Würzburg

Hüter ihres Erbes

Der Nachfolger von Ruth Pfau will vor allem eines: ihren Geist in der Organisation lebendig halten.

Mervyn Lobo und Ruth Pfau
Lobo arbeitete viele Jahre mit Ruth Pfau zusammen. Foto: Harald Meyer-Porzky

Mervyn Lobo ist kein auffälliger Mann. Still wartet er vor dem Besprechungszimmer im DAHW-Zentrum Würzburg, zurückhaltend, als würde es hier gar nicht um ihn gehen. Die dunklen Augen wirken ruhig, ein wenig ernst, und doch warm und herzlich. Der 58-jährige Pakistani, verheiratet und Vater von zwei Kindern, ist Nachfolger der bekannten Lepra-Ärztin Ruth Pfau. 1962 hatte die katholische Ordensschwester im pakistanischen Karatschi das Marie-Adelaide-Lepra-Zentrum (MALC), ein Krankenhaus zur Leprabekämpfung, gegründet und mit ihrer Arbeit wesentlich dazu beigetragen, dass die Krankheit erstmals kontrolliert und geheilt werden konnte. Im Laufe der Jahrzehnte hat sie ihr Engagement auf weitere medizinische Bereiche ausgeweitet und dabei besonders die aufgesucht, zu denen kein anderer ging. 2017 ist die visionäre und mittlerweile weltweit berühmte Frau im Alter von 87 Jahren in Pakistan gestorben und mit einem Staatsbegräbnis dort beigesetzt worden.

Mervyn Lobo hat nun die Leitung des MALC inne

Die Leitung des MALC liegt nun ganz in den Händen von Mervyn Lobo. Eigentlich hatte Dr. Pfau, wie er die Ärztin immer liebevoll nennt, die Organisation bereits im Alter von 65 Jahren abgeben wollen. Doch Lobo, der damals schon eng mit ihr zusammenarbeitete, war nicht einverstanden. Pfau hatte mit der europäischen Arbeitskultur argumentiert, Lobo mit den pakistanischen Familientraditionen: „Ein Sohn kann das Haus verlassen, eine Tochter auch, wenn sie heiratet. Aber eine Mutter kann nicht gehen.“ Und Ruth Pfau, die „Mutter der Leprakranken“, ist geblieben. 2012 erst hat sie die Leitung an Lobo abgegeben. Warum sie ihn als ihren Nachfolger gewählt hat? „Er war die erste Person, die ,Nein‘ gesagt hat.“ In der Tat, Mervyn Lobos Auftreten ist von feiner Zurückhaltung, doch er ist ein Mann, der weiß, was er will. „Wir hatten viele Auseinandersetzungen“, erzählt er schmunzelnd. Zwei Menschen mit starkem Willen, aber einer gemeinsamen Vision.

Mervyn Lobo spricht nur wenig über sich. Wer etwas über seine Person erfahren möchte, muss gezielt nachfragen. Seine Aufmerksamkeit gilt ganz Dr. Pfau. Die Verehrung für diese beeindruckende Frau, die in seinen Worten zum Ausdruck kommt, ist jedoch nicht verklärend. Sie ist vielmehr das Ergebnis vieler gemeinsamer Jahre und zeigt, wie sehr sie ihn geprägt hat. Ja, die Arbeit mit Ruth Pfau hat ihn verändert. Als er 1990 angefangen hat, für das MALC zu arbeiten, war er ein anderer Mensch: „mit Freunden weggehen, Partys, dies und das…“. Mervyn Lobo hatte als Senior Auditor für die Regierung gearbeitet, als es Schwierigkeiten gab, jedoch seinen Job gekündigt und die erstbeste Stelle angenommen, die er in Karatschi hatte finden können. „Um ehrlich zu sein, ich kannte sie nicht“, erzählt er über seine erste Begegnung mit Ruth Pfau. Die erste Reise mit ihr in eine der Provinzen war der Horror für ihn. Der damals junge Mann ist in der Millionenmetropole Karatschi aufgewachsen und hat sein ganzes Leben in der Stadt verbracht. In den Bergen war es sehr kalt, der Weg gefährlich, die Umstände alles andere als luxuriös. „Ich denke, dieser Job ist nichts für mich“, sagte er zu Ruth Pfau. „Sobald ich zurück in Karatschi bin, werde ich mich nach einer anderen Arbeit umschauen.“ „Ok, ok“, meinte sie. Und nahm ihn nach drei Tagen gleich mit auf die nächste Reise, sodass ihm gar keine Zeit blieb, weiter über einen beruflichen Wechsel nachzudenken.

Mervyn Lobo und Ruth Pfau: 28 Jahre Zusammenarbeit

28 Jahre hat Mervyn Lobo mit Ruth Pfau zusammengearbeitet. 56 sogar nach seiner Rechnung, da ein Arbeitstag an ihrer Seite keine üblichen acht, sondern mindestens 16 Stunden gezählt hat. „Sie war ein Workaholic, arbeitete ohne Pause, als würde sie gegen die Zeit rennen, erledigte am liebsten alles sofort und wartete nicht auf morgen.“ Ob er auch so arbeite? „Nein“, sagt Lobo, und er denkt auch nicht, dass irgendjemand Dr. Pfau gleichkommen kann.

Seine größte Aufgabe und Herausforderung als ihr Nachfolger sieht er darin, Ruth Pfaus Geist und Andenken im MALC lebendig zu halten. Es ist ein christlicher Geist, auch wenn die Ärztin nie über Religion gesprochen hat. Im Programm arbeiten sowohl Christen als auch Muslime und Hindus und zu Beginn jeder Feier werden Texte aus allen drei heiligen Schriften rezitiert. „Dr. Pfau hat durch ihre Art und Weise zu leben gepredigt“, so Lobo, der selbst Katholik ist. Wer ihr begegnete, war berührt. Sie gab den anderen das Gefühl, wertvoll, etwas Besonderes zu sein. Wie ein Bildhauer, der im Anderen das Gute freilegt. „The last word is love“, zitiert Lobo die Ordensfrau. Die Person lieben, nicht das Problem, und den Menschen helfen, die Lösung selbst zu finden. Lobo empfindet es als große Verantwortung, diese Haltung nach dem Tod Ruth Pfaus im Programm zu bewahren und weiterzutragen. Eine wichtige Hilfe ist ihm dabei das große Team aus guten Mitarbeitern von der Organisation selbst und Kooperationspartnern. Und auch wenn Dr. Pfaus radikales Engagement nicht nur beeindruckend, sondern auch beängstigend für Lobo war – ein wenig verrückt müsse man schon sein, um für MALC zu arbeiten, schmunzelt er – steht fest: Er selbst möchte ebenfalls so lange wie möglich dabeibleiben. Das, was als berufliche Notlösung für Mervyn Lobo begonnen hatte, ist nun Inhalt seines Lebens.