Für die DDR fand Tschernobyl nicht statt

Bürger erhielten erst verspätet dürftige Informationen – Gleichwohl gab das der Umweltbewegung Auftrieb. Von Carl-Heinz Pierk

Würzburg (DT/pi) Hunderttausende Hektar verstrahltes Land, Tod und Krankheit vieler Menschen. Dafür steht Tschernobyl, die Atomkatastrophe in der Ukraine, damalige Sowjetunion, vor 25 Jahren. Während der Atomunfall im Westen zum intensiv diskutierten Thema wurde, verschwiegen staatliche Stellen und Medien in der DDR das Ausmaß und versuchten die Konsequenzen herunterzuspielen. Von der Reaktorkatastrophe erfuhren die DDR-Bürger zunächst nur aus den Westmedien. Die verunsicherte SED-Führung versuchte vor allem eines: Das Geschehen zu verharmlosen. DDR- Umweltgruppen dagegen bemühten sich, über das Thema aufzuklären. Zudem regte sich Bürgerprotest an Standorten von Atomanlagen, so in der Umgebung der Baustelle des Atomkraftwerks Stendal im Bezirk Magdeburg. Dabei wurde die Katastrophe in Tschernobyl nicht allein in der DDR zum Aufbruchsignal für Ökologiebewegungen, sondern auch in weiteren Ländern des ehemaligen Ostblocks. In Litauen konnte sogar der Bau eines neuen Reaktors gestoppt werden.

Drei Tage waren seit dem Reaktorunfall am 26. April 1986 vergangen. Bis dahin hatte es in den Medien der DDR keine Nachrichten über eine radioaktive Wolke, die über Europa hinweg zog, noch über einen Reaktorunfall gegeben. Am 29. April 1986 erst ist im SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ auf der fünften Seite eine winzige Meldung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS abgedruckt: „Im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine hat sich eine Havarie ereignet. Einer der Kernreaktoren wurde beschädigt. Es wurden Maßnahmen zur Beseitigung der Folgen ergriffen. Den Betroffenen wird Hilfe erwiesen. Es wurde eine Regierungskommission eingesetzt.“ Und drei Tage nach dem Reaktorunfall wird auch im DDR-Fernsehen zum ersten Mal über die Katastrophe berichtet – in den Fernsehnachrichten der „Aktuellen Kamera“, und zwar am Ende der Sendung. Der Sprecher verliest auch nur eine aus insgesamt vier Sätzen bestehende Meldung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS, der zufolge sich im Kernkraftwerk in Tschernobyl eine „Havarie“ ereignet habe und einer der Kernreaktoren „beschädigt“ wurde.

Die „Aktuelle Kamera“ vom 6. Mai 1986 beschränkt sich auch an diesem Tag auf das Verlesen einer Meldung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS: „Das Gebiet rund um den Reaktor wird gesäubert und die evakuierten Menschen finden anderswo Arbeit ...“. Ausführlich widmet sich die Nachrichtensendung dagegen den amerikanischen Atomkraftwerken. „Die Zahl von Nuklearunfällen in den USA haben ständig zugenommen“, heißt es. „1985 war das Jahr mit der größten Pannenserie.“

Die Staatssicherheit wusste schon, welche Gefahren die Radioaktivität aus Tschernobyl mit sich bringt, sorgte aber dafür, dass die genauen Erkenntnisse nicht öffentlich wurden. Das „Staatliche Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz“ sammelte alle Daten, die schließlich in den Archiven der Stasi-Hauptabteilung XVIII (zuständig für die Absicherung der Volkswirtschaft) „endgelagert“ wurden. Die Katastrophe von Tschernobyl wurde umgehend zur Staatsangelegenheit erklärt. „Es bestand und besteht keinerlei Gefährdung für die Gesundheit der Bürger unseres Staates und der Natur“, beschwichtigten die von der Partei gelenkten Zeitungen.

Ganz im Sinne der Parteiführung meldeten sich auch Wissenschaftler der DDR zu Wort. Der Sprecher des „Staatlichen Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz“ erklärte: Eine Überprüfung der Sicherheit in den Kernkraftwerken der DDR sei „nicht relevant“: „Wir haben ganz andere Reaktoren.“ Und diese seien sicher und besäßen höchsten technischen Standard. Geradezu legendär wurde eine Formulierung des Chefs dieser Behörde, Georg Sitzlack. Von westdeutschen Journalisten im Mai 1986 auf den Reaktorunfall in Tschernobyl und die weitere Nutzung der Kernenergie angesprochen, sagte Sitzlack: „Jeder Schuster kloppt sich mal auf den Daumen. Wenn das der Maßstab wäre, hätten wir keine Schuhe.“ Am 25. Juni 1986, zwei Monate waren seit der Katastrophe von Tschernobyl vergangen, erteilte schließlich Erich Honecker fachkundigen Rat, wie man sich am Besten gegen radioaktive Strahlungen schützen könne: „Zu Hause waren wir sechs Kinder, und unsere Mutter hat immer den Salat gewaschen.“ Übrigens waren die Regale in den Supermärkten im Frühjahr 1986 überraschend gut mit Obst und Gemüse gefüllt. Eigentlich waren die Produkte für den Export in die Bundesrepublik vorgesehen. Dort wollte sie aber niemand haben. In der DDR allerdings auch nicht. Durch das Westfernsehen waren die Menschen gewarnt worden.