Frühstück und Diplomatenpost

„Der beste Tag unserer Firmvorbereitung“ – Ein Blick hinter die Kulissen der Apostolischen Nuntiatur in Berlin. Von Rocco Thiede

Leonora und Ludwig mit ihrem Pfarrer Josef Rudolf vor der Apostolischen Nuntiatur. Foto: Thiede
Leonora und Ludwig mit ihrem Pfarrer Josef Rudolf vor der Apostolischen Nuntiatur. Foto: Thiede

Politische Grenzen haben die Gemeinden des Erzbistums Berlin noch nie ernsthaft interessiert. Drei Bundesländer – Teile Mecklenburg-Vorpommerns und Brandenburgs sowie ganz Berlins – umschließen die erzbischöflichen Grenzen. Brisant ist das heute nicht mehr. War es aber einmal, als Berlin noch von einer Mauer geteilt war und der damalige Kardinal bisweilen täglich zwischen Ost und Westberlin hin- und herpendeln musste. An diese Zeit kann sich auch Pfarrer Josef Rudolf noch gut erinnern: Er war mehrere Jahre „Geheimsekretär“ von Kardinal Meisner und wechselte mit ihm zwischen den politischen Systemgrenzen, die es für die katholische Weltkirche de facto nicht gab. Berlin war geteilt. Das Erzbistum Berlin nie.

Später am Abend wird Pfarrer Rudolf lebhaft den jungen Mädchen und Buben von dieser Zeit berichten, eine Zeit, welche die heute 15- und 16-jährigen Firmlinge persönlich nie kennengelernt haben. Als Josef Rudolf in den Diensten des Kardinals stand, „saßen Honecker und Co. noch ganz sicher im Sattel und niemand hätte es damals für möglich gehalten, dass über Nacht ein kommunistisches System ohne Blutvergießen in sich zusammenfällt“, sagt er.

Ohne den Mauerfall hätte es hier am Rande der Berliner Hasenheide zwischen Kreuzberg und Neukölln nie den Neubau der Apostolischen Nuntiatur gegeben. Seit 2001 finden hier Empfänge statt. „Wir verlassen jetzt Deutschland“, sagt der Pfarrer geheimnisvoll und klingelt an einem Tor neben einem schmiedeeisernen hohen Zaun. Auf einem Schild über der Klingel steht schlicht in Versalien „Apostolische Nuntiatur“. Pfarrer Rudolf kündigt sich kurz durch die Gegensprechanlage an. Ein Summen ertönt und die Tür öffnet sich automatisch. „Nun stehen wir quasi auf vatikanischem Boden“, sagt Josef Rudolf. Der Innenhof ist schnell durchschritten, der Pförtner weiß um den Besuch der Gruppe Bescheid und bittet die Gäste, nachdem sie ihre Garderobe abgelegt haben, in einen Raum, wo auf einem runden, weiß gedeckten Tisch bereits Kaffee, Tee, Säfte, Wasser, Gebäck sowie frisches Obst auf sie warten. Die Wände zieren Gemälde mit goldenen Rahmen, auf denen Veduten, Landschaften oder religiöse Szenen dargestellt sind. In den hellen, mit weißem Marmor ausgekleideten Räumen stehen hier und da kleine Sitzgruppen. Frische Blumen geben neben alten und neuen Kunstwerken farbige Akzente in den klaren Raumfluchten. Gleich neben der Eingangstür hängt in einem schlichten Bilderrahmen ein Farbfoto mit Papst Franziskus. In der Empfangshalle stehen Bronzebüsten der letzten amtierenden Päpste. „Das antike Mobiliar“, erklärt der Pfarrer, der hier nicht zum ersten Mal zu Besuch ist, „stammt alles aus dem vatikanischen Fundus.“ „Auf dem Stuhl hier hat sogar schon Altkanzler Kohl Platz genommen“, sagt er zu einem der Mädchen. Als der Gastgeber Prälat Karel Simandl den Raum betritt und sich die beiden Geistlichen herzlich begrüßen, merkt man sofort, hier treffen sich nicht Kollegen, sondern alte Freunde. Nach der kurzen Vorstellungsrunde geht es auch schon um den besonderen Ort, seine Funktion und Geschichte. „Die Nuntiatur ist die Vertretung des Heiligen Vaters sowie des Vatikanstaates in Deutschland“, wird den Jugendlichen erklärt. Der Nuntius, seit 2013 Erzbischof Msgr. Nikola Eteroviæ, ein gebürtiger Kroate, ist der Gesandte des Papstes und außerdem der Doyen des Diplomatischen Korps in Deutschland. „Dies wiederum bedeutet“, so Prälat Simandl, „dass er alle Botschafter in Deutschland auch vertritt. Also wenn ein Botschafter neu ernannt wird oder er Deutschland verlässt, dann besucht er immer auch den Nuntius hier vor Ort.“ Zweimal im Jahr gibt es hier Empfänge – einmal im März immer am Tag zur Amtseinführung von Papst Franziskus und dann noch einmal im Dezember, wo vor allem kirchliche Repräsentanten kommen. Neben diesen politisch-diplomatischen Verpflichtungen gehört zu den Hauptaufgaben des Nuntius der ständige Austausch mit der Deutschen Bischofskonferenz, erfahren die Schulkinder, zum Beispiel, wenn es um die Besetzung von Bischofssitzen geht.

