm nicht gerechnet. Die Frau am Telefon erzählte der Beraterin des Paderborner Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF), sie sei über 70 Jahre alt und bei ihr sei „das alles“ mehr als 40 Jahre her, dennoch werde sie gern zum Gottesdienst kommen. Das alles – damit meinte die Frau eine Fehlgeburt, die sie einst erlitten hat. Nun hatte sie in der Zeitung die SkF-Einladung zum ersten Gottesdienst für trauernde Eltern gelesen und fühlte sich angesprochen. „Trauernde Eltern haben keinen Ort und finden kaum Verständnis für ihre Not“, sagt Storm. Darum laden sie und ihre SkF-Kollegin Elisabeth Hake seit 2005 regelmäßig zu einem Gedenkgottesdienst für tot geborene und verstorbene Kinder ein, als nächstes am kommenden Sonntag.

Inzwischen beteiligt sich die örtliche Gruppe des „Bundesverbands Verwaiste Eltern in Deutschland“ (VEID) daran. In ganz Deutschland wird es in diesem Jahr rund 150 solcher Gedenkgottesdienste geben, in Nordrhein-Westfalen etwa 30, sagt der NRW-Landesvorsitzende des Verbandes, Gerrit Gerriets. Die Aufmerksamkeit für das Thema habe deutlich zugenommen. Die meisten der Gottesdienste werden rund um den Gedenktag für verstorbene Kinder gefeiert, der weltweit am zweiten Sonntag im Dezember begangen wird. „Die Weihnachtszeit ist für Eltern und Geschwister besonders hart“, so Gerriet. Ein Gottesdienst sei gerade für Eltern, die nicht regelmäßig eine Selbsthilfegruppe besuchen, eine gute Möglichkeit, Kontakte zu anderen Betroffenen zu knüpfen. „Solche Gottesdienste bieten einen feierlichen Rahmen, um über die Kinder zu sprechen.“

Da ist die Trauer und auch die Angst, nicht normal zu sein

Die Frauen in der Paderborner SkF-Beratungsstelle wissen, dass sich beim Thema Trauer im öffentlichen Bewusstsein in der vergangenen Zeit viel getan hat. Doch immer noch hören nach ihrer Erfahrung Eltern, die ihr Kind in der Schwangerschaft verloren haben: „Ihr seid jung, Ihr könnt noch ein Kind bekommen.“ Neben der Trauer und dem Gefühl, versagt zu haben, plage die Paare die Angst, nicht normal zu sein, so Storm.

Trauer, die nicht sein darf, kann Menschen über Jahrzehnte belasten oder sich bei späteren Todesfällen Bahn brechen. Erfahrene Trauerbegleiter berichten, dass manche Witwe am Grab ihres Mannes plötzlich auch das lange verstorbene Kind beweint. Beim Paderborner Gedenkgottesdienst wird der katholische Geistliche Theodor Steinhoff dabei sein, Seelsorger in der Sankt-Vincenz-Frauen- und Kinderklinik in der Paderstadt. Die Feier solle den Eltern helfen, zur Ruhe zu kommen und sie ermutigen, nicht in Trauer zu erstarren. „Gott richtet uns auf“, sagt der Geistliche. Bei ihm gehe niemand verloren. Leben sei mehr als das irdische Leben, sagt der Priester. „Das darf man nicht verschweigen.“ Für die Erinnerung etwas zu tun, berichten Storm und Hake, sei für Eltern auch deswegen so wichtig, weil tot geborene Kinder kaum Spuren hinterließen.

Vater und Mutter hätten ein Ultraschallbild, vielleicht einen Fußabdruck – darum kümmern sich die Krankenhäuser inzwischen. Manchmal ist es aber nur eine Akte, die das Leben des Kindes bezeugt. Im Gottesdienst in Paderborn werden die Eltern ein Licht für ihr Kind anzünden. Aus den letzten Jahren weiß Hake, dass es „ein heiliger und heilender Moment“ sein wird, wenn vor dem Altar ein kleines Lichtermeer flackert: „Da sind die Kinder irgendwie präsent.“ Hinweis: Näheres unter www.verwaiste-eltern.com und www.veid.de