Jerusalem/Israel

Geschichte hinter Gittern

Noch immer gibt es keinen Zugang zur marianischen Nea-Kirche in Jerusalem.

Yonathan Mizrachi
Der Archäologe Yonathan Mizrachi vor dem verschlossenen Zugang zur Nea-Kirche. Foto: Steiner

Weder der Denkmalschutz noch die öffentliche Präsentation dieser Stätte sind beeindruckend“, sagt Yonathan Mizrachi und zeigt über das Geländer. Einige Meter unter ihm sieht man an der Jerusalemer Altstadtmauer ein Gemäuer aus der byzantinischen Zeit, Müll, etwas wachsendes Unkraut, ein querverlaufendes Rohr und ein mit den Augen aus der Ferne nur schwer zu lesendes, verblasstes Schild: „Die südliche Apsis der Nea-Kirche“.

Hier am südlichen Rand des Jüdischen Viertels liegen die Ruinen der größten und bedeutendsten byzantinischen Kirche Jerusalems. Ihr Großteil liegt heute unter einem Freizeitgelände und einem Parkplatz verborgen. Der Eingang zu den noch erhaltenen großen, heute unterirdisch liegenden Gewölben ist mit einem Gitter verschlossen, an dem ein gut lesbares Schild hängt: „Kein Zugang“.

Schutz des Kulturerbes aller Gemeinschaften, Religionen und Völker

Yonathan Mizrachi ist ein israelischer Archäologe mit einem kritischen Blick auf die Situation in Jerusalem. Er betont ausdrücklich, dass er „kein gläubiger Mensch“ ist und er beschreibt die Stadt als einen Ort voller Spannungen und Hass. Aber er glaubt daran, dass Archäologie ein mächtiges Werkzeug ist, um die Diversität der Stadt in ihrer Geschichte auch in der Gegenwart sichtbar zu machen.

Die heute sichtbaren Ruinen verdeutlichen für ihn den „pluralistischen Charakter“ der Stadt und ihren „Multikulturalismus“. Diese Grundidee bestimmt die Arbeit der von ihm gegründeten und geleiteten Organisation „Emek Shaveh“. Ihr erklärtes Ziel ist es, das Kulturerbe aller Gemeinschaften, Religionen und Völker in Jerusalem, in Israel und im Westjordanland als öffentliches Gut zu schützen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass er und seine Organisation vehement dem politischen Trend entgegentreten, die Ruinen der Vergangenheit als politisches Instrument im israelisch-palästinensischen Konflikt zu missbrauchen.

„Archäologische Funde erzählen eine komplexe Geschichte, die unabhängig von religiösen Diktaten und Traditionen ist“

„Archäologische Funde erzählen eine komplexe Geschichte, die unabhängig von religiösen Diktaten und Traditionen ist“, so lautet Yonathan Mizrachis feste Überzeugung. „Diese Geschichte zu hören und sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, kann unsere Kultur bereichern und Werte wie Toleranz und Pluralismus fördern.“ Aus diesem Grund setzt sich „Emek Shaveh“ auch dafür ein, dass die sogenannte Nea-Kirche der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, so dass dieser christliche Ort im jüdischen Viertel wieder ins Geschichtsbewusstsein der dort Wohnenden gerückt wird und die christliche Vergangenheit nicht mehr hinter einem Gitter verschlossen ist.

Bedeutendes Bauwerk des byzantinischen Kaisers Justinian

Nachdem 1967 die israelischen Verteidigungskräfte die Jerusalemer Altstadt erobert hatten, entstanden erste Pläne, das jüdische Viertel innerhalb der Stadtmauern nach Süden zu vergrößern. Bei den archäologischen Voruntersuchungen in den 70er Jahren entdeckten dann israelische Archäologen eines der bedeutendsten Bauwerke des byzantinischen Kaisers Justinian, das in seiner Zeit die Ruinen des jüdischen Tempels als auch die Grabeskirche in den Schatten stellen sollte. Der zeitgenössische Historiker Prokopius von Cässarea schrieb über diesen Kirchenbau: „In Jerusalem weihte Justinian der Gottesmutter ein Heiligtum, mit dem man kein anderes vergleichen kann.“

Die meisten Kirchen in Jerusalem markierten in der damaligen Zeit Orte der Heilsgeschichte, aber dieser Bau war eine architektonische Umsetzung des auf dem Ökumenischen Konzil von Ephesus im Jahre 431 festgeschriebenen Dogmas von Maria als Gottesmutter. Am 20. November 543 wurde sie als „Neue Kirche der Gottesmutter“ eingeweiht und aus dem griechischen Wort für „neu“ leitet sich ihr schon damals im Volksmund verkürzter Name ab.

