Größtes Flüchtlingslager soll geschlossen werden

Schicksal von 192 000 Kindern im Nordosten Kenias ist ungewiss. Von Robert Luchs

Würde mit Dadaab im Nordosten Kenias eines der größten Flüchtlingslager weltweit geschlossen, dann sei das Schicksal von rund 192 000 Kindern völlig ungewiss: Davor warnt das Kinderhilfswerk World Vision. Mit ihren Familien sind die meisten dieser Kinder aus Somalia geflohen, oder sie wurden bereits in dem vor 25 Jahren eingerichteten Lagerkomplex Dadaab geboren, wo sie so gut wie keinen Außenkontakt und wenig Bildungschancen hatten.

Die von der kenianischen Regierung für spätestens November angekündigte Schließung des Lagers Dadaab wegen Terrorgefahr entließe vor allem die Kinder in ein Leben der Unsicherheit, sofern die Umsiedlung nicht mit nachhaltigen Hilfen und ausreichenden Schutzmaßnahmen verbunden ist, befürchtet das Hilfswerk. Gegenüber Mitarbeitern von World Vision haben viele Lagerbewohner erklärt, unter den derzeitigen Umständen nicht in ihre Heimat Somalia zurückkehren zu wollen. Eine erneute Flucht in die Nachbarländer oder auch nach Europa könnte die Folge sein.

In Kürze will das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) Pläne für die Umsiedlung der Flüchtlinge im Nordosten Kenias vorlegen. World Vision leistet Nahrungsmittelhilfe für über 100 000 Menschen im Dadaab-Komplex, der aus fünf Lagern besteht und ursprünglich nur vorübergehend 90 000 Menschen beherbergen sollte. Zehntausende Flüchtlinge wurden bereits dort geboren, können das Lager aber ohne eine spezielle Genehmigung oder Arbeitserlaubnis nicht verlassen. Die Bildungsmöglichkeiten im Lager sind begrenzt, es gebe aber viele kleine Unternehmen, und engagierte Jugendgruppen haben organisatorische Aufgaben übernommen.

Die Lage in Somalia soll sich nach Einschätzung der Vereinten Nationen zwar verbessert haben, sie könne sich aber jederzeit wieder ändern. Ali (45), Vater von neun Kindern in Dadaab, sieht eine Rückkehr nach Somalia mit großer Skepsis: „Ich fürchte, dass meine Kinder dort keine Bildung bekommen und dass sie durch terroristische Gruppen radikalisiert werden könnten.“ Margaret Schuler, Regionaldirektorin von World Vision für Ostafrika, erklärt zur angekündigten Schließung von Dadaab: „Die kenianische Regierung steht ähnlich wie die Länder im Nahen Osten, die auf die Syrienkrise reagieren müssen, vor großen Herausforderungen.“ Gemeinsam müsse dafür gesorgt werden, dass Flüchtlinge nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.