Esthers reisen: Das Universum der Medusen

Von Esther v. Krosigk

Ob ich den Ongeim'l Tketau kenne, fragten mich die eingeborenen Fischer eines Tages auf Palau. Als ich verneinte, meinten sie, ich solle einmal mitkommen, denn dort gebe es etwas, das sei einzigartig auf der Welt.

Für Ungewöhnliches mit einer Prise Abenteuer war ich stets zu haben, also stimmte ich dem Vorhaben zu. Mit mir stieg am nächsten Tag noch ein weiteres europäisches Ehepaar in das Motorboot, wir starteten gegen Mittag. Mikronesien, zu dem die Republik Palau gehört, ist ein Inselmeer aus über zweitausend Inseln und Atollen im Pazifischen Ozean. Auf unserer fast einstündigen Fahrt passierten wir Dutzende kleiner und kleinster Inseln, die oberhalb des felsigen Ufers dicht bewaldet waren. Schließlich machten wir an einer sandigen Stelle an einem dieser Eilande Halt und folgten den Eingeborenen auf einem schmalen Weg hügelaufwärts durch das Dickicht. Nun sollte ich erfahren, was sich hinter dem seltsamen Namen Ongeim'l Tketau verbarg: Es war ein großer See inmitten der Insel, inmitten des Buschwerks. Aber das begriff ich erst, als ich bereits im Wasser eines Zuflusses war und durch die Mangrovenbäume auf den See zuschwamm. Bevor die Fischer mich dazu aufforderten und mir ferner rieten, so weit hinaus zu schwimmen wie ich nur konnte, hatten sie den Stand der Sonne geprüft. Ich sah den stark glitzernden See durch das hohe Wurzelgezweig der Mangroven hindurch, ich schwamm ins Licht. Als ich die Mitte des riesigen Gewässers erreichte, tauchte ich hinab und öffnete die Augen. Um mich herum erblickte ich eine Welt von bizarrer Schönheit, die von tausenden schleierhafter Wesen verschiedener Größen und Farben bevölkert war. Ein zartes Leuchten ging von ihnen aus. Und in einem unaufhörlichen, nicht enden wollenden Strom stiegen sie aus dem Dunkel auf – Myriaden von Quallen, Süßwasser-Medusen, von der Sonne aus ihrem Reich der Tiefe an die Oberfläche gelockt. So fand ich mich wieder in einem Universum dahingleitender Sterne, die mich berührten, freigaben und weiterzogen. Der Schwarm schwoll an, das All bevölkerte sich und in jenen kurzen Augenblicken, in denen ich mich jeweils unter Wasser halten konnte, existierten nur sie und ich und jene Macht, die dieses Wunderwerk zustande brachte. Später erfuhr ich, dass über 1, 5 Mio. Medusen in dem See leben und nur für wenige Minuten am Tag ihren Platz in der Tiefe verlassen.