Härte statt Humanismus

In Schwedt (Brandenburg) internierte die DDR ihre renitenten Soldaten – unter unmenschlichen Bedingungen. Von Benedikt Vallendar

Mahnmal: Einer der rekonstruierten Wachttürme der Strafanstalt. Foto: Gedenkverein Schwedt
Mahnmal: Einer der rekonstruierten Wachttürme der Strafanstalt. Foto: Gedenkverein Schwedt

Seinen vollständigen Namen will Erwin nicht in der Zeitung lesen. Denn noch immer quält ihn die Angst vor früheren Aufsehern. Wie sie ihn und seine Kameraden mit Reitpeitschen, Morgenappellen und Kniebeugen schikaniert haben. Als 19-jähriger, kurz nach Beginn seines Rekrutendienstes in der Nationalen Volksarmee (NVA), war Erwin für mehrere Monate in Schwedt inhaftiert gewesen. Heute ist er Empfangschef in einem Berliner Nobelhotel. Warum Erwin in Haft kam? „Wegen Auseinandersetzungen mit Menschen, die meinten, Macht über mich zu besitzen“, so formuliert er es.

So humanistisch sich die DDR-Propaganda gerne gab, so brutal führten sich ihre systemtragenden Kräfte im Innern gegen Andersdenkende auf. Bei Erwin ging es um einen unaufgeräumten Spind, schmutzige Stiefel – und Broschüren der West-CDU, die man bei ihm gefunden hatte. Erwin kommt aus einem christlichen Elternhaus und hatte aus seiner ablehnenden Haltung zum Sozialismus, will sagen: zu den diktatorisch-politischen Verhältnissen in der DDR nie einen Hehl gemacht. Erwin war ein Rebell, ein renitenter Rekrut, der sich nicht anpasste und regelmäßig mit Vorgesetzten und Politoffizieren aneinandergeriet.

Kritik im Keim ersticken

Irgendwann landete Erwin dann im brandenburgischen Schwedt, im berüchtigten Militärstrafvollzug der DDR, unweit der Grenze zu Polen. Ohne Gerichtsverfahren sperrte der SED-Staat dort Soldaten ein, die sich vermeintlicher Vergehen gegen die sozialistische Ordnung schuldig gemacht hatten; wobei es schon genügte, Briefkontakt zu westdeutschen Parteien, Organisationen oder Einzelpersonen gehabt zu haben, um des Straftatbestands der „ungesetzlichen Verbindungsaufnahme“ bezichtigt zu werden. In der DDR war das ein Verbrechen.

„Wer nicht pariert, ab nach Schwedt“, das bekam jeder Rekrut schon am ersten Tag seiner Dienstzeit zu hören. Und half, die Gefechtsbereitschaft der NVA hochzuhalten. Die Angst, in Schwedt zu landen, hielt die meisten Rekruten davon ab, aus der Reihe zu tanzen, Befehle zu verweigern oder in Briefen ihren Frust abzureagieren.

„Aus kritischen Briefen, von denen die Staatssicherheit über ihre Abteilung M, die Postkontrolle, Wind bekam, ließen sich leicht politische Gesinnungsstraftaten ableiten“, sagt die Berliner Autorin Jenny Krämer. Waren die Verfasser der Briefe Soldaten, war die Verbringung nach Schwedt oft nur eine Frage der Zeit. Es habe im Militärstrafvollzug der DDR jedoch auch gewöhnliche Kriminelle gegeben, die es im Sozialismus nicht geben durfte und dennoch gab, sagt Krämer. „Am Ende ihrer Armeezeit landeten diese Soldaten dann oft im normalen Vollzug, wo sie das Ministerium für Staatssicherheit manchmal als inoffizielle Mitarbeiter rekrutierte“.

