Experten rätseln über neue Funde am See Genezareth

Archäologen haben in Israel die Überreste einer römischen Stadt entdeckt. Es könnte sich um Julias handeln, errichtet auf den Ruinen des Dorfes Bethsaida, aus dem Petrus stammen soll. Das Problem: Bethsaida wurde bereits entdeckt. Von Johannes Schidelko

Archäologische Funde sind in Israel immer für Schlagzeilen gut. Das gilt erst recht, wenn sie sich irgendwie mit König David – soeben wurde in Jerusalem ein angeblicher David-Pilgerweg entdeckt – oder mit den Anfängen des Christentums in Verbindung bringen lassen. So jetzt Bethsaida, nach der Bibel die Heimat der Apostel Petrus, Andreas und Philippus, die Jesus von ihren Fischernetzen weg berief und zu seinen Jüngern machte. In Bethsaida soll Jesus der Überlieferung nach zudem seine zweite Brotvermehrung vollbracht und einen Blinden geheilt haben. „Archäologen glauben, die verloren gegangene römische Stadt Julias entdeckt zu haben, den Heimatort der drei Apostel“, titelte in diesen Tagen die israelische Tageszeitung „Haaretz“.

Der israelische Archäologe Mordechai Aviam vom Kinneret College stieß demnach bei Ausgrabungen am Nordufer des Sees Genezareth, bei el-Aradsch, auf ein römisches Badehaus mit einem Komfort, der auf eine städtische Kultur hindeute. Aviam bringt seine Ausgrabung mit der Schilderung des jüdischen Schriftstellers Flavius Josephus in Verbindung. Demzufolge baute Philipp Herodes, Sohn des großen Königs Herodes, das Dorf Bethsaida zur Stadt aus und benannte diese nach Julia Augusta, der Gattin von Kaiser Augustus und Mutter von Tiberias.

Die Nachricht von der angeblichen Entdeckung der Stadt Julias fand internationale Resonanz. Damit verbunden war zugleich auch die Perspektive, hier ein neues Ziel für Pilger und Touristen erschließen zu können. Allerdings: Das seit der Antike verschollene Bethsaida wurde schon einmal entdeckt. 1987 hatte der Südtiroler Benediktiner-Archäologe Bargil Pixner bei Et-Tell im Bereich des Jordan-Nationalparks, etwa zwei Kilometer nördlich von der jetzigen Fundstelle, ebenfalls eine Grabungsstätte als Bethsaida identifiziert.

Nach elfjährigen Grabungen insbesondere durch die US-Universität von Omaha/Nebraska wurde die Stätte im März 1998 feierlich eröffnet. Auf einem kleinen Schutthügel oberhalb der idyllischen Flachlandschaft am oberen Jordanlauf gaben Archäologen, Kirchenvertreter und Politiker – das israelische Tourismusministerium war durch Generaldirektor Shabtai Shay vertreten – die Stätte des Fischerortes für Besucher frei.

Der See Genezareth, der nun zwei Kilometer südlich beginnt, soll damals mit einer Lagune bis zum Fischerort gereicht haben. Entdeckt wurden in den 1980er Jahren ein „Fischerhaus“, in dessen Hof die Archäologen Bleiwinkel zum Beschweren der Netze, fünf Steinanker und anderes Fischergerät fanden. Nicht weniger eindrucksvoll waren die Reste aus der biblischen Königszeit, eine imposante Zyklopenmauer. Es handele sich um die Hauptstadt des antiken Geschur, betonte damals der Archäologe Rami Arav aus Nebraska. Von hier stammte der Überlieferung nach die Königstochter Maacha, die später Davids Frau wurde.

Als Papst Johannes Paul II. (1978–2005) im Jahr 2000 das Heilige Land besuchte, stand zunächst auch Bethsaida-et-Tell – die Heimat seines Vorgängers Petrus – auf dem Programm. Aus Zeitgründen wurde es gestrichen. Dafür berichtete der Benediktiner-Archäologe Pixner dem Papst bei einer kurzen Begegnung im benachbarten Heiligtum von Tabgha von den Ausgrabungen. Und er überreichte ihm den „Schüssel zum Haus des Petrus“, eine Zarge, die er im Hof des „Fischerhauses“ gefunden hatte.

Welches das echte Bethsaida ist, darüber dürfen nun Historiker und Archäologen rätseln. Möglicherweise keines von beiden, zweifelt ein Experte in Jerusalem. Denn in der Region könne man fast unter jedem Hügel antike Überreste finden. Der Volksmund hält es mit Pixners Grabungsstätte et-Tell. Der idyllische Naturpark entlang des Jordanverlaufs hat den Namen Beit Tsaida Zachi Reserve.