Hoffnungsschimmer statt Gewalt

Zur Eröffnung der bundesweiten Adveniat-Weihnachtsaktion „Ich will Zukunft“: Jugendhilfe in Lateinamerika. Von Mareille Landau

Weihbischof Chávez bei der Essensausgabe. Foto: Achim Pohl, Adveniat
Weihbischof Chávez bei der Essensausgabe. Foto: Achim Pohl, Adveniat

Wie aus dem Nichts sind sie plötzlich umzingelt. Die zwei Jungen und der Weihbischof. Von acht breitbeinigen Soldaten mit Tarnuniform, verspiegelter Sonnenbrille und Maschinengewehr im Anschlag. „Raus mit den Ausweisen!“, ist die harsche Ansage des kleinen stämmigen Uniformierten, der den Kreis durchbrochen hat und in die Mitte getreten ist. Langsam und besonnen nickt Weihbischof Rosa Chávez jedem einzelnen Soldaten zu, mit leicht gesenktem Kopf und einem angedeuteten Lächeln. Freundlich, ohne dabei unterwürfig zu wirken, verwickelt er die Männer mit dem eisernen Gesichtsausdruck in ein Gespräch, immer mit einem wachen Auge auf die beiden Jungen. „Sie gehören zu mir, sie gehören zu der Gemeinde dort drüben“, sagt der Weihbischof und deutet auf das Kirchengebäude von San José Las Flores, wo er heute zu Besuch ist. Ein kurzes Telefonat mit der Militär-Zentrale und ein Nicken des Soldaten, das der Weihbischof zur Gelegenheit nimmt, die Situation für sich zu entscheiden. „Die Jungen sind sauber, nicht wahr?“, sagt Monsenor Chávez unaufgeregt. Er legt ihnen die Hand auf die Schulter und bahnt sich mit seinem bescheidenen und gleichzeitig Autorität vermittelnden Lächeln den Weg durch die Maschinengewehre.

Gregorio Rosa Chávez ist seit über 30 Jahren Weihbischof von San Salvador und Pfarrer der Gemeinde San Francisco im Zentrum der Stadt. „Wäre ich nicht zufällig dabei gewesen, hätten sie die Jungen in irgendeine dunkle Ecke gezerrt und geschlagen“, erzählt er und es zieht sich eine tiefe Falte über seine Stirn. Die beiden Teenager gehören zu den Jugendbanden, den Maras. Ihre Piercings und die dunkle Kleidung verraten sie. Allein die Tatsache, dass sie auf der Straße sind, genüge den Soldaten, sie zu misshandeln, erklärt der Weihbischof.

Der Priester aus dem Osten El Salvadors weiß, dass auf den Schultern dieser Jungs schon häufig schwere Verbrechen lasten. Er kennt die Gewalt, den Tod und das Leid, das die Jugendbanden in El Salvador in das Leben der Menschen bringen. Er kennt aber auch die Geschichten der jungen Menschen, die sich häufig verzweifelt, verlassen und perspektivlos den Maras zuwenden. In dem umstrittenen Friedensprozess mit den Jugendbanden setzt sich der 72-Jährige schon seit vielen Jahren als geschickter und der Jugend zugewandter Verhandlungspartner für einen Waffenstillstand ein. Auch diesen jungen Menschen müsse man eine Chance geben. Die „harte Hand“ der Politik habe gezeigt, dass Gewalt zu noch mehr Gewalt führe. Immer wieder versucht der Weihbischof, von kirchlicher Seite aus Projekte anzustoßen, die den jungen Menschen eine Ausbildung verschaffen, um sie auf diese Weise wieder in die Gesellschaft zu integrieren. „Wenn sie aber nachher keinen Job finden, landen sie sofort wieder auf der Straße“, erklärt Monsenor Chávez. Diese Perspektivlosigkeit sei das große Dilemma der Jugend von El Salvador.

Mit einem freundschaftlichen Schulterklopfen verabschiedet er sich von den Jungen und macht sich auf den Weg in einen anderen Randbezirk seiner Stadt. Auf dem Weg durch das Zentrum San Salvadors zeigt sich das Alltagsbild, das die Gewalt malt. Vor Supermärkten, Autowerkstätten und Krankenhäusern stehen private Sicherheitskräfte mit Gewehren und Patronengürteln – und mit dem Finger am Abzug. Was aussieht wie ein Ausnahmezustand, ist Alltag in der Hauptstadt eines der gefährlichsten Länder der Welt.

