Gedemütigt im Jugendwerkhof

Heidemarie Puls erlitt Heimerziehung in der DDR – Schreckensort Torgau. Von Josefine Janert

Schrieb sich in einem Buch über ihre DDR-Heimerfarung alles von der Seele: Heidemarie Puls. Foto: Janert
Schrieb sich in einem Buch über ihre DDR-Heimerfarung alles von der Seele: Heidemarie Puls. Foto: Janert

Torgau (DT) Wenn sie über ihre Vergangenheit redet, bricht Heidemarie Puls immer wieder in Tränen aus. Fassungslos machen die 1957 geborene Frau aus Mecklenburg vor allem ihre Erlebnisse im Geschlossenen Jugendwerkhof von Torgau in der damaligen DDR. Im Frühling 1974 musste sie drei Monate dort verbringen. Sie durchlitt körperliche und seelische Gewalt und Demütigungen. Sogenannte Erzieher prügelten auf Jugendliche ein, wenn sie etwa das tägliche Sportprogramm nicht durchhielten. Die Toiletten hatten keine Trennwände – die Aufseher schauten den Insassen zu, wenn sie sie benutzten.

„Als ich viele Jahre später einmal versuchte, nach Torgau zurückzukehren, musste ich am Ortsschild umdrehen und zurückfahren“, sagt Heidemarie Puls. Zu stark belasteten sie ihre Erinnerungen. Seit vielen Jahren ist die Mutter von drei Kindern in psychotherapeutischer Behandlung. Sie hat ihre Angstzustände immerhin so in den Griff bekommen, dass sie ein einigermaßen normales Leben führen kann. Trotzdem – einer Berufstätigkeit nachgehen kann sie nicht. Sie lebt von einer Rente.

Arrest im Kellerverlies

Torgau ist eine sächsische Stadt mit knapp 20 000 Einwohnern. Kinogängern ist der Name vielleicht aus dem preisgekrönten Film „Barbara“ ein Begriff, der gerade läuft. Er handelt von einer Ärztin, die 1980 in der DDR einen Ausreiseantrag stellt und daraufhin in die Provinz strafversetzt wird. In ihr Krankenhaus wird ein Mädchen eingewiesen, das aus eben jenem Jugendwerkhof in Torgau geflohen ist. Jugendwerkhöfe – das waren Einrichtungen der Jugendhilfe, in denen 14- bis 18-Jährige diszipliniert werden sollten. Eingewiesen wurden Jugendliche, die kleine Straftaten begangen hatten, die mit abweichenden politischen Ansichten aufgefallen waren oder aus einer Familie mit sozialen Problemen stammten, eine schwierige Mischung. Gegen Ende der DDR gab es 32 Jugendwerkhöfe. Der in Torgau war der schlimmste. Die hässlichen Gebäude an der Elbe waren zuvor als Gefängnis genutzt worden – erst von der nationalsozialistischen Gestapo und nach 1945 vom sowjetischen Geheimdienst. Hinter die meterhohen Mauern mit dem Stacheldraht kam nun, wer in den anderen Jugendwerkhöfen unangenehm aufgefallen war. Drei bis sechs Monate lang sollten diese jungen Menschen mit extra schwerem Drill auf Kurs gebracht werden.

Über die Gründe, aus welchen von 1964 bis 1989 ungefähr 4 000 Jugendliche in Torgau eingewiesen wurden, informiert heute eine Gedenkstätte: Der 16-jährige Karsten R. etwa hat in der Diktion der damaligen Machthaber „sein Vorhaben, zu seinem leiblichen Vater in die Bundesrepublik zu kommen, nicht aufgegeben“. Die 15-jährige Heike F. „äußerte die Meinung, von euch roten Brüdern würde sie sich ihre menschliche Würde nicht nehmen lassen“. Die 16-jährige Diana H. „ordnet sich nicht ins Kollektiv ein, droht ständig mit Suizid und nutzt jede Gelegenheit zur Entweichung“. Mit letzterem Wort bezeichneten die Bürokraten die Fluchtversuche der Jugendlichen.

Die Odyssee von Heidemarie Puls begann, als ihr alkoholkranker Stiefvater sie sexuell missbrauchte. Die Schülerin versteckte sich, schwänzte die Schule. Sie wurde in ein Kinderheim eingewiesen, wo die Jugendlichen sich an kleineren Kindern vergingen. Heidemarie versuchte mehrfach, zu „entweichen“ – und kam daher nach Torgau.

