Ganz in weiß

Der Karneval auf der Kanareninsel La Palma folgt einer jungen Tradition. Von Nicolas van Ryk

Weißer Karneval auf der Plaza Espania in Santa Cruz de la Palma auf La Palma. Foto: van Ryk
Weißer Karneval auf der Plaza Espania in Santa Cruz de la Palma auf La Palma. Foto: van Ryk

Die Menge wartet und wabert. Überall wirbelt weißes Talkumpuder durch die Luft. Dicht gedrängt haben sich Hunderte auf der Plaza Espana, dem Rathausplatz in La Palmas Inselhauptstadt Santa Cruz, eingefunden. Zwölf ist schon vorbei und allmählich wird das Warten zur Last. Liebespäarchen drücken sich, küssen einander. Eine wogende Masse weiß gekleideter Palmeros sehnt sich nach „La Tomasa Negra“. Zwanzig nach zwölf hat das Warten, auch „La Espera“ genannt, auf die Tomasa ein Ende. Groß, pompös, pechschwarz und mit knallrotem Dutt sticht die Tomasa aus dem weißen Menschenmeer heraus. Auf der Kanareninsel La Palma ist diese Kubanerin so etwas wie Karnevalsprinz, Prinzessin und Elferrat in einem. Sie ist der uneingeschränkte Star des Karnevals und die Hauptperson des Rosenmontags. Und dieser Tag ist der „Dia de Los Indianos“, also der „Tag der Indianer”. Dann feiern und parodieren die Palmeros reich gewordene Rückkehrer aus Lateinamerika, die vorwiegend aus Venezuela und Kuba kamen. Die wirtschaftliche Not der Insel hat in Wellenbewegungen immer wieder junge Menschen nach Übersee getrieben und dort haben sie ihr kommerzielles Glück gemacht. Dieser Wirtschaftstraum wird am Rosenmontag parodiert und jung und alt kleiden sich ganz in nobles Weiß.

Ein schöner Traum von Wohlstand und einmalig auf den sieben Kanareninseln. Während etwa auf Teneriffa am Rosenmontag ein Umzug durch die gleichnamige Hauptstadt rollt, der dem aus dem brasilianischen Rio mit seinen Prachtkostümen ähnelt, feiert die Insel La Palma ihre eigenen Leute als erfolgreiche Rückkehrer.

„Das war nicht immer so. Während der Franco-Zeit waren Straßenfeste als Störung der öffentlichen Ordnung unerwünscht oder sogar verboten“, erinnert sich Victor Lorenza Diaz Molina. Der 74-Jährige wuchtige Rentner mit rundem Gesicht und Doppelkinn hatte 1980 eine Bardame aus Santiago de Cuba zu sich eingeladen und sie 1987 selbst besucht. Diese Frau war die Inspiration für die heutige Hauptfigur des Karnevals. Und weil er nun mal selber gerne feiern wollte, hat er die Frauenrolle gleich mit übernommen und ist heute die echte, imitierte „Negra Tomasa“. Fünf Kilogramm wiegt sein feminines Kostüm. „Im vergangenen Jahr habe ich in diesem Aufzug 13 Stunden lang getanzt”, verkündet Molina. Damit ist die Figur der Tomasa im palmerischen Karneval eine sehr junge Tradition.

Rund um den Indianertag gibt es weitere Aktionen des zumeist frühlinghaften Straßenkarnevals. Doch der Rosenmontag ist der Höhepunkt. Tausende feiern bis tief in die Nacht und machen aus Santa Cruz eine Ciudad Blanca ganz in weiß gehüllt. Die weiße Kleidung hat den Vorteil, dass das verstreute Talkumpuder nicht so auffällt. Zum Glück ist Talk im Allgemeinen weder haut- noch augenreizend und auch Allergien davon sind bisher nicht bekannt. 13 Tonnen des Mineralpulvers wurden allein in Santa Cruz auf den Straßen verstreut und erst ein Regen danach reinigt die Stadt von der weißen Puderpracht. Verschiedene Theorien ranken sich um das Verstreuen des Polvos. Eine verdorbene Ladung Mehl soll einmal im Hafen gelöscht worden sein oder es soll ein Brauch schwarzer Kubaner sein, die einmal Weiße sein wollten. Passender ist, dass Heimkehrer aus Lateinamerika mit einer weißen Substanz eingerieben wurden, um das Verbreiten tropischer Krankheitserreger auf La Palma zu vermeiden.

Die vielen Jugendlichen feiern am Rosenmontag selbstvergessen und ausgiebig, aber am Aschermittwoch holt sie die Realität wieder ein. Derzeit ist die Hälfte der unter 25-Jährigen arbeitslos und einige der zumeist gut ausgebildeten, teilweise studierten jungen Menschen wandern erneut aus. Viele davon gehen nach Deutschland. Als Rückkehrer wird man sie dann „Die Deutschen“ nennen und eventuell wird dann der Rosenmontag als „Dia de Los Alemanes“ gefeiert werden. Mit Sauerkrautschlacht und Mercedessternen auf der Stirn.