Das Heiligtum schwebt teils in der Höhe

Zu dem Bauwerk gehörte eine Herberge, ein Spital und ein Kloster. Die Ausmaße der Kirche waren gewaltig: vermutlich war sie 147 Meter lang und 52 Meter breit. In der damals schon dicht bebauten Stadt gab es nur wenig Platz, weshalb am südlichen Rand an einem Hügel mit einem steilen Abhang Stützstrukturen gebaut wurden, um genügend Platz für den Kirchbau gewinnen zu können, die Prokopius mit Bewunderung beschrieb: „So steht das Heiligtum teils auf festem Felsengrund, teils schwebt es in der Höhe, nachdem des Kaisers Macht den Hügel erweitert hat.“ Mit der Grabeskirche wurde die Nea-Kirche durch eine repräsentative Säulenstraße verbunden. Aber topografisch überragte die Nea-Kirche sowohl den Ort der Auferstehung Jesu als auch den in der damaligen Zeit verwahrlosten, in Ruinen liegenden Tempelberg. Prokopius berichtet, dass der Kaiser befahl, die Kirche auf dem höchsten Hügel zu errichten.

Der in Heidelberg lehrende Althistoriker Kai Trampedach nimmt einen direkten Zusammenhang zwischen der Weihe der Nea-Kirche und dem ab der Mitte des 6. Jahrhunderts in Jerusalem eingeführten, am 21. November gefeierten Fest „Mariae Tempelgang“ an, das an der Nea-Kirche begangen wurde. Das Fest erinnert an die im Protoevangelium des Jakobus erzählte Präsentation Mariens im Tempel, als sie drei Jahre alt war und ihren neun Jahre andauernden Aufenthalt dort. Zu diesem Fest gehören bis heute Hymnen, die Maria als „beseelten Tempel“ und als „gottaufnehmenden Tempel“ besingen.

Die Nea-Kirche als neuer, besserer Tempel Jerusalems

Daher kommt er zu dem Schluss: „Die Nea überragt den Tempel nicht nur physisch; indem sie, wie ihre liturgische Integration in das Kirchenjahr deutlich macht, der Theotokos als dem wahren, dem eigentlichen nicht von Menschenhand gemachten Tempel Gottes geweiht ist, übertrifft sie ihn auch theologisch. Damit ist die Nea nicht nur die neue Marienkirche Jerusalems, sondern sie ist in gewisser Weise auch der neue, bessere Tempel.“

Doch ohne eine direkte Verbindung zu einem der Orte der Heilsgeschichte geriet die Nea-Kirche im Laufe der Geschichte in Vergessenheit. 614 wurde Jerusalem durch die Perser erobert und die Kirche wurde stark beschädigt. Bis zum frühen 9. Jahrhundert gibt es noch Quellen, die von einer teilweisen Benutzung der Kirche berichten. Danach verschwand sie endgültig aus der sakralen Landschaft Jerusalems – bemerkenswerterweise ging dieser Prozess einher mit dem Bau des Felsendoms und der Al-Aqsa-Mosche auf dem Tempelberg als einer Art neuer salomonischer Tempel des Islams. Erst die Ausgrabungen des israelischen Archäologen Nahman Avigad, die 1981 endeten, brachten die Überreste dieses theologischen Prachtbaus wieder ans Tageslicht.

Der Erhalt und die Öffnung der Nea-Kirche ist keine Geldfrage, sondern eine Frage nach Prioritäten. Das Geld ist da, der Wille fehlt“.

Wenn man heute durch das Gitter sieht, das den Großteil der Ausgrabungen versperrt, sieht man, dass damals in den 80er Jahren bereits Baumaßnahmen zur touristischen Erschließung der Ruinen vorgenommen wurden. Doch bis heute kann man nur „mit viel Glück“, wie Yonathan Mizrachi betont, hinter das Gitter gelangen. Für das gesamte Gebiet des jüdischen Viertels ist ein staatliches Unternehmen zuständig, dessen Aufgabe der Wiederaufbau und die Weiterentwicklung des Jüdischen Viertels ist – wer das Gitter aufschließen möchte, muss dort um den Schlüssel bitten. Anfang des Jahres hat Emek Shaveh öffentlich gefordert, dass die Ruinen zugänglich gemacht werden sollen. Darauf reagierte das Unternehmen mit der unverbindlichen Zusage, dass man sich mit der Anfrage befassen werde. Yonathan Mizrachi bleibt jedoch skeptisch. Er verweist darauf, dass ebenso Anfang des Jahres die Intention der Regierung bekannt wurde, 52 Millionen Euro in das Jüdische Viertel der Altstadt zu investieren. „Der Erhalt und die Öffnung der Nea-Kirche ist keine Geldfrage, sondern eine Frage nach Prioritäten“, sagt er skeptisch und fügt hinzu, „das Geld ist da, der Wille fehlt“.

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