Viele Kommandeure machten von ihrer Möglichkeit Gebrauch, widerspenstige Soldaten nach freiem Ermessen für bis zu drei Monate in Schwedt zu internieren, ohne dafür jemanden um Erlaubnis zu fragen. Hinzu kam: Die in Schwedt abgesessene Zeit musste später „nachgedient“ werden. Besonders rigoros ahndete die DDR-Justiz politische Vergehen. Wer etwa öffentlich den Führungsanspruch der SED in Frage stellte, begab sich auf gefährliches Terrain, und noch riskanter war es, wenn man dies als Uniformträger tat. „Denn die Partei wusste, dass ihre Macht allein auf den bewaffneten Organen fußte“, sagt Jenny Krämer. Dort griff sie dann besonders hart durch, um mögliche Brandherde des Aufbegehrens gegen die SED-Herrschaft schon im Keim zu ersticken. „Wir hatten einen Sechzehnstundentag“, erinnert sich Erwin an seine Zeit in Schwedt, acht Stunden Arbeit in einem Betonwerk und anschließend nochmal acht Stunden militärische Ausbildung, egal bei welchem Wetter.

Das Areal am Schwedter Stadtrand, in dem Erwin vor dreißig Jahren rund um die Uhr, manchmal auch nachts kujoniert wurde, ist heute ein Gewerbegebiet, wo unter anderem hochwertige Sonnenkollektoren hergestellt werden. Kaum etwas erinnert an die frühere Nutzung des Geländes. Es gibt weder eine Hinweistafel noch irgendein Mahnmal zum Gedenken an die Opfer. „Vielen Offiziellen ist der frühere Militärknast ein Dorn im Auge“, sagt Erwin. PR-technisch würden die Rathausoberen ihre Stadt lieber mit der lebendigen Theaterszene oder den engen Beziehungen zu polnischen Nachbarstädten östlich der Oder in Verbindung bringen, aber eben nicht mit dem früheren Armeeknast im Gewerbegebiet.

Erst Ende April 1990 wurden dort die letzten Gefangenen entlassen. Offiziell waren sie zu DDR-Zeiten in „Militärstrafgefangene“, „Strafarrestanten“ und „Disziplinarbestrafte“ unterteilt gewesen, was im Gefängnisalltag jedoch kaum eine Rolle spielte. Denn hatten sich die Tore erst einmal hinter einem Häftling geschlossen, erwartete alle Insassen das gleiche Schicksal, bestehend aus Drill, harter Arbeit und oft ungenießbarem Essen.

Stinkende Kohlsuppe, muffiges Brot

Noch heute schaudert es Erwin, wenn er an die stinkende Kohlsuppe, das muffige Brot und den lauwarmen Hagebuttentee denkt, der den Gefangenen alle zwei Tage verabreicht wurde. „Ich kenne Konzentrationslager eigentlich nur aus Filmen und Büchern“, sagt Erwin. Und doch kämen seine Erlebnisse im DDR-Militärstrafvollzug dem dort Geschilderten in vielem sehr nahe, sagt er. So etwa die engen, oft überbelegten Zellen, fehlendes Warmwasser und der sehr eingeschränkte Kontakt zu Familien und Freunden. Ganz zu schweigen von den vielen kleineren und größeren Schikanen, die den Alltag in Schwedt zur Hölle machten.

Und dennoch schwiegen nach der Entlassung viele Insassen über ihre Zeit im Militärstrafvollzug. Auch, weil sie oft Jahre brauchten, um Erinnerungen wieder zuzulassen. „Hier wurde permanent gebrüllt und geschrien. Und man war immer im Laufschritt unterwegs“, erinnert sich Detlef Fahle, der 1983 mehrere Monate in Schwedt einsaß. Seine Erinnerungen und die anderer ehemaliger Insassen sind heute im Stadtmuseum als Audio-Datei zu hören. Fahle war in Schwedt gelandet, weil er die Truppe verlassen hatte, nachdem ein Fähnrich ihn nachts betrunken mit der Waffe bedroht hatte. Die früheren Gefängnisbaracken sind längst abgerissen oder verwaist. Heute steht vom früheren Militärgefängnis nur noch der Verwaltungstrakt, in dem obdachlose Männer hausen. Einige von ihnen sollen ehemalige Häftlinge sein.