Vor dem Zweiten Weltkrieg stand die Nuntiatur im Berliner Tiergarten. Sie brannte aber durch eine Bombe in den letzten Kriegsjahren aus. Weil der Regierungssitz der alten Bundesrepublik nach Bonn verlegt wurde, ging auch die Nuntiatur an den Rhein. Seit Berlin wieder Hauptstadt des vereinigten Deutschlands ist, war auch klar, dass der Vertreter des Heiligen Vaters an die Spree zurückkehren wird. Der Bau und das moderne Haus fand bei den umliegenden Nachbarn nicht nur Freunde und musste anfangs teils gegen öffentlichen Widerstand aus den verschiedensten Richtungen – ob nun Naturschützer, Kirchengegner oder einfach nur Menschen, die um ihre Ruhe fürchteten – verteidigt werden. Mittlerweile haben sich alle miteinander arrangiert, erzählt Prälat Simandl.

Wie lange ist ein Nuntius im Amt? Wer entscheidet über seine Entsendung? Spendet er auch Taufen und Firmungen? Hat er besondere Rechte und Pflichten? Die Jugendlichen haben viele Fragen an den Prälaten, der auch schon in Bonn eine Zeit lang für den Vatikan tätig war. Perfekt spricht er deutsch und erklärt, dass hier auch italienisch zur Geschäftssprache gehört. Die Firmlinge erfahren darüber hinaus, dass jeder Nuntius immer ein Erzbischof sei und er eine gediegene diplomatische Ausbildung an der päpstlichen Akademie in Rom ganz in der Nähe des Pantheons durchlaufen habe. „Gehorsam müssen sie dann dahin gehen, wo man sie braucht“, ergänzt Pfarrer Rudolf und schaut dabei auf die jungen Christen, denen hier fast alles neu ist. In 180 Ländern hat der Heilige Stuhl diplomatische Vertretungen – also fast überall auf der Welt – ausgenommen in Staaten wie zum Beispiel im kommunistische Vietnam, China oder Saudi Arabien. Prälat Simandl hat von den päpstlichen Diplomaten schon die ungewöhnlichsten Geschichten gehört, etwa von jenem Mitbruder, der in Afrika Schlangen in seinem Bett vorfand oder einem anderen, der in einem Haus wohnen musste, das nicht einmal ein Dach hatte.

Insgesamt arbeiten hier 18 Personen: der Nuntius, zwei Nuntiatursekretäre, Prälat Karel Simandl sowie ein Pfarrer. Die fünf Geistlichen lösen sich auch jeden Morgen beim Feiern der Heiligen Messe ab. Die „guten Seelen“ der Nuntiatur sind vier polnische Ordensschwestern – die sich um das Wohl der Mitarbeiter und deren Gäste kümmern. Sie alle wohnen auch in der Nuntiatur. Die restlichen neun Mitarbeiter sind weltliche Beschäftigte und haben ihr Zuhause in den Berliner Stadtbezirken.

„Nur als uns Papst Benedikt hier vor drei Jahren besuchte, herrschte Ausnahmezustand“, erzählt Karel Simandl. „Überall war der BND und schaute in jede Ecke – aus meiner Sicht völlig übertriebene Sicherheitsmaßnahmen.“ Bis auf den Nuntius wurden alle ausquartiert. „In meinem Zimmer schlief damals Prälat Gänswein.“ Simandl hat den deutschen Papst als sehr bescheidenen Gast in Erinnerung behalten. „Zum Frühstück bat er um einen entkoffeinierten Kaffee – aber ausgerechnet den hatten wir nicht. Der Heilige Vater begnügte sich dann mit einem Glas heißer Milch sowie einem Marmeladenbrötchen“, erinnert sich der Prälat. Nach der Feier der Messe überließ der heutige Papst Emeritus seine Kasel der Nuntiatur. Stolz präsentiert sie Simandl den jungen Gästen in der Sakristei. Dort ist auch die originale Gründungsurkunde zur Nuntiatur zu sehen sowie als Kuriosum fünf kleine Playmobilfiguren mit den Namen der Geistlichen. „Immer die Figur, die neben dem Evangeliar steht, zeigt an, wer die Messe des kommenden Tages leitet.“

Die Firmlinge erfahren an diesem Nachmittag, der abends bei einer gemeinsamen Pizza in einem italienischen Restaurant nahe dem Hermann Platz gemütlich ausklingt, noch viele Details über den Alltag und die Arbeit in der Apostolischen Nuntiatur. „Besonders beeindruckt hat mich das Postsystem“, sagt Ludwig. In Zeiten von schnellen E-Mails, SMS und Handys kommt einmal in der Woche ein großer versiegelter Sack direkt vom Flughafen Tegel – „die sogenannte Diplomatenpost direkt aus dem Vatikan, und selbst Laien könnten diese in umgekehrter Richtung bei ernsthaften Angelegenheiten nutzen“, staunt er. Und Leonora schwärmt von diesem beeindruckenden Tag: „Das war mit Abstand der beste Tag im Kontext unserer Firmvorbereitung.“

Weitere Informationen finden Sie im Internet: www.nuntiatur.de