Aus dem Zentrum heraus wird die Straße holpriger, die Wege werden schmaler. Irgendwann rattern die Autoreifen nur noch über die zugewucherte Trasse alter Eisenbahnschienen. Rechts und links wachsen winzige Hütten aus Wellblech und alten Plastikplanen aus den Büschen. In einer dieser kleinen Hütten wohnt Blanca Yamileth Rumaldo Rodríguez. Die 17-Jährige aus sehr armen Verhältnissen ist eine der fleißigsten Schülerinnen, die in die Nachmittagsschule kommen, die der Bischof zusammen mit den „Barmherzigen Schwestern“ in seiner Gemeinde gegründet hat – die „Escuelita“, die kleine Schule.

Blancas Zuhause besteht aus einem einzigen Raum, den sie sich mit ihrer Großmutter teilt. Ihre Eltern sind tot, die Geschwister bei anderen Verwandten untergebracht. Einen Rückzugsort gibt es hier genauso wenig wie Strom oder fließendes Wasser. Die kleine Hütte hat ihre eigene Ordnung, die auch Monsenor Chávez feinsinnig erkennt. Er deutet auf einen kleinen Stapel Bücher, der auf dem Steinsims über dem Bett liegt. „Ah, das ist deine Bibliothek, nicht wahr, Blanca?“ Stolz nickt die Schülerin und streicht mit der Hand über eines der sichtbar häufig gelesenen Bücher. „Die Gemeinde hilft mir sehr. Ohne die Unterstützung könnte ich mir das Schulmaterial und die Uniform nicht leisten“, erzählt Blanca. Monsenor Chávez sei für sie wie ein Freund. „Er ist jederzeit für uns da, wenn wir ein Problem haben. Er hat immer ein offenes Ohr und er findet immer eine Lösung“, sagt Blanca. Er sei ein Vorbild für die jungen Menschen und schenke ihnen den Mut zum Glauben und das Vertrauen in ihre Fähigkeiten.

Im Zentrum der Stadt ist das Gelände von San Francisco, seiner Gemeinde, die von Adveniat unterstützt wird, von einer hohen Mauer umgeben und mit einer Stahltür verschlossen. Der Weihbischof begrüßt die Jugendlichen, die in den Räumen der „Escuelita“ an ihren Tischen sitzen und lernen. Er begrüßt jeden Einzelnen, sieht sich die Aufgaben und die Hefte an und nimmt sich Zeit, den stolzen kleinen Gesichtern, die freudig zu ihm hinaufschauen, ein liebevolles Wort zu schenken.

„Die Kinder wachsen hier in sehr schwierigen Verhältnissen auf“, erklärt Monsenor Chávez. „Es gibt viele alleinerziehende Mütter, viel Gewalt und viel Missbrauch“, schildert er die Realität der Familien. „Die ,Escuelita‘ ist mehr als eine Nachmittagsschule. Hier bei den Schwestern fühlen sich die Jugendlichen geliebt, respektiert und begleitet. Hier spürt man das Evangelium.“

Schwester Reyna Angelica Zelaya arbeitet seit 18 Jahren mit dem Weihbischof zusammen. „Was Monsenor Chávez predigt, das lebt er auch“, sagt die Ordensfrau sichtlich berührt von der bescheidenen Persönlichkeit des Weihbischofs. „Er ist ein gradliniger, aufrichtiger Mann, der sich furchtlos für die Menschen einsetzt“, weiß sie. Häufig sei er der Einzige, den die Banden als Verhandlungspartner akzeptierten und der sich auch nicht scheue, in die Gefängnisse hineinzugehen und mit den Mara-Chefs den Dialog zu suchen, wenn die Regierung sich schon lange quergestellt hat.

„Sich für die Jugend in El Salvador einzusetzen heißt auch, missverstanden, attackiert oder manchmal sogar verfolgt zu werden“, erklärt der Weihbischof. Das habe ihm sein Wegbegleiter Oscar Romero in überzeugender Weise vorgelebt. Er habe immer gesagt: „Ich muss bei dem Volk sein und wie das Volk leben.“ Nie habe er irgendeine Form von Schutz akzeptiert. „Und das ist eine Lektion, die auch ich gelernt habe“, erklärt Monsenor Chávez. Seine größte Motivation dabei sei, dass er an die Jugendlichen glaube. „Aber momentan sehen viele dieser jungen Menschen keinen Hoffnungsschimmer am Horizont, und das ist schlimm. Wir müssen diesen Jugendlichen Gründe geben, um zu glauben, um zu kämpfen und um zu leben.“