Erst das Essen, dann die Ökologie

Während die Deutschen aus der Atomenergie aussteigen wollen, setzen Mittel- und Osteuropäer weiter auf die Kernkraft. Warum? Von Oliver Maksan

Blick auf den zerstörten Unglücksreaktor 4 des Kernkraftwerkes Tschernobyl, aufgenommen am vergangenen Freitag. Der frühere Direktor des Kernkraftwerks, Michail Umanez, hat 25 Jahre nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl vor einem neuen schweren Nuklearunfall an der maroden ukr... Foto: dpa
Blick auf den zerstörten Unglücksreaktor 4 des Kernkraftwerkes Tschernobyl, aufgenommen am vergangenen Freitag. Der früh... Foto: dpa

München (DT) Während Fukushima das beschleunigte Ende der Atomkraft in Deutschland eingeleitet hat, geben sich die mittel- und osteuropäischen Nachbarn ungerührt und halten an der Atomkraft fest.

Über die Gründe gab der Vorsitzende der Grünen in Tschechien, Ondrej Liska, kürzlich in der Katholischen Akademie in München bei der Veranstaltung „Tschernobyl – 25 Jahre nach der Katastrophe“ Auskunft. „In Tschechien wird das umstrittene Atomkraftwerk Temelin als Thema staatlicher Souveränität betrachtet“, so der Atomgegner. Kritik etwa vom Nachbarn Österreich oder aus Bayern werde reflexartig abgewehrt, nicht selten mit geschichtlichen Verweisen auf den Zweiten Weltkrieg. Hinzu komme, dass die politische Elite des Landes personell engstens mit dem Energiekonzern CEZ, der zu 63,4 Prozent in Staatsbesitz ist, verflochten sei. Weil Politiker in Führungspositionen des Konzerns einschließlich des Aufsichtsrates und umgekehrt wechselten, seien weder ein rationaler Umgang mit dem Thema noch echte Transparenz möglich.

Aber auch im Volk genieße die Atomkraft, auch nach Fukushima, hohe Zustimmungswerte. Die im kollektiven Gedächtnis der Deutschen bis heute fortwirkende Traumatisierung durch Tschernobyl 1986 gebe es in der Tschechei schlicht nicht. Der Unfall sei den Tschechen damals von der kommunistischen Führung wochenlang vorenthalten und dann erst in verharmlosender Weise mitgeteilt worden. Neben den Grünen gebe es einige wenige Nichtregierungs-Organisationen, die sich für einen Bewusstseinswandel im Volk einsetzten. Nur lokal rege sich gelegentlich Widerstand, wenn es um Endlagerungsfragen und ähnliches gehe. Weit über 60 Prozent der Tschechen seien aber nach wie vor von der Zukunft der Atomkraft überzeugt, so Lischka. Und tatsächlich wird in Tschechien der Ausbau von Temelin erwogen, ein Projekt, das durch den deutschen Atomausstieg sogar noch Auftrieb bekommen hat. Denn künftig sehe sich das Land, so der tschechische Grünen-Chef, als Energielieferant des deutschen Nachbarn.

Eine Überlegung, die auch von den Ukrainern angestellt wird. Nach Auskunft des Geschäftsführers der Ökologie-Kommission der römisch-katholischen Kirche in der Ukraine, Aleksander Bokoteys, werde bis 2022 eine Verdoppelung der derzeit 20 in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke angestrebt. „Die wirtschaftliche Lage ist schlecht in meinem Land. Die Menschen denken zuerst ans Überleben. Das hindert sie daran, an Ökologie zu denken“, so Bokotey. Dies zu ändern bemüht sich die katholische Kirche des Landes seit Jahren. Mit ökumenischen Projekten, vom Münchener LMU-Lehrstuhl für christliche Sozialethik unterstützt, versuche man aus christlicher Schöpfungsverantwortung heraus, das Umweltbewusstsein der Ukrainer zu bilden. Nicht nur der Einsatz für erneuerbare Energien, die am Energiemix der Ukraine kaum mehr als ein Prozent ausmachen, sondern auch auf die Müllproblematik und den verantwortungsvollen Umgang mit Wasser wird durch Konferenzen und Publikationen hingewiesen. Auf die Publikumsfrage indes, was die Ukraine aus Tschernobyl gelernt habe, antwortete Bokotey knapp: nichts.

Dabei sind durch das Unglück in der ehemaligen Sowjetrepublik bis zu 250 000 Umsiedler aus den etwa 400 zerstörten Ortschaften betroffen. Viele der etwa 600 000 Helfer leiden an gesundheitlichen Spätfolgen – wie der Russe Nicolaj Bondar. Er war als 23-jähriger Reservist einer der Liquidatoren – also der Männer, die sich unmittelbar nach der Katastrophe ins Innere des Reaktors wagten. Seine Aufgabe war es, das Wasser, das sich unter dem Reaktor angesammelt hatte, abzupumpen, um eine Explosion und damit noch Schlimmeres zu verhindern. Die Folgen zeichnen ihn bis heute. So sind alle seine inneren Organe schwer verstrahlt. Er leidet am Herzen. Viele seiner Mitstreiter von damals sind bereits gestorben. Für den besonders gefährlichen Einsatz hatte er sich aber freiwillig gemeldet. „Mein Leben war mir nicht so viel wert wie das von Millionen Menschen hinter meinem Rücken“, so Bondar. „Es war unsere Pflicht als Soldaten und als Männer, dem Vaterland und unseren Familien zu helfen.“ Keiner seiner vier Mitstreiter, die ins Innere des Reaktors vorgedrungen seien, habe es bereut. „Hätten wir es nicht gemacht, hätten sich andere gefunden.“ Zwar habe Japan Roboter geliefert. Aber die seien nach ein paar Stunden ausgefallen. „Und so wurden wir zu Biorobotern“, so Bondar. 25 Jahre nach Tschernobyl sind die Erkrankungen an Schilddrüsenkrebs, so Bondar, noch immer eklatant hoch. Angaben der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW zufolge seien etwa 50 000 bis 100 000 Liquidatoren an den Folgen der Verstrahlung gestorben. Und noch immer würden in deutlich höherem Ausmaß missgebildete Kinder geboren. Tschernobyl: Eine Vergangenheit, die nicht vergehen will.