Frikadellen und Tomaten

In Paraguay halten sich viele Menschen mit „Gottes Hilfe“ als Kleinstunternehmer über Wasser. Von Benedikt Vallendar

Luci Espinoza in ihrem kleinen „Almacen“, ihrem Laden in Coronel Oviedo. Foto: Vallendar
Luci Espinoza in ihrem kleinen „Almacen“, ihrem Laden in Coronel Oviedo. Foto: Vallendar

Die Tomaten stammen aus dem eigenen Garten“, sagt Luci Espinoza stolz. Die haben ein ganz anderes Aroma als das Zeug aus dem Supermarkt, sagt sie. Das Fleisch bekommt Luci jeden Tag frisch geliefert, um daraus Frikadellen und kleine Holzspieße zu machen. Immer wenn die Spieße im heißen Fett brutzeln und ihren verführerischen Duft verbreiten, kommen die Kunden, weiß die gelernte Apothekengehilfin aus Erfahrung.

Schon in aller Herrgotts Frühe steht Luci in ihrer kleinen Küche mit offenem Verkaufsstand und bereitet die Mahlzeiten vor. Um sechs kommen die ersten Kunden, Arbeiter und Studenten, die sich statt Frühstück zu Hause einen kleinen Imbiss bei Luci holen und damit über den Tag kommen. Viele pendeln aus den umliegenden Dörfern, um in Coronel Oviedo zu arbeiten und zu lernen, denn die Stadt, rund 140 Kilometer südlich der Hauptstadt Asuncion an der Ruta 8 gelegen, ist bekannt für ihr breites Bildungsangebot.

Luci gehört in Paraguay zum Heer der so genannten „Microempresarios“, Kleinstunternehmer, die trotz harter Arbeit oft nur umgerechnet 100 oder 200 Euro im Monat erwirtschaften und gerade so über die Runden kommen. Ihre Geschäftsfelder sind vielfältig. Die einen verkaufen Spielzeug aus China, reparieren Wasserleitungen oder stehen am Straßenrand mit einer Kiste Erfrischungsgetränke, die sie für ein paar Cent Aufschlag pro Flasche an Autofahrer weiterreichen. Und fast immer findet sich am Verkaufsstand eine kleine christliche Reliquie, ein Kreuzchen oder eine Marienfigur, mit denen die Inhaber den Herrgott um ein gutes Tagesgeschäft bitten. Doch nur selten werden ihre Gebete auch erhört…

Paraguay ist, trotz Wirtschaftsboom, nach Haiti, das ärmste Land Lateinamerikas. Viele Menschen arbeiten im Niedriglohnsektor oder machen sich selbstständig, um irgendwie über die Runden zu kommen. Bei vielen reicht es gerade so zum Sattwerden. Von einer Krankenversicherung können die meisten nur träumen. Zwar gibt es einen gesetzlichen Mindestlohn von rund 320 Euro, doch kaum jemand zahlt diesen; viele Arbeitgeber sparen sich zudem die Sozialabgaben, da das staatliche Gesundheitswesen Paraguays (IPS) im Ernstfall kaum etwas leisten würde.

Nachts um drei ein kühles Bier

Indes hat die Masse der Kleinstunternehmer auch seine positiven Seiten. Denn fast immer gibt es in Paraguay jemanden, der etwas verkauft oder anbietet. Auch wer nachts um drei auf die Idee kommt, ein kühles Bier trinken zu wollen, findet in der Regel einen kleinen Laden um die Ecke. So fast auch bei Luci Espinoza, die mit Eltern, Bruder und einer Nichte im Haus lebt und ihren Laden erst abends gegen 23.00 Uhr schließt. Neben Frikadellen bietet Luci auch Süßigkeiten und Babykleidung an. „Pro Artikel verdiene ich im Schnitt 1 000 Guaranis, also umgerechnet 15 Euro-Cent“, sagt die 48-Jährige. Das scheint wenig. Doch die Kleinbeträge summieren sich, je länger Luci im Laden steht, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Nur sonntags öffne sie etwas später, sagt sie. Nach der Heiligen Messe um sieben Uhr morgens in der nahegelegenen Franziskanerkirche Santa Lucia, deren regelmäßiger Besuch einen festen Platz in Lucis Leben einnimmt.