Fussball-EM: Anpfiff

Im elften Buch der „Confessiones“ stellt sich der Kirchenvater Augustinus die Frage „Was ist Zeit?“ Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als solche nicht existieren. Denn: „Wie kann man sagen, dass die vergangenen und zukünftigen Zeiten sind, da doch die vergangene schon nicht mehr und die zukünftige noch nicht ist? Die gegenwärtige aber, wenn sie immer gegenwärtig wäre und nicht in Vergangenheit überginge, wäre nicht mehr Zeit, sondern Ewigkeit.“ Wie recht Augustinus mit dieser Einschätzung hat, zeigt sich besonders beim Fußball. Die drei deutschen Titelgewinne bei Weltmeisterschaften (1954, 1974, 1990) sind zwar als Ergebnisse verzeichnet, abgepfiffen, so wie zukünftigen Spiele und Titelgewinne auf dieser Zeitebene noch nicht existieren. Was existiert, ist lediglich die Vergangenheit als Erinnerung in der Gegenwart und die Zukunft als Erwartung in der Gegenwart, während die Gegenwart selbst, die gegenwärtige Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz, ein aus der Zukunft in die Vergangenheit an unserem Geiste vorüberziehender Moment ist. Bestimmt durch einen subjektiven Eindruck, der besonders deutlich erlebbar ist, wenn uns jene Zeit länger vorkommt als eine andere. Sprich: Führt die eigene Mannschaft kurz vor Spielende, dauert jede Minute – im negativen Sinne – eine Ewigkeit, liegt sie kurz vor Schluss zurück, scheinen die Minuten dahinzueilen. Ewigkeit im positiven Sinne gibt es im Fußball, wenn kurz vor Spielende der Ausgleich erzielt wird und das Spiel in die Verlängerung geht. Doch Vorsicht, dieses Gefühl ist trügerisch. Die „unendliche Dauer“ der Verlängerung ist, wie besonders das Spiel Deutschland-Italien bei der WM 2006 gezeigt hat, schneller vorbei, als man denkt. Zwei schnelle Gegentore und Schluss. Und so kommt auch Augustinus zu dem Ergebnis, dass nur Gott (hier nicht zu verwechseln mit Franz Beckenbauer oder Oliver Kahn) immer derselbe sei, seine „Jahre kommen und gehen nicht“. (XI, 16) Selbst wenn er irgendwann als unzeitiger, höchster Schiedsrichter die irdischen 90 Minuten abpfeift. mee