Dort begann der Tag um 5.30 Uhr mit Frühsport. Er sah vor allem Arbeit, Sport und politische Beeinflussung vor. Die sogenannte Freizeit, so erinnert sich Puls, bestand darin, dass sie DDR-Zeitungen lesen und den Inhalt des Gesagten zusammenfassen musste. Wenn das Gesagte nicht den Vorstellungen der sogenannten Erzieher entsprach, setzte es Strafen, etwa Arrest. Dazu wurden die Opfer in ein abgedunkeltes Kellerverlies gebracht. Dorthin kam auch, wer das Schweigegebot brach, das für viele Stunden des Tages galt. Eine Privatsphäre hatten die Jugendlichen nicht. Sie besaßen keine Bücher, hörten keine Musik. Frische Unterwäsche wurde ihnen zweimal in der Woche zugeteilt, mittwochs und sonnabends. Wenn die Mädchen Damenhygiene benötigten, mussten sie ihre sogenannten Erzieher um jedes einzelne Stück bitten.

Für die pubertierende Heidemarie waren solche Demütigungen noch schrecklicher als die Schläge. Obwohl es sie so viel Überwindung kostet, hat sie sich ihrer Vergangenheit gestellt. Sie hat das Buch „Schattenkinder hinter Torgauer Mauern“ verfasst und engagiert sich im Verein „Heimkinder Ost“. Parallel zu den Menschen, die in der Bundesrepublik Gewalt in Kinderheimen erdulden mussten, setzten sich auch ehemalige DDR-Bürger für Wiedergutmachung ein. Mit Erfolg. Am 26. März, dem vergangenen Montag, teilten Vertreter des Bundesfamilienministeriums und des Bundesinnenministeriums in Berlin mit, dass zum 1. Juli der Fonds „Heimerziehung in der DDR in den Jahren von 1949 bis 1990“ eingerichtet wird. Dafür stehen 40 Millionen Euro zur Verfügung. Mit dem Geld sollen Beratungsstellen finanziert werden. Die Mitarbeiter helfen Opfern dabei, ihre Lebensgeschichten aufzuarbeiten, ihre Akten zu suchen und Zugang zu Hilfeleistungen und Rentenersatzleistungen aus dem Fonds zu bekommen.

Leid endlich anerkannt

Die Jugendwerkhöfe fallen als „Spezialheime“ auch unter die neue Regelung. Laut dem Bericht „Aufarbeitung der Heimerziehung in der DDR“, der ebenfalls am 26. März vorgestellt wurde, wurden in den Jugendwerkhöfen die Menschenrechte verletzt und den Betroffenen Bildung verweigert. Heidemarie Puls ist froh über die Anerkennung ihres Leidens. Als sie am Tag nach der Veröffentlichung des Berichts in Torgau als Zeitzeugin vor Jugendlichen spricht, sagt sie:„Ich wünsche mir, dass so etwas nicht noch einmal geschieht.“ Die 16- bis 25-Jährigen, vor denen sie redet, machen beim Arbeiter-Samariter-Bund ihr Freiwilliges Soziales Jahr. Sie sind in Altenheimen, Schulen und bei einem Fahrdienst tätig, der behinderte Menschen befördert. Der Projekttag in der Torgauer Gedenkstätte gehört zu einer Woche der politischen Bildung, die sie gemeinsam erleben. „Mit der DDR habe ich mich bislang nicht beschäftigt“, sagt eine Frau, Jahrgang 1986. „Im Geschichtsunterricht habe ich kaum etwas darüber gehört.“

Info

Erinnerungs- und Begegnungsstätte im ehemaligen Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau, Fischerdörfchen 15, 04860 Torgau, Telefon: 0 34 21/71 42 03, dienstags bis freitags 10 bis 12 und 14 bis 17 Uhr, samstags und sonntags nach Vereinbarung, Eintritt und Führungen für Schulklassen und Gruppen kostenlos. Im Internet: jugendwerkhof-torgau.de, heidemarie-puls.de

Buchtipp: Heidemarie Puls: Schattenkinder hinter Torgauer Mauern. 243 Seiten, Rinck Verlag, 2009, ISBN-13: 978-3981126235, EUR 14,95

Infotelefon für Betroffene der „Heimerziehung in der DDR“: 08 00/1 